Binden und Lösen

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This article is a translation of: David N. Bivin, “‘Binding’ and ‘Loosing’ in the Kingdom of Heaven,” Jerusalem Perspective 23 (1989): 12-13 [https://www.jerusalemperspective.com/2433/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein. Mt 16,19 (rev. Elb. Üb.)

Die hebräischen Wörter für binden und lösen (asar) und (hitir) erscheinen in der hebräischen Bibel mit mehr als einer Bedeutung. In Ri 15,12 und 16,11 heißt es binden, fesseln, 2Kö 17,4 verhaften, 1Mo 46,29 anspannen (einen Wagen), 1Mo 49,11 anbinden. Hitir ist das genaue Gegenteil von asar.

Zur Zeit Jesu hatte asar eine zusätzliche Bedeutung gewonnen, und zwar von verbieten, und hitir von erlauben. In diesem Sinn werden die beiden Wörter in der rabbinischen Literatur am häufigsten angetroffen.

Die Rabbinen wurden von den Anhängern ihrer Gemeinschaft immer wieder um die Auslegung von Schriftstellen gebeten. Die Bibel verbietet z. B. die Arbeit am Sabbat, aber sie sagt nicht, was Arbeit ist. Folglich ging man zu den Rabbinen, um von ihnen zu erfahren, welche Tätigkeiten am Sabbat erlaubt sind. Sie banden bzw. verboten gewisse Tätigkeiten und lösten bzw. erlaubten andere.

Die Mischna enthält viele rabbinische Anordnungen über Dinge, die erlaubt oder verboten sind, wie z.B.

Im vespasianischen Krieg verbot (band) man die Bräutigamskronen und die Handtrommel. Im Krieg des Titus verbot (band) man die Brautkronen und dass man seinen Sohn das Griechische lehre. Im letzten Krieg (Bar Kochba Revolte) verbot (band) man, dass die Braut in einer Sänfte durch die Stadt ziehe. Unsere Lehrer aber haben es erlaubt (gelöst), dass die Braut in einer Sänfte durch die Stadt ziehe. (Sota 9,14)

Wer sich Milch versagt, dem ist Molke erlaubt (gelöst). Rabbi Jose aber verbietet(bindet) sie ihm … Wer sich Fleisch versagt, dem ist die Brühe und der Bodensatz erlaubt (gelöst) (das Wasser; in dem das Fleisch gekocht wurde) … Rabbi Jehuda aber verbietet (bindet) es … Wer sich Wein versagt, dem ist ein Gericht, in dem ein Weingeschmack ist, erlaubt (gelöst). (Nedarim 6,5-7)

Wenn jemand Früchte in .Syrien verkauft und sagt; Sie seien aus dem Lande Israel, muss man sie verzehnten. (Fügt er hinzu): Sie seien verzehntet, so ist er beglaubt; denn derselbe Mund, der (die Früchte) für verboten (gebunden) erklärt, erklärt sie wieder für erlaubt (gelöst). (Demai 6,11)

Vollmacht im Reich der Himmel

Die Wörter, die im griechischen Text Mt 16,19 mit binden und lösen übersetzt werden, sind Formen des Verbes 81;1V (dein) und (lyein). In der Septuaginta steht dein für das hebräische Wort (asar), während Iyein zweimal für (hitir) gebraucht wird. lm normalen Koine-Griechisch ist der Bedeutungsumfang ähnlich wie im Falle des älteren asar – binden, anbinden, verhaften usw. während Iyein das Gegenteil aussagt, wie losbinden, lösen, aus der Haft entlassen. Keine dieser Bedeutungen scheint auf die Wort Jesu an Petrus anwendbar zu sein.

Die Jerusalemer Schule glaubt, dass die Evangelien Matthäus, Markus und Lukas auf der griechischen Übersetzung eines ursprünglich hebräischen Textes basieren. Wenn das so ist, dann ist es sehr möglich, dass der griechische Übersetzer Formen der Verben dein und lyein gebrauchte, um asar und hitir zu übersetzen, anstatt in einer freien Übersetzung die damals noch nicht so lange in Umlauf befindliche Bedeutung dieser hebräischen Wörter zu benutzen. Die Wahl des Übersetzers würde mit der allgemeinen Praxis übereinstimmen, Äquivalente zu gebrauchen, die sich über Generationen hinweg eingeführt hatten, anstelle einer heute üblichen dynamischen
Übersetzung. Mit anderen Worten, der Übersetzer ins Griechische mag die Wörter asar und hitir durch ihr entsprechendes Wort in der Septuaginta ersetzt haben, obgleich sie inzwischen die Bedeutung von verbieten und erlauben angenommen hatten.

Die Bewegung Jesu

Auf eine kurze Formel gebracht, nannte Jesus seine Bewegung Reich der Himmel. Ein neues Phänomen in der jüdischen Geschichte. Es würden Situationen entstehen, mit denen bisher keiner der Angehörigen etwas zu tun gehabt hatte und worüber die Bibel selbst auch nicht Auskunft gibt.
Jesus, ihr Lehrer, würde nicht mehr da sein, um Entscheidungen zu treffen, zu entscheiden, was erlaubt und was verboten ist. Andere würden seine Stelle einnehmen.

Petrus wurden die Schlüssel des Himmelreichs gegeben. Schlüssel symbolisieren Vollmacht, siehe Jes. 22,20-22. Und es wird geschehen an jenem Tag, da werde ich meinen Knecht Eljakim rufen … und werde deine Herrschaft in seine Hand geben.,. Und ich werde den Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen. Er wird öffnen, und niemand wird schließen, er wird schließen, und niemand wird öffnen. Auf ähnliche Weise bevollmächtigte Jesus seinen Jünger Petrus, aufgrund der Schrift Lösungen für die Probleme der frühen Gemeinde zu finden, die unweigerlich nach Jesu Tod auftreten würden. Petrus sollte nicht unentschieden sein; denn Jesus hatte ihm die Vollmacht dazu gegeben, bindende Anordnungen für die Kommunität zu treffen, und hatte ihm versprochen, dass der Himmel seine Entscheidungen unterschreiben würde. Was immer du auf der Erde binden wirst, wird im Himmel gebunden sein – die Entscheidungen haben die Vollmacht vom Himmel her -, in anderen Worten, Gott selbst würde sie stützen; denn Himmel war damals ein allgemeiner euphemistischer Ausdruck für den Namen Gottes.

Ein klassisches Beispiel:

Die leitenden Männer der heuen Bewegung wurden eines Tages, ähnlich wie die Weisen jener Tage, von ihrer Gemeinschaft darum gebeten, die Schrift auszulegen, Streitigkeiten zu regeln und Antworten für Krisenzeiten zu finden. Manchmal mussten sie sich auch um relativ unbedeutende
Konflikte kümmern, wie die Klagen der griechischsprechenden Juden, die sich darüber beschwerten, dass ihre Witwen schlechter behandelt wurden als die hebräischsprechenden (Apg. 6,1-6). Zu anderen Zeiten mussten die Leiter auch Probleme ernsterer Natur bewältigen.

Apg. 15 beschreibt eine Kontroverse, die die Frage zum Gegenstand hatte, ob Heiden gleich in die Gemeinde aufgenommen werden durften, ohne sich vorher beschneiden zu lassen und
die Verpflichtung einzugehen, die Tora zu beobachten. Die getroffene Entscheidung ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die leitenden Männer der neuen Bewegung ihre Vollmacht zu binden und zu lösen ausübten.

Die Apostel und Ältesten kamen in Jerusalem zusammen, und nach langen Debatten erklärte Petrus, das Joch der Torabestimmungen sei zu schwer für die Heiden (15,10), sie müssten von der Verpflichtung auf die Tora gelöst werden. Jakobus, der Bruder Jesu, trat auf, er jedoch band und löste. Er verordnete, die Heiden, die Mitglieder der Bewegung würden, müssten sich von Verunreinigungen der Götzen, Unzucht, Ersticktem und Blut distanzieren. Das waren in jüdischen Augen die für Heiden charakteristischen Sünden.


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