This article is a translation of: David N. Bivin, “‘Jehovah’: A Christian Misunderstanding” Jerusalem Perspective 35 (1991): 5-6 [https://www.jerusalemperspective.com/2610/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Für ein gründliches Verständnis der Bibel ist die Kenntnis antiker jüdischer Sitten und Gebräuche unabdingbar. Ein Beispiel dafür ist der in vielen christlichen Bibeln verwendete Name Jehova, der seinen Ursprung einem Mangel an Wissen um jüdische Gepflogenheiten verdankt.
Aussprache
In der hebräischen Bibel wird der Name Gottes in vier Buchstaben geschrieben – yod, heh, vav, heh (IHWH). Daher die Bezeichnung Tetragramm. Dieser Name kommt in der hebräischen Bibel mehr als 6000 mal vor.
Linguistische Vergleiche mit anderen semitischen Sprachen haben Gelehrte davon überzeugt, dass die Aussprache Jahwe sein müsste. Die Aussprache der ersten Silbe des Tetragramms wird bestätigt durch die abgekürzte Form des Gottesnamens Jah in einer Reihe von Übersetzungen. Diese Form wird hin und wieder in der biblischen Poesie verwendet (Ps 68,4). Eine weitere Bestätigung ist Jah als Suffix in vielen hebräischen Namen wie z. B. Elija, Obadja u. a..
In der Zeit des Ersten Tempels, jedenfalls bis zur Babylonischen Gefangenschaft um 586 v. Chr., wurde der Name Gottes im täglichen Leben ausgesprochen. Im 3. Jh. v. Chr. vermieden die Juden mehr und mehr den Gebrauch des Namens, während weiterhin die Priester im Tempel bei bestimmten Zeremonien den Namen aussprachen. Der Jude auf der Straße sagte jetzt stattdessen ha-Makom (Ort), ha-Gavoa (Höhe), ha-Laschon (Zunge), ha-Gvura (Kraft – Lk 22,69), und ha-Schamajim (Himmel). Bei der Schriftlesung pflegte man das Tetragramm durch Adonai, Herr (wörtlich meine Herren), zu ersetzen bzw. auch durch Elohim, wenn das Tetragramm im Text schon mit Adonai verbunden war. Selbst das weniger bedeutungsvolle Elohim, das auch Götzen heißen konnte, wurde im Gespräch vermieden.
Die Zurückhaltung beim Aussprechen des heiligen Namens ist auf eine wörtliche Interpretation des dritten Gebots zurückzuführen (2Mo 20,7; 5Mo 5,11). Du sollst den Namen JHWH’s deines Gottes nicht unnütz gebrauchen. Obwohl die ursprüngliche Bedeutung sicherlich darin lag, dass man den Namen Gottes nicht zu einem falschen Schwur missbrauchte, glaubte man, man dürfe den heiligen Namen nicht unehrerbietig oder frivol in den Mund nehmen. Damit sollte das Risiko einer Verletzung des Gebots in einem Gespräch ausgeschlossen werden. Zur Zeit Jesu wusste man noch um die rechte Aussprache, man verwendete jedoch immer einen Ersatz. Diese Tradition wird bis heute fortgesetzt, selbst unter säkularen Juden. Die Orthodoxen sagen Elokim, um Elohim zu vermeiden, in deutschen Texten wird G-tt statt Gott geschrieben.
Vokalisierung des Textes
Bis zum Mittelalter wurde Hebräisch ohne Vokalzeichen geschrieben. Als die Hebräischkenntnisse abnahmen, wurde es für jede Generation schwieriger, sich die Aussprache und Betonung der Wörter im biblischen Text zu merken. Im 6. Jh. n. Chr. gab es nur noch wenige einheimische Hebräisch sprechende Juden, die andern hatten weitgehend nur eine passive Kenntnis der Sprache. Damals entwickelten jüdische Gelehrte, Masoreten genannt, ein Vokalsystem, um dem Leser bei der richtigen Aussprache zu helfen.
Die Masoreten gebrauchten Vokalzeichen, die sie für den hebräischen Bibeltext geschaffen hatten, der bis dahin nur aus Konsonanten bestanden hatte. In Übereinstimmung mit der Überlieferung aus dem 3. Jh. v. Chr. setzten sie die Vokalzeichen für Adonai auf die vier Konsonanten des heiligen Namens. Diese sollten den Leser daran erinnern, den unaussprechlichen Namen Gottes nicht zu betonen. So wurde JHWH Adonai gelesen.
Als christliche Gelehrte in Europa mit dem Hebräischstudium begannen, haben sie dieses warnende Element missverstanden. Da ihnen elementaren Kenntnisse der jüdischen Kultur und Gebräuche fehlten, waren dumme Fehler vorprogrammiert. In seinem 1518 erschienenen Werk De arcanis catholicae veritatis, einem monumentalen Werk christlicher Mystik, verband der italienische Theologe und Franziskanerpater Galatinus die Vokalzeichen von Adonai mit den Konsonanten von JHWH – ohne zu wissen, dass die Masoreten JHWH die Vokalzeichen eines anderen Wortes beigegeben hatten -, und gab damit der Kirche den Namen Jehova, ein Wort, das im Hebräischen keine Bedeutung hat. Der erste Konsonant des Wortes, J, wurde in ein lateinisches J verwandelt, während der dritte Konsonant, der W-Laut, zu einem v wurde.
Ich glaube, wir sollten als Christen der alten jüdischen Tradition gegenüber sensibel sein. Wenn wir auch meinen mögen, dass die alten jüdischen Exegeten zu pedantisch bei der Auslegung des dritten Gebots vorgingen, sollten wir dennoch bemerken, dass Jesus selbst offensichtlich den Gebrauch des göttlichen Namens vermieden hat und Ersatzausdrücke wie Himmel oder Kraft verwendete. Mit Sicherheit sollten wir keine neuen Namen für Gott erfinden, wie Jehova, nur weil uns jüdische Gepflogenheiten unbekannt sind.
Es ist wirklich schade, dass man diesen Irrtum, den man seit langem erkannt hat, dennoch immer wieder in christlichen Büchern, Gesangbüchern, Liedern und sogar Bibelübesetzungen vorfindet. Die revidierte Elberfelder Übersetzung hat hier eine gute Arbeit geleistet. In englischen Übersetzungen wird der Fehler teilweise fortgesetzt. Das Nicht-Wort Jehova wäre eigentlich ein amüsanter Fehler, wenn es nicht so auffällig christlichen Mangel an Kenntnis in Bezug auf Hebräische Sprache und jüdische Praxis offenbaren würde.
(Unter dem Titel Irrtümer im Umgang mit heiligen Namen geht Bivin in einem Artikel in der nächsten Ausgabe von PJ auf den nicht immer weisen Gebrauch heiliger biblischer Namen heute ein.)
Die Bedeutung des unaussprechlichen Namens
Die Wurzel von JHWH ist nach Meinung vieler Gelehrter h-w-h, eine Variante aus dem 2. JT. v. Chr. zur h-j-h-Wurzel des 9. – 7. Jh. v. Chr. mit der Bedeutung von sein. Das Tetragramm wurde als Prefix-Form (3. Person Masc. Sing.) des Verbes angesehen, mit der Bedeutung er ist. In diesem Falle wäre der Name ein Statement, dass Gott existiert und könnte den Kontrast zwischen Gott und den Götzen aufzeigen. Andererseits könnte JHWH auch die kausative Form des Verbes sein mit der Bedeutung er verursacht zu sein. Dadurch würde er entweder als die gegenwärtige Quelle des Lebens oder seine Rolle als Schöpfer betont (vergl. Schöpfer Himmels und der Erde – 1Mo 14,19,22).



