Inspiration, Geschichte und Bibelübersetzung

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Dieser Artikel ist eine Übersetzung von: Randall Buth, “Inspiration, History and Bible Translation,” Jerusalem Perspective 36 (1992): 3-7 [https://www.jerusalemperspective.com/2625/]. Diese Übersetzung wurde ursprünglich auf Perspektive aus Jerusalem veröffentlicht, der ehemaligen deutschsprachigen Website, die von Horst Krüger in Zusammenarbeit mit Jerusalem Perspective herausgegeben wurde.

Was für eine Art Buch ist die Bibel? Sie beansprucht für sich, dass sie durch Gott inspiriert wurde, aber was bedeutet das für Forscher, für Bibelübersetzer und für den Gläubigen generell? Diese Fragen tauchen immer dann auf, wenn die Bibel hinsichtlich des vorhandenen kulturellen, sprachlichen und geschichtlichen Hintergrunds untersucht wird. Ich möchte die Frage der Inspiration aus der Perspektive des Übersetzers ansprechen, der zwischen Forschern und dem allgemeinen Leser steht.

Bevor ich fortfahre, muss ich jedoch darauf hinweisen, dass sich die Gelehrten der Jerusalemer Schule für Synoptische Forschung aus Juden und Christen zusammen setzen, und sogar wir Christen nicht immer in allen theologischen Punkten übereinstimmen. Ein Teil der Forschung dieser Schule bekräftigt, was die meisten Christen über die Bibel glauben. Ein anderer Teil wirft sowohl alte als auch Fragen auf. So werden die Leser gemahnt, die Bibel sorgfältig zu untersuchen, wie es die Menschen in Beröa taten (Apg. 17,11).

Hintergrund

Im 2.Jahrhundert n. Chr. führten Unterschiede zwischen den Evangelien dazu, dass Tatian eine “Evangeliumsharmonie” in Syrisch verfasste, welche bis zum vierten Jahrhundert n.Chr. von östlichen Kirchen als Text bevorzugt wurde. Im 5.Jahrhundert n.Chr. stimmten die östlichen Kirchen jedoch weitestgehend überein, dass Gott uns die vier Evangelien unumschränkt gegeben hat, und dass wir sie als Regel oder Kanon der Kirche einschließlich ihrer Schwierigkeiten akzeptieren sollten.

Unsere eigene Generation hat viele Perspektiven zur biblischen Inspiration generiert, wie in verschiedenen Büchern wie The Battle for the Bible (1976) von Harold Lindsell, Fundamentalism (1978) von James Barr, und The Scripture Principle (1984) von Clark Pinnock nachzulesen ist. Die Probleme der Definition und des Verständnisses bestehen weiter. Der nahezu einzige Konsens ist heute inmitten der verschiedenen theologischen Perspektiven, dass die Bibel nicht diktiert wurde – die menschliche Individualität der verschiedenen Autoren wurde nicht verletzt.

Zwei Bibelstellen stellen ein Selbstzeugnis der Bibel selbst dar: “Und ihr wollt doch nicht etwa die Heilige Schrift für ungültig erklären?” (Joh. 10, 35), und “…die ganze Heilige Schrift ist von Gott eingegeben. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt.” (2.Tim 3, 16). Während diese Bibelstellen die Basis für Autorität und Glaubwürdigkeit darstellen, sprechen sie jedoch weder das Verhältnis zwischen dem Autor und dem Heiligen Geist an, noch spezifizieren sie, welches Niveau an detaillierter Inspiration die “Fakten” einer Aussage, wenn überhaupt, garantieren.

Inspiration für die “Alten”

Was impliziert Inspiration? Viele “Alten” berücksichtigten, dass Inspiration einen Text hervorbrachte, der von versteckten Bedeutungen unter der Oberfläche übersät war. Die Rabbiner akzeptierten generell die oberflächliche wortwörtliche Bedeutung, die Peshat, und die weiterführende Bedeutung, manchmal Derash genannt. Einige der frühen christlichen Ausleger verneinten jedoch die wortwörtliche Bedeutung. Beachten Sie, wie der Autor des Briefes von Barnabas (90 – 130 v.Chr.) die Juden dafür verurteilte, dass sie die Schriften wortwörtlich nahmen, und er die nicht-wörtliche Bedeutung als “geistlich” bezeichnet.

Wenn Mose zum Volk Israel sagte: “Schwein, Geier, Falke oder Fische ohne Schuppen dürft ihr aber nicht esse” (3. Mose 11, 5. Mose 14), dachte er an drei Doktrinen. Er sagt zudem in 5. Mose: ” Und ich möchte einen Bund mit meinem Volk schließen”. Gottes Gesetz ist also nicht Abstinenz vom Essen, sondern Moses sprach im Geist. Er erwähnte das Schwein, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mit Menschen zusammen tun sollten, die wie Schweine sind, die, wenn sie genügend haben, den Herrn vergessen, aber wenn sie etwas benötigen, den Herrn wieder erkennen: “Geier, Falke oder Rabe dürft ihr nicht essen”. Er meint damit, dass sie sich an diese Menschen hängen sollten, oder wie sie werden sollten [wie diese Vögel], die nicht wissen wie sie Ihr Essen durch Arbeit und Schweiß bekommen worden, aber die in ihrer Ungerechtigkeit den Besitz anderer Menschen plünderten.
Du sollst kein Neunauge, Polypen oder Fintenfisch essen
Mose meint damit, dass wir uns nicht mit Menschen einlassen sollten, oder so werden wie Menschen, die äußerst ungöttlich oder schon dem Tod geweiht, wie schon diese Fische verflucht sind, die auf dem tiefen Wasser treiben und nicht schwimmen wie die Lebenden, aber auf dem Meeresboden leben…. Mose erhielt die drei Glaubensätze, die sich mit dem Essen befassten und sprach zu dem Volk im Geist: aber sie nahmen es als eine Lehre an, die das Essen selbst betraf, anstatt der Lust des Fleisches. Sehen wir, wie gut Mose das Gesetz erließ. Aber wie war es überhaupt möglich, dass sie diese Dingen verstehen konnten? Wir jedoch, die ein rechtes Verständnis von ihnen haben, verkünden die Gebote, wie der Herr es wünschte. Darum hat er unsere Ohren und Herzen beschnitten, so dass wir diese Dinge verstehen konnten (Epistel des Barnabas 10, 1-12).

Einige jüdischen Gelehrten zeigten Unstimmigkeiten auf, als sie nur einige Bücher in dem Kanon aufnahmen, nachdem sie diese nicht wortwörtlich übersetzten.

Ursprünglich wurden die Sprüche, das Hohelied und die Prediger unterdrückt. Da sie als reine Gleichnisse gehalten wurden und nicht als Teil der Heiligen Schrift, unterdrückten sie [die religiösen Behörden) sie. So bleiben sie, bis die Angehörigen des großen Rates sie [im geistlichen Sinne] interpretierten” (Avot de-Rabbi Natan 1)

Die meisten Gelehrten in der heutigen theologischen Welt würden solche nicht-literarischen Ansichten der Interpretation ablehnen. Es gibt zwei philosophische Ansätze, die eine Definition ermöglichen: der idealistische und der empirische Ansatz. Manche haben argumentiert, dass ein perfekter Gott ein “perfektes” Dokument inspiriert haben würde. In einem solchen Ansatz muss man ständig “perfekt” neu definieren, so dass es den Daten des Textes entspricht. Im empirischen Ansatz würde man den Text untersuchen und durch Anmerkungen des Textes über unsere Definition von Inspiration und ihre Auswirkungen informieren.

Forschung kann die Bibel unterstützen

Forschung kann dem Gläubigen helfen, die Bibel zu verstehen, wenn kulturelle, sprachliche oder geschichtliche Details wichtig sind, um einen bestimmten Vers oder Bibelstelle völlig begreifen zu können. In vielen Fällen bereichert dies nicht nur unser Verständnis, sondern auch unser Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift. Beispiele davon finden wir immer wieder in Studien zur Bibel. Zum Beispiel habe wir in einer vorherigen Ausgabe diskutiert, warum und wie Jesus den Titel “Menschensohn” benutzte, welches bestärkt, was ein Christ erwartet in den Evangelien zu finden. In ähnlicher Weise zeigen auch die Artikel von Mendel Nun in Jerusalem Perspective, wie die Evangelien mit dem übereinstimmen, was man über die Fischerei der Antike weiß und sie auch Details liefern, die unser geschichtliches Wissen über diese Zeit bereichern.

So zeigten auch Adolf Deissman und James Moulton, dass das Neue Testament trotz semitischer Färbung in einem akzeptablen, nicht-literarischen Griechisch geschrieben wurde. William Ramsey zeigte, dass Lukas ein zuverlässiger Historiker war.

In unserem Jahrhundert haben Entdeckungen von Texten in verwandten semitischen Sprachen gezeigt, dass viele Unregelmäßigkeiten in der hebräischen Bibel archaische Züge einer Sprache und somit keine Korruption sind. Die Entdeckungen der Rollen des Toten Meeres bestätigten, dass der traditionelle hebräische Text höchstens 1000 Jahre älter war, als zuvor angenommen, obwohl die Rollen auch wieder neue Fragen bezüglich des Textes aufwerfen. Hinzu kam, dass diese Rollen dazu beitrugen, dass die Komplexität des Judentums des ersten Jahrhunderts n. Chr. offenbar wurde, und unerwartet solche Dinge wie das “Jüdische” im Johannesevangelium bestätigten. Lindseys und Flussers Theorien zu den synoptischen Wurzeln (“Lukas-Prot-Matthäus-Priorität”) versprechen ein präziseres Wissen der Bedeutung und Formierung unserer Evangelien.

Reine Geschichte und Literarische Stilisierung

Es ist wichtig zu erkennen, dass es legitim ist, zwischen dem geschichtlichen Hintergrund und der literarischen Formung der Bibelstelle zu unterscheiden.

Es gibt viele Beispiele in den Evangelien, wo über Ereignisse auf zwei oder mehr Arten berichtet wird. Das mag daran liegen, dass über zwei geschichtliche Ereignisse berichtet wird. Die Aussagen Jesus wurden ohne Zweifel mehr als einmal ausgesprochen, was dazu geführt haben mag, dass die Wortwahl dazu sich in den Evangelien unterscheidet.

Manche Ereignisse geschahen nur einmal – zumindest ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ereignisse mehrmals geschahen, so klein, dass sie ignoriert werden sollte, besonders wenn der einzige Beweis für zwei fast identische Ereignisse darin liegt, dass sich die Worte in den Evangelien dazu nur leicht unterscheiden. Folgende drei Beispiele solcher einmaligen Ereignisse werden diese Aussage verständlich machen:

Die Stimme bei der Taufe Jesu

In Matthäus 3,17 steht “Dies ist mein Sohn…”, in Lukas 3,22 “Du bist mein Sohn”. In Griechisch, Hebräisch, Aramäisch oder Englisch kann man etwas entweder als “Du” oder in der dritten Person “er/dies” sagen, aber keine Form ist für beide gleichzeitig gültig. Wenn diese Worte also in einer dieser Sprachen gehört wurden, dann waren sie ursprünglich in der zweiten oder in der dritten Person zu hören.

Ein Forscher möchte nun wissen, welches das Original ist. Er mag vielleicht keine zuversichtliche Antwort finden, aber die Frage an sich ist zulässig. Die Kirche hat beide Möglichkeiten akzeptiert: eine Stimme kam von Himmel und verkündete, dass Jesus Gottes Sohn sei. Matthäus hält dies aus der Sicht des Publikums fest und schreibt die Aussage darum in der dritten Person. Lukas schreibt aus der Perspektive Jesu und darum in der zweiten Person.

Theoretisch ist auch eine dritte Sichtweise möglich. Man könnte auch ein zweites Wunder auf die wundersame Stimme heraufbeschwören: vielleicht war für die Zuhörer Gottes Stimme in der dritten Person zu hören und für Jesus in der zweiten Person. Diese Art von Erklärung war für die antiken jüdischen Kreise akzeptabel. Eine rabbinische Predigt (Midrash) zu 2. Mose 4,29 enthält folgenden Bericht:

Und der HERR sagte zu Aaron ‚Gehe hin und begegne Moses in der Wüste.'” Dies bezieht sich auf “Gott donnert Wunder mit seiner Stimme” [Hiob 37,5] Rabbi Reuven sagte: “Zu diese Zeit sagte Gott zu Mose in Midian, ‘Gehe hin, gehe zurück nach Ägypten’, teilte die Stimme sich in zwei Stimmen und zwei Persönlichkeiten. Während Moste in Midian hörte ‚gehe zurück nach Ägypten’, Aaron hörte ‚Gehe hin und begegne Moses in der Wüste”” (Exodus Rabbah 5,9)

Es ist möglich, dass solch eine Erklärung Matthäus und Lukas vorgebracht wurde, obwohl keiner von ihnen von zwei simultan ablaufenden Wundern berichtet; und es ist keine besonders befriedigende Erklärung für jemanden, der den einfachen Sinn jeden Buches verstehen möchte. Eine Definition von Inspiration wird benötigt, um die Berichte im Matthäus- und Lukasevangelium als wahr anzunehmen, oder als Teil des Wortes Gottes. Nichtsdestotrotz fragt sich ein Historiker vielleicht, welche Version das Original ist.

Sagte er “Guter Lehrer”?

Matthäus 19, 16-30, Markus 10,17-31 und Lukas 18,18-30 erzählen die Geschichte eines Mannes, der Jesus fragte, wie man ewiges Leben erben könnte. Die Geschichte folgt der “Segnung der Kinder” in allen drei Evangelien, und jeder Bericht bezieht sich deutlich auf dieses Ereignis. In Markus und Lukas sagt der Mann zu Jesus “Guter Lehrer, was muss ich tunt…”, während er in Matthäus sagt “Lehrer, welche gute Sache muss ich tun…”

Eine Lösung ist, diese beiden Versionen zu akzeptieren und anzuerkennen, dass jeder Schreiber der Evangelien in ihrer Weise das Material formte. Aber ein Forscher mag berechtigterweise fragen, welches die originale Version ist. Der Mann sagte entweder “Guter Lehrer, was…” oder “Lehrer, welche gute Sache…”.

Diese Art von Fragen tauchen wiederholt bei der Forschung zu den synoptischen Evangelien auf. Die Gelehrten möchten die Geschichte der Evangelien verstehen, und es kann sein, dass sie beschließen, welche Version die “korrekte” ist und welche “sekundär”. Die Kirche jedoch kann beide Berichte als wahre Reflektionen des Lebens und der Lehre Jesus anerkennen.

Im Übrigen diskutieren die Gelehrten in Jerusalem diese Bibelpassagen sehr ausgiebig. Die meisten denken, dass ein Jude nie als “Guter Lehrer” angesprochen wurde, während andere denken, dass diese Einzigartigkeit und “Unmöglichkeit” für die Originalität des Satzes stehen muss. Wir können keine absolute Sicherheit diesbezüglich gewinnen. Was jedoch für den Leser wichtig ist, ist dass er aus beiden Berichten von Jesus lernt und auch lernt, solche Fragen wieder zu erkennen, die die Gelehrten manchmal aufwerfen.

Welche Chronologie ist richtig?

Ein weiteres Beispiel für den Unterschied zwischen einem Evangelium als “perfekte Tonbandaufnahme” und einer stilisierten Geschichte kommt aus den unterschiedlichen Versionen zur Tempelreinigung in Mathäus und Markus. In Matthäus 21,12-19 kommt Jesus in den Tempel und wirft die Geldwechsler hinaus, und am nächsten Tag verflucht er den Feigenbaum. In Markus 11,11-19 schaut sich Jesus im Tempel um und geht wieder hinaus. Er kommt am nächsten Tag wieder und treibt die Geldwechsler hinaus, nachdem er den Feigenbaum verflucht hatte.

Man kann dieses Problem auf zwei Arten angehen. Auf der einen Seite könnte man davon ausgehen, dass Jesus den Tempel zweimal “reinigte”: einmal vor der Verfluchung des Feigenbaums, wie in Matthäus beschrieben, und einmal danach, wie in Markus zu lesen ist. Es gibt ein zweifaches Problem mit dieser Version. Erstens sagt keines der Evangelien, dass es zwei Reinigungen gab. An ein doppeltes Ereignis zu glauben ist nur das Ergebnis des Versuchs, beide Berichte zu vergleichen und eine Antwort für jede chronologische Frage zu finden. Zweitens platziert Markus Jesus in der Nacht vor dem Feigenbaumereignis in den Tempel, aber er berichtet nur, dass Jesus sich “umschaute”, nicht dass er ihn “reinigte”. Dies widerspricht der Chronologie des Mathäusevangeliums.

Wenn wir anderseits davon ausgehen, dass Matthäus den Text des Markus kannte, dann wusste er auch was er tat, wenn er diese Reihenfolge wählte, um von den Ereignissen zu berichten. Matthäus war nicht daran interessiert, der Chronologie Markus zu folgen, vielleicht weil er dachte, dass Markus den Bericht stilisiert hatte, oder weil er dachte, er hätte das Recht Änderungen vorzunehmen. Es ist jedoch so, dass wenn ein Leser nur Matthäus liest und eine anderer nur Markus, sie beide widersprüchliche Schlüsse bezüglich der Reihenfolge der Ereignis ziehen werden.

Die Notwendigkeit von Flexibilität

Die obigen Beispiele führen uns zu der festen Schlussfolgerung, dass man nicht willkürlich irgendeine Art von historischen Fragen zu den Evangelien stellen kann und darauf eine absolute Antwort erhält. Ein Schreiber des Evangeliums strebte nicht an, jedes Detail und eine exakte Chronologie zu dokumentieren, und es muss eine literarische Freiheit darin gewährt werden, wie jemand darüber denkt, wie Gott die Bibel inspiriert hat. Die Meinung der Theologen geht bezüglich der Art und Umfang der literarischen Freiheit weit auseinander.

Evangelikale christliche Gelehrte haben die geeignete Terminologie diskutiert, und zwar, ob Gottes Inspiration “Irrtumslosigkeit”, “begrenzte Unfehlbarkeit” oder “Unfehlbarkeit” suggeriert. Diese Ausdrücke wurden entwickelt, um die Autorität der Bibel und die Zuverlässigkeit der Kirche zu bestätigen, während sie gleichzeitig die Implikationen diskutierten, die die Inspirationslehre auf die Fakten einer Bibelstelle hat. Einige Gelehrte benutzten den Ausdruck “begrenzte Unfehlbarkeit” und “Unfehlbarkeit”, um Raum für Diskrepanzen oder Fehler auf allen Ebenen zuzulassen, während sie die Vertrauenswürdigkeit auf einer breiteren Ebene beibehielten. Andere wiederum, wie zum Beispiel Clark Pinnok, argumentierten, dass “Irrtumslosigkeit” der adäquatere Ausdruck sei, aber er müsste so definiert werden, dass er eine angemessene Flexibilität zuließe.

Vor einigen Jahren schlug John Beekman, der Übersetzungskoordinator der Wycliffe Bibelübersetzer vor, den Ausdruck “funktionelle Irrtumslosigkeit” zu benutzen, da es immer Probleme geben würde, die wir nicht verstehen. Theoretisch ist es einfach, den Ausdruck “Irrtumslosigkeit” zu benutzen und ein wasserdichtes theologisches Argument für die völlige Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift im Detail anzubieten. Pragmatisch ist dies jedoch schwieriger für Menschen, wie Übersetzer, die mit dem Detail des Textes umgehen müssen. Definitionen müssen also ausgedehnt werden, um den verschiedenen Zwecken der Schrift gerecht zu werden. Für solche Menschen und für solche Schwierigkeiten schrieb John Beeman:

Niedrige Wahrscheinlichkeitslösungen (zu Schwierigkeiten in der Bibel) hinterlassen den Eindruck, dass Irrtumslosigkeit mit dem möglichen Erfolg einer Erklärungen dieser restlichen Probleme steht und fällt. Wäre es nicht besser, den Fokus auf die unbedeutende Natur dieser restlichen Probleme zu lenken und zu betonen, dass jedes von ihnen funktionell “nicht irrend” ist, ungeachtet der schlussendlichen Erklärungen? (Notes on Translation 68 [1978], 13)

Dieser Ansatz behält das Wort “nicht irrend” bei, obwohl der Autor zugibt, dass die Zuverlässigkeit eines Textes, das heißt seine Funktion und der Zweck der Kommunikation, woanders liegt als in der Konsistenz aller Details.

Inspiration, Kanon und Kirche

Ein weiterer Ansatz der Inspiration ist Gottes Handeln in der Geschichte seines Volkes anzuschauen. Gott handelte für sein Volk. Zuerst Israel und dann diejenigen, die er in den idealen Sohn Israels, Jesus, der Messias, “hineingepfropft” hat. Diese Glaubensgemeinden haben Gottes und ihre eigenen Handlungen aufgeschrieben, und sie haben geglaubt, dass Gott zu ihnen durch besondere Sprecher redete. Die hebräische Bibel und das Neue Testament sind über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren entstanden, in denen die Gemeinde und seine Leiter festlegten, welche Bücher Gottes Standardregel oder Kanon für die Gemeinde darstellen sollte.

An die christliche Bibel zu glauben ist darum auch an Gottes Werke durch die Kirche zu glauben; und an die Kirche zu glauben ist auch an seine konstituierende Dokumente zu glauben, nämlich die hebräische Bibel und das Neue Testament.

Die Bibel wurde zumindest von Gott insofern inspiriert, dass es das zuverlässige Produkt solcher Gruppen ist, die von Gott erzogen und genährt wurden. Solch ein Ansatz mag die Frage der Irrtumslosigkeit als irrelevant ansehen. Die Bibel ist das Dokument dass Gott der Kirche durch einen langen und verschiedenartig gestalteten Prozess gegeben hat. Insofern, dass eine Bibelstelle der Kirche ein Verständnis über Gott uns sein Verhältnis zu seinen Kreaturen gibt, ist es inspiriert, “irrtumslos” und wahr. Ein Grundprinzip ist, dass es jeder Bibelstelle gewährt werden muss, dass sie für sich selbst spricht, und sie muss in die gesamte Heilige Schrift eingebettet sein.

Bibelübersetzung

Ein Bibelübersetzer mag diesen Diskussionen und Fragen teilweise aus dem Weg gehen. Es ist unmöglich etwas zu übersetzen, das man nicht versteht. So muss der Übersetzer den Gelehrten zuhören und viele Fragen stellen, um die genaue Bedeutung des Textes zu verstehen. In den obig genannten Fällen (“Stimme”, “Lehrer”, “Tempelreinigung”) kann der Übersetzer die historischen Fragen nicht beantworten. Er kann jedoch ganz deutlich die Unterschiede in der Art und Weise erkennen, wie Matthäus, Markus und Lukas die Geschichte erzählen, und er muss jedes Evangelium so übersetze, wie es dasteht, ohne Harmonisierung.

Robert Lindsey und David Flusser weisen darauf hin (Jesus, Rabbi & Lord, S. 131-134), dass das hebräische Original hinter Lukas 12,50 eine aktive Bedeutung hatte: “Ich habe eine Taufe zu taufen”. Dies ist eine Parallele zu dem aktiven Ausdruck “Feuer ausgießen” aus dem vorherigen Vers, in dem Jesus sagt “Ich bin gekommen, um ein Feuer auf die Erde zu auszugießen.” Aber im Griechischen wird die passive Form benutzt: “Ich habe eine Taufe mit der ich getauft werde.” An diesem Punkt muss der Übersetzer des Lukasevangelium sich von einer möglichen geschichtlichen Rekonstruktion trennen und einfach dem Text von Lukas folgen. Der Vorschlag mag historisch richtig sein, aber der Kanon, den Gott der Kirche gegeben hat, sagt etwas anderes.

Hypothetisches Beispiel

Was würde passieren, wenn eine Kopie des hebräischen Originals der synoptischen Evangelien gefunden werden würde? Die Gelehrten der Jerusalemer Schule denken, dass es die Darstellung Jesu, die sich jetzt schon aus den synoptischen Evangelien ergibt, nur noch bestärken würde, aber dass sich Unterschiede zur Chronologie und den Details ergeben würden.

Wenn solch ein Dokument gefunden und als Quelle der Evangelien bestätig werden würde, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Historiker es mit mehr Respekt als die kanonischen Evangelien behandeln würden. Das würde für die Kirche eine neue Frage aufwerfen: sollen wir solchen Text in die Bibel einfügen und seine Details als Heilige Schrift befolgen?

Ich persönlich bezweifele, dass die Kirchen des 20. Jahrhunderts solch ein Dokument ganz kanonisieren würde, obwohl es das Studium der Evangelien revolutionieren würde. Wir ersetzen Matthäus nicht mit Markus, obwohl die meisten Gelehrten annehmen, dass Matthäus Markus als Quelle benutzte. Markus hilft uns, den Zweck des Matthäusevangeliums genauso besser zu verstehen, wie ein hebräisches Original der synoptischen Evangelien uns helfen würde, die Evangelien besser zu verstehen.

Vielleicht hilft uns eine weitere rabbinische Geschichte uns zu verstehen, die die Kirche sich eng an die kanonischen Evangelien hielt und wie Gott sich historisch auf die Evangelien beschränkte, ob nun neue Informationen ans Licht kommen oder nicht.

An diesem Tag benutzte Rabbi Eliezer jedes mögliche Argument, um seine Meinung zu untermauern, aber seine Kollegen waren weiterhin nicht überzeugt. Dann sagte er zu ihnen ” Wenn die Halachah im Einklang mit meiner Meinung ist, dann soll dieser Johannisbrotbaum es bezeugen.” Der Johannisbrotbaum wurde entwurzelt und fünfzig Meter verschoben…. “Kein Beweis kann von einem Johannisbrotbaum kommen”, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: ” Wenn die Halachah mit meiner Meinung im Einklang ist, dann soll dieses Aquädukt es beweisen. ” Das Wasser im Aquädukt floss rückwärts. “Kein Beweis kann von einem Aquädukt kommen”, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: “Wenn die Halachah mit meiner Meinung im Einklang ist, dann sollen die Mauern dieses Hauses des Studiums es beweisen. Die Wände des Hauses des Studiums begannen sich zu neigen. Aber Rabbi Yehoshua tadelte sie [die Wände]: “Wenn Gelehrte der Torah sich in einer halachischen Auseinandersetzung befinden, warum müsst ihr [die Wände] euch da einmischen?” Sie fielen nicht, aus Respekt vor Rabbi Yehoshua. Und sie richteten sich nicht auf, aus Respekt vor Rabbi Eliezer, aber blieben weiterhin geneigt.

Dann sagte Rabbi Eliezer zu ihnen “Wenn die Halachah im Einklang mit meiner Meinung ist, soll es der Himmel beweisen.” Daraufhin verkündete eine himmlische Stimme: “Warum streitet ihr mit Rabbi Eliezer? Die Halachah ist immer seiner Meinung.” Aber Rabbi Yehoshua stand auf und sagte [indem er 5. Mose 30,12 zitierte]: ” Es ist nicht im Himmel [d.h., selbst Gott kann sich nicht einmischen und einen Streit zugunsten der Meinung einer Minderheit entscheiden].” Was meinte er damit? Rabbi Yirmiyah erklärte: “Dass die Torah bereits am Sinai gegeben wurde. Wir achten nicht auf eine himmlische Stimme da in der Torah vom Berg Sinai längst geschrieben wurde “nach der Mehrheit muss man sich richten [2. Moste 23,2].”

… Rabbi Natan traf dann Elijahund fragten ihn: “Was tat der Heilige, gesegnet sei Er, in diese Stunde [d.h. als sie die Stimme ablehnten, die Rabbi Eliezer unterstützte]?” Elijah antwortete: “Gott lachte und sagte ‚Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.'” (Babylonischer Talumd, Bava Metsi’a 59b).

Fazit

Die Gelehrten, die Jerusalemer Perspektive schreiben, sind primär mit den historischen Fragen, die den synoptischen Evangelien zugrunde liegen, beschäftigt, und diese durch die “Lupe” der jüdischen Kultur und Sprache zu betrachten.

Vieles, was in dieser Zeitschrift kommuniziert wird, beantwortet dem Leser einige Fragen und wird ihm helfen die eine oder andere Bibelstelle besser zu verstehen. Es kann manchmal sein, dass die Anregungen, die hier gegeben werden, nicht mit dem Text der kanonischen Bücher übereinstimmt, und da mag es gut sein, wenn man mit Clark Pinnok unentschieden bleibt:

Wir können die Freiheit der Interpretation, die wir so schätzen nicht aufgeben und müssen weiter hoffen, dass diese Hypothesen, die die Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift hervorheben weiter bestehen bleiben, und solche die diese verleumden werden für alle sichtbar werden. In der Zwischenzeit ist es zwingend, dass wir unseren biblischen Gelehrten nicht ihrer Freiheit berauben, zu der sie das Recht haben, welche am Ende dem Volk Gottes durch neue Einsichten dienen, die aus einer ungehinderten Untersuchung hervorgehen (The Scripture Principle [New York, 1984], S. 143)

Der Leser muss die vorgeschlagenen Interpretationen selbst durchgehen und für sich entscheiden. Das ist, was der Bibelübersetzer auch tut, wenn er sich darauf vorbereitet eine Bibelstelle zu übersetzen. Ich würde vorschlagen, dass man in dieses Urteil nicht in Eile oder Naivität trifft.


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