This article is a translation of: Randall Buth, “That Small-fry Herod Antipas, or When a Fox Is Not a Fox,” Jerusalem Perspective 40 (1993): 7-9 [https://www.jerusalemperspective.com/2667/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Jesus nannte Herold Antipas einen Fuchs (Lk 13,32). Englischsprechende und Europäer ganz allgemein nehmen an, dass die Sache klar ist. Der Fuchs wird mit Schläue und List in Verbindung gebracht. Darum muss Jesus ganz offensichtlich Herodes einen listigen Menschen genannt haben. Es wird jedoch klar, dass Jesus seiner hebräisch sprechenden Zuhörerschaft etwas anderes sagen wollte.
Die Metapher Fuchs hat sich für die Angehörigen europäischer Sprachen als irreführend erwiesen. Viele Spezialisten des Neuen Testaments sind dem klaren, weithin bekannten Sinn des griechischen Wortes und Idioms gefolgt, ohne sich zunächst die wichtige Frage zu stellen: Wie wurde Fuchs von Hebräern gebraucht? Die Antwort offenbart einen erheblichen Unterschied zwischen dem hebräischen und dem griechischen Gebrauch und sollte als Erinnerung dazu dienen, dass man Metaphern immer innerhalb der gesamten kulturellen Situation interpretiert.
Der Kontext
Der Kontext, in dem Jesus Herodes als einen Fuchs bezeichnet, ist ein Ereignis, das Lk 13, 31-33 geschildert wird: In derselben Stunde kamen einige Pharisäer herbei und sagten zu ihm: Geh hinaus und zieh fort! Denn Herodes will dich töten. Und er sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet. Doch ich muss heute und morgen und am folgenden Tag wandern; denn es geht nicht an, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkomme.
In der NIV Bibel findet man als Bemerkung zu Lk 13,32: Fuchs. Ein listiges Tier. Der Abschnitt in der griechischen Sprache führt nicht weiter, wenn man nur griechische Referenzwerke zur Verfügung hat. Das griechische Wort ist ἀλώπηξ (a·LŌ·pēx). Es ist so alt wie die griechische Sprache selbst. Liddell und Scott stellen fest, dass a·LŌ·pēx Fuchs, canis vulpes bedeutet und sprichwörtlich für eine hinterlistige Person gebraucht wird. Auch das Standard Lexikon für neutestamentliches Griechisch, Walter Bauer, kommt zur Schluss-folgerung, dass Fuchs als Bild für schlaue Leute gilt.
Die erste hebräische Bedeutung
Das hebräische שׁוּעָל (shū·’ĀL) hat eine weiter gehende Bedeutung als im Griechischen oder Englischen. Zunächst ist klar, dass die hebräische Kultur mit den übrigen mediterranen Kulturen die Bedeutung von Fuchs als listiges Tier teilte. Der Midrasch gibt dafür ein Beispiel:
Wenn die anderen Königreiche bildlich in der Schrift beschrieben werden, vergleicht man sie mit wilden Tieren: Vier große Tiere, eins anders als das andere kamen aus dem Meer hervor (Dan 7,3), und es steht geschrieben: Das erste war ein Löwe. Wenn die Schrift aber von den Ägyptern spricht, werden sie mit Füchsen verglichen: Fangt uns die Füchse (Hoheslied 2,15); bewahre sie für den Fluss (um hineingeworfen zu werden, wie die Ägypter die Babies der Israeliten in den Fluss warfen). R. Eleasar ben R. Schimon (Ende d. 2. Jh.) sagte: Die Ägypter waren listig und darum vergleicht sie die Schrift mit Füchsen.
Eine ähnliche Beziehung zu Fuchs finden wir in einem Gleichnis, das R. Akiva zugeschrieben wird (frühes 2. Jh.):
Einst ging ein Fuchs am Ufer des Flusses entlang, als er Fische von Ort zu Ort schwärmen sah. Er fragte sie: Vor wem flieht ihr? Vor den Netzen, die Menschen nach uns auswerfen, antworteten sie. Der Fuchs sprach: Wollt ihr nicht lieber auf das Trockene kommen? Wir könnten zusammen leben, ihr und ich, wie eure Vorväter. Sie antworteten: Bist du nicht der, den man das schlauste der Tiere nennt? Du bist nicht schlau. Du bist dumm. Wenn wir schon in unserem eigenen Element Angst haben, wieviel mehr außerhalb unseres Elements (wörtlich: in unserem Ort des Todes)?
Die zweite hebräische Bedeutung
Weit wichtiger für unser Verständnis für Jesu Worte in Lukas 13 ist eine zweite, sehr allgemeine Bedeutung von Fuchs im Hebräischen. Löwen und Füchse können kontrastiert werden, um damit den Unterschied zwischen einem großen und einem geringen Menschen aufzuzeigen. Die Großen werden Löwen genannt, die Kleinen Füchse.
Die Bezeichnung Fuchs wird manchmal auf Toralehrer angewendet: Es sind Löwen da, und warum fragst du Füchse? Mit anderen Worten: Warum erfragt ihr die Meinung von Füchsen, d. h. meine Meinung, wenn doch hervorragende Gelehrte anwesend sind?
Ein gewisser Gelehrter, von dem man zunächst annahm, er sei besonders brillant, erwies sich äußerlich nach allen Seiten hin als unfähig, und man sagte von ihm: Der Löwe, den du erwähnt hast, hat sich nur als Fuchs erwiesen.
Manchmal wird Fuchs auch hinsichtlich der Abstammung gebraucht. Er ist ein Löwe, Sohn eines Löwen, aber du bist ein Löwe, der Sohn eines Fuchses. Mit anderen Worten: Er ist ein hervorragender Gelehrter, Sohn eines hervorragenden Gelehrten, aber obwohl du ein hervorragender Gelehrter bist, war dein Vater ein weniger hervorragender Gelehrter als sein Vater.
Das Wort Fuchs kann auch eine moralische Bedeutung besitzen, wie ein Beispiel aus der Mischna zeigt: Sei lieber der Schwanz eines Löwen als der Kopf von Füchsen. Dieser Spruch bedeutet etwa folgendes: Es ist besser in untergeordneter Stellung unter Leuten zu sein, die moralisch und geistig hochstehen als einen hohen Rang unter Schurken einzunehmen.
Der Satz: Und Kinder werden über sie herrschen aus der Liste von Flüchen Jes. 3,1-7, die über Jerusalem und Juda kommen würden, wird vom Babylonischen Talmud so interpretiert: Kinder bedeutet Füchse, Söhne von Füchsen. In dieser Erklärung nimmt Fuchs nicht nur die Nuance von moralischer Verderbtheit an, sondern es ist auch durch das Verb herrschen mit königlicher Herrschaft verbunden. So bedeutet Füchse, Söhne von Füchsen, unwürdige, degenerierte Herrscher, die selber von unwürdigen, degenerierten Herrschern stammen.
Eine rabbinische Interpretation des Satzes Deine Zornesglut verzehrt sie wie Strohstoppeln (2Mo 15,7) vergleicht Ägypter mit Füchsen unter Anwendung desselben Textes wie im Hohenlied Rabba erwähnt. Hier jedoch wird nur nebenbei auf die Metapher Fuchs eingegangen:
Wenn irgend ein Holz brennt, ist Substanz vorhanden. Aber wenn Stroh brennt, ist keine Substanz da. Wenn gesagt ist: und er nahm sechshundert erlesene Kriegswagen (2Mo 14,7), könnte ich verstehen, dass einige Substanz da wäre ( bei den Ägyptern), aber die Schrift sagt: Er verzehrt sie wie Strohstoppeln. Wie Stroh keine Substanz hat, wenn es brennt, so auch die Ägypter. Als sie brannten, wurde es klar, dass sie keine Substanz hatten inmitten all der Nöte, die du über sie brachtest … Kein Königreich war geringer als das Ägyptens, aber es besaß für kurze Zeit Macht über Israel zu dessen Herrlichkeit. Wenn die Schrift andere Königreiche bildlich beschreibt, vergleicht sie sie mit Zedern … wenn sie aber die Ägypter beschreibt, dann vergleicht sie sie mit Stroh, wie gesagt ist: Dein Zorn verzehrt sie wie Stroh … Und wiederum, wenn die Schrift andere Königreiche beschreibt, vergleicht sie sie mit wilden Tieren, wie geschrieben steht Und vier große Tiere …, aber wenn sie die Ägypter beschreibt, dann vergleicht sie sie mit Füchsen, wie geschrieben steht: Fangt uns die Füchse … (Hoheslied 2,15). Es (Ägypten) wird das unbedeutendste der Königreiche sein (Hes. 29,15).
Der Stachel bei Fuchs
Jesus nannte Herodes einen Fuchs, nachdem die Pharisäer ihm berichtet hatten, Herodes wolle Jesus töten. Jesu Antwort stellte diese Pläne in Frage: Sagt Herodes, ich muss erst mein Werk zu Ende führen. Jesus sagte damit nicht, Herodes sei besonders schlau, vielmehr bezog er sich auf die Unfähigkeit des Herodes, seine Drohung auszuführen. Jesus stellte den Stammbaum des Tetrarchen in Frage, seine moralische Haltung und seine Fähigkeit als Führer und setzte ihn auf den rechten Platz. Das ist genau das, was der zweite rabbinische Gebrauch des Wortes in Bezug auf Fuchs aussagt.
Als Jesus Herodes mit dem Wort Fuchs etikettierte, sagte er ganz deutlich, dass er ihn nicht für einen Löwen hielt. Herodes mochte sich dafür halten, aber Jesus hielt ihn für das Gegenteil. Jesus stutzte ihn auf sein wirkliches Maß herunter, und seine Hörer mögen innerlich über diesen Rippenstoß gelächelt haben.
Wie übersetzt man Fuchs?
Die englischen Übersetzungen von Lk 13,32 haben zwei Schwächen, wenn sie Fuchs wiedergeben. Zum einen verfehlen sie die wirkliche Dynamik des Tadels und zum andern geben sie eine falsche positive Bedeutung wieder. Man braucht mithin einen kräftigen farbigen Ausdruck, der einem weiten Publikum verständlich ist. Das letzte wird schwierig sein, weil Worte des Spotts mitunter zu vulgär klingen können oder nur auf eine kleine Zahl beschränkt sind.
Wir stellen hier eine Liste von Möglichkeiten für die Übersetzung von Fuchs in negativem Sinn zur Debatte: Schwächling, Niete, Usurpator, Wichtigtuer, Clown, unbedeutende Person, Windbeutel, Niemand, Wiesel, Esel, Zinnsoldat, Knecht, Angeber, Trottel, Emporkömmling.
Die meisten dieser Ausdrücke sind zu umgangssprachlich oder auch lustig. Schwächling, unbedeutende Person, Knecht und Angeber wären wohl am angemessensten für eine große Zuhörerschaft. In dem Zusammenhang, nämlich in der Anwendung auf einen Herrscher, war Fuchs ein demütigender Schlag ins Gesicht. Der entsprechende deutsche oder englische Ausdruck der Übersetzung sollte das so deutlich wie möglich wiedergeben.
Wir müssen demnach Fuchs mit seiner speziellen kulturellen hebräischen Bedeutung wiedergeben. Jesus war sehr direkt, Antipas war ein שׁוּעָל בֶּן שׁוּעָל (shū·‘ĀL ben shū·’ĀL)—ein Fuchs, Sohn eines Fuchses, ein Schwächling.



