Was ist los mit dem Priester?

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This article is a translation of: Randall Buth, “What Is the Priest Doing? Common Sense and Culture,” Jerusalem Perspective 30 (1991): 12-13 [https://www.jerusalemperspective.com/2557/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Eine kleine Geschichte aus den Geburtserzählungen im Lukasevangelium zeigt, wie unser kultureller Hintergrund ein Übersetzungsproblem hervorrufen kann. Lk 1,21-22 lautet nach der rev. Elberf. Übers.:

Und das Volk wartete auf Zacharias, und sie wunderten sich, dass er so lange im Tempel verweilte. Als er aber herauskam, konnte er nicht zu ihnen reden, und sie erkannten, dass er im Tempel ein Gesicht gesehen hatte. Und er winkte ihnen zu und blieb stumm.

Der gesunde Sinn ist verbunden mit kulturbedingten Erwartungen. Was in einer Kultur verständlich ist, bleibt in der anderen verborgen. In der obigen Geschichte ist es klar, dass die Leute außerhalb des Tempels verstanden, dass Zacharias eine Vision hatte. Was aber nicht klar ist, ist die Frage, wie sie diese Information erhielten.

Gesunder Sinn?

Ein Übersetzer in Afrika erklärte mir einmal, Zacharias habe eine Zeichensprache benutzt, um den Leuten deutlich zu machen, er habe eine Erscheinung gehabt. Das bedeute die Formulierung er winkte ihnen zu, durch die die Leute von seiner Erscheinung erfuhren. Ausschlaggebend für den Übersetzer war hinsichtlich der Wahrnehmung der Leute und der Zeichen des Zacharias der gesunde Sinn. Das, so argumentierte er, ist die Bedeutung des Wörtchens und bei Lukas, was plausibel genug erscheint, wenn man den Einfluss hebräischer Strukturen auf Lukas in Betracht zieht sowie die Praxis des Hebräischen, einfach ein und zu gebrauchen, ohne näher die genaue Beziehung zwischen zwei Sätzen zu bestimmen.

Man könnte solch eine Verbindung im modernen Deutsch etwa folgendermaßen formulieren: Sie erkannten, dass er eine Erscheinung gehabt hatte durch die Zeichen, die er gab. In einer mehr umgangssprachlichen Version könnte es auch heißen: Als er herauskam, konnte er nicht zu ihnen reden. Sie merkten, dass er eine Erscheinung im Tempel gehabt haben müsse, denn er gab ihnen Zeichen, konnte aber nicht sprechen. Oder: … und sie erkannten aus seinen Gesten dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt haben müsse.

Das ergibt Sinn, darüber hinaus jedoch haben wir eine weitere kulturelle Information, die unser Verständnis, wie wir es üblicherweise gesehen haben, korrigiert.

Der kulturelle Hintergrund

Mit jedem Priester, der in den Tempel hinein ging, verband sich eine besondere Erwartung. Das war ein Ort, dem Gott eine besondere Heiligkeit verliehen hatte, und die Leute waren darauf bedacht, dass nichts schief gehen dürfe, wenn ein Priester diesen Bereich betreten hatte. Am Tag der Versöhnung verweilte der Hohepriester nach der Darbringung des Weihrauchs im Allerheiligsten für einige Augenblicke im Heiligtum für ein kurzes Gebet, ehe er wieder zum Vorhof zurückkehrte, wo das versammelte Volk auf ihn wartete. Die Mischna sagt (Yoma 5m,1), dass er das Gebet nicht lange hinzog, um Israel nicht zu erschrecken.

Die Furcht des Volkes, dass ein Priester zu lange im Heiligtum blieb, wird an einem Vorfall illustriert, der einem Hohenpriester widerfuhr, wahrscheinlich Shim’on dem Gerechten, der um 200 v. Chr. als Hoherpriester seines Amtes waltete.

Einmal betete ein gewisser Hoherpriester ein langes Gebet und seine Priesterbrüder entschlossen sich, zu ihm zu gehen – sie sagen, dieser Hohepriester war Shim’on der Gerechte. Sie sagten zu ihm: “Warum betest du so lange?” Er sagte ihnen: “Ich betete, dass der Tempel eures Gottes nicht zerstört werden möge.” Sie sagten ihm: “Eben, du solltest nicht so lange beten!” (Jerusalemer Talmud, Yoma 42c)

Die Erwartung des Volkes

Lukas erzählt: und sie wunderten sich, dass er so lange im Tempel verweilte. Der gesunde Sinn des Volkes hatte ihnen gesagt, dass irgend etwas nicht stimmte und dass sich zum Guten oder Schlechten eine göttliche Visitation abgespielt haben musste. Als Zacharias herauskam und nicht sprechen konnte, wurde ihre Vermutung sogleich bestätigt – der Inhalt von Zacharias’ Zeichensprache war unnötig, um zu diesem Schluss zu gelangen. In der Tat sagt uns Lukas überhaupt nicht, was Zacharias eigentlich andeuten wollte, obgleich wir annehmen können, dass er nicht nur von der übernatürlichen Begegnung Mitteilung machen wollte, sondern auch, was der Engel ihm zu sagen hatte, was er an Furcht und Schrecken erlebt hatte und was er zu tun beabsichtigte. Die Bemerkung des Lukas er winkte ihnen zu und blieb stumm ist auf den folgenden Zustand des Zacharias gerichtet.

Eine kulturell angemessenere Übersetzung würde einen größeren Bruch zwischen der Wahrnehmung des Volkes und den Zeichen des Zacharias bewahren:

In der Zwischenzeit wartete das Volk auf Zacharias und wunderte sich, warum er so lange im Tempel blieb. Als er herauskam, konnte er zu ihnen nicht sprechen – da wussten sie, dass er um Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, gab er ihnen Zeichen mit seinen Händen.


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