Der wichtigste Titel Jesu

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This article is a translation of: Randall Buth, “‘Son of Man’: Jesus’ Most Important Title,” Jerusalem Perspective 25 (1990): 11-15 [https://www.jerusalemperspective.com/2471/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Menschensohn ist einer der wichtigsten Ausdrücke in der Bibel, aber auch sehr missverstanden. Bibelübersetzer haben Mühe damit. Wir wollen ihn verstehen, denn nur ein richtiges Verständnis enthüllt, was Jesus über sich selbst wusste.

Viele Interpretationen

Es gibt viele Interpretationen und verschiedene Ausgangspunkte. Wenn ich einen “einfachen Mann der Kirche” fragen würde, was die Evangelien mit Menschensohn meinen, würde er antworten, dass dies auf die Menschlichkeit Jesu hinweist. Gottessohn im NT beziehe sich auf die Göttlichkeit Jesu, Diese Logik ist nicht falsch, sie basiert aber auf unzureichender Information.

Die frühe Kirche interpretierte ebenso. Ignatius schrieb um 80 n. Chr., Jesus sei sowohl Menschensohn als auch Gottessohn gewesen. Der Barnabasbrief (90 – 130 n. Chr.) macht den Kontrast deutlich: Seht Jesus nicht als Menschensohn, sondern als Gottessohn an (12,10). Jesus war anders als die Menschen, er war Sohn Gottes. Diese Botschaft wollte die Kirche der Welt vermitteln.

Eine sorgfältige Betrachtung des Kontextes der Evangelien kann zu tieferer Einsicht in die Bedeutung des Titels führen. Der griechische Ausdruck lautet: ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου (ho hyos tou anthropou, der Sohn des Menschen). Viele erkennen die Bedeutung von Menschensohn bei Daniel. Dieser Titel müsse einschließen, Jesus sei der himmlische Menschensohn in der Vision Daniels. Die Verbindung zu Daniel kann in Mk 14,62 nicht missverstanden werden. Dan. 7,13-14 erinnert, wie stark die Anwendung ist: und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen.

Die Interpretation von Daniel ist so befriedigend für den christlichen Glauben, dass Christen hier halt machen. Das Rätsel Menschensohn ist gelöst. Es gibt Einwände durch semitische Gelehrte, für die es unmöglich ist, Jesus habe Menschensohn als Titel benutzt. Menschensohn dürfe nicht als Titel verstanden werden, weil dies zur Zeit Jesu eine Redewendung für jemand, eine Person gewesen und weder in Aramäisch noch in Hebräisch als Titel benutzt worden sei.

Aramäisch und Hebräisch

Wir müssen hier einige Fakten über die aramäische und hebräische Sprache erklären. In Hebräisch heißt Menschensohn Ben Adam, eine normale Redewendung, die menschliches Wesen, eine Person, jemand, bedeutet. Das aramäische Wort Bar Enasch hat dieselbe Bedeutung. Sowohl die hebräische als auch die aramäische Bezeichnung sind in der Bibel bestätigt und werden heute noch im israelischen Hebräisch gebraucht. Eine umgangssprachliche Übersetzung von Dan. 7,13 würde lauten: jemand, wie ein menschliches Wesen, kommend…

In den drei ersten Evangelien erscheint der Ausdruck Menschensohn immer mit dem Artikel der, in Hebräisch und Aramäisch gewöhnlich ohne Artikel. Viele Gelehrte meinen deswegen, dass der Satz der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats als allgemeiner Anspruch verstanden werden muss, d. h. der Mensch ist Herr des Sabbats. In den östlichen aramäischen Dialekten im 4. bis 6. Jh. n. Chr. hatte der Artikel viel von seiner Bestimmtheit verloren, was bis zu einem gewissen Grad auch auf den allgemeinen Artikel des westlichen Aramäisch und des mischnaischen Hebräisch zutrifft. In aramäischen Dialekten erscheint der im Ausdruck der Sohn des Menschen im Sinne von ein. Andere argumentieren, dass auf Aramäisch der Sohn des Menschen ein gewisser Mann bedeutet.

Es gibt Beweise dafür, dass im Hebräischen zur Zeit Jesu der Sohn des Menschen eine normale Redewendung für Mensch, jemand war. Wir finden einen interessanten Zusatz bei einem Text einer Rolle vom Toten Meer aus dem 1. Jh. v. Chr., der lautet: … und was ist der Mensch (Ben Adam – Menschensohn), verglichen mit deinen wunderbaren Werken? (Regelbuch 11,20-21). Der Schreiber hat den Text korrigiert, indem er der oberhalb der Linie einfügte, Ben Adam in Ben ha-Adam (der Menschensohn) abänderte. Dies zeigt, dass der Menschensohn im Sinne von Mensch eine normale Redewendung des Schreibers war.

Einige haben die aramäischen und syrischen Übersetzungen des NT auf Anhaltspunkte für den Hintergrund von Menschensohn hin untersucht. Weder die Peschitta, das christliche palästinische Aramäisch noch das Altsyrische übersetzen ho hyos tou anthropou ins normale Aramäisch. Die Übersetzer wussten, dass die gängige Redewendung nicht passen würde. So benutzten die christlichen palästinischen Texte und das Altsyrische Be-reh deNascha – eines besonderen Mannes Sohn; wörtlich sein Sohn des Mannes). Jesus hat sicher einen solchen aramäischen Satz aus zwei Gründen nicht benutzte: erstens ist es kein natürliches Aramäisch. Zweitens und sehr wichtig, seine kindliche Bedeutung passt zu keinem der Kontexte der Evangelien. Der Peschitta-Übersetzer benutzte Be-RA deNAscha (der Sohn des Menschen).

Bezug auf die Dritte Person

Jesus hat von sich selbst eher in der dritten Person gesprochen: Der Menschensohn. Die Gelehrten sind sich hinsichtlich der Bedeutung dieser Tatsache uneinig. Einige sagen, das aramäische Bar Enasch sei eine höfliche Art, auf sich selbst hinzuweisen. So sagt jemand, wenn er sich auf sich selbst bezieht, ein/der Menschensohn kann dies oder das tun, dass ein Mensch so oder so handeln kann.

Einige Gelehrte haben gefolgert, dass wenn Menschensohn kein Titel in Aramäisch oder Hebräisch ist, die Stellen in den Evangelien, die nur als Titel verstanden werden können, sekundäre Kreationen der Kirche und nicht wirkliche Worte Jesu sein müssen. Aber dieser Ansatz stolpert über eine wichtige Tatsache. Da die griechisch-sprachige Kirche den Titel Menschensohn nicht verstand oder befürwortete, konnte sie sehr schlecht diesen Titel erfunden und ihn auf Jesus bezogen haben. Jesus musste ihn gebraucht haben, was uns wieder an den Anfang führt. Was sagte Jesus in Hebräisch und Aramäisch, und was bedeutete es?

Mischnaisches Hebräisch

Zur Zeit Jesus wurden im Land Israel vorwiegend drei Sprachen gesprochen: Hebräisch, die Stammes-sprache; Aramäisch, die Handels- und frühere Amtssprache; und Griechisch, die damals aktuelle Amts-sprache. Seit Anfang diesen Jahrhunderts haben jüdische Gelehrte darauf hingewiesen, dass das mischnaische Hebräisch eine lebendige Sprache zur Zeit des Zweiten Tempels war. Nach der Veröffentlichung der Rollen vom Toten Meer und der Bar-Kochba-Briefe haben Gelehrte des NT dieses erweiterte sozio-linguistische Bild anerkennen müssen. Diejenigen, die den Beweis der mündlichen Tora, mischnaisches Hebräisch, akzeptiert haben, erkannten, dass ein Großteil der Lehre Jesu in umgangs-sprachlichem Hebräisch gesprochen wurde. Und das erlaubt eine völlige Lösung des Puzzles Menschensohn.

Wenn jemand Hebräisch sprach und den aramäischen Ausdruck Bar Enasch verwendete, mussten seine Zuhörer erkennen, dass dieser Satz nicht die Redewendung Sohn des Menschen, Person, jemand war, sondern etwas in Großbuchstaben oder Anführungszeichen. Die Juden des 1. Jh. waren mit der Heiligen Schrift vertraut und kannten sie in der ursprünglichen Sprache. Der Großteil der Heiligen Schrift ist in Hebräisch geschrieben, nur einige Teile in Aramäisch.

Bedeutungsvoll ist, dass Dan. 7 Aramäisch ist, und dass sich das einzige Beispiel des aramäischen Bar Enasch in Dan. 7,13-14 findet. Ein Hebräer könnte Bar Enasch benutzt und unzweideutig auf den geheimnisvollen Mann in Dan. 7 hingewiesen haben.

Wir können diese Hypothese prüfen, indem wir die Stelle in den Evangelien betrachten, wo Jesus den Titel Menschensohn zuerst benutzt. In Mt 9,6, Mk 2,10 und Lk 5,24 verteidigt Jesus die Heilung des Ge-lähmten und Sündenvergebung, indem er sagt: dass ihr wisst, dass der Menschensohn Vollmacht auf Er-den hat, Sünden zu vergeben… Es ist klar, dass Jesus hier vor dem Hintergrund von Dan. 7 spricht.

Wir mögen daraus schließen, dass Jesus das aramäische Bar Enasch benutzte, um auf die himmlische Person von Dan. 7 hinzuweisen, dass er Menschensohn als Titel in der hebräischen Rede benutzen durfte und dass sein Publikum in der Lage war, ihn zu verstehen.

Gemeinsamer Faden

Diese Lösung entdeckten mehrere Gelehrte unabhängig voneinander. Der Autor dieses Artikels kam zu diesen Schlussfolgerungen, als er in Afrika an Übersetzungen der Evangelien arbeitete. Dr. Robert Lindsey machte zuvor dieselbe Entdeckung, und die Mitglieder der Jerusalemer Schule haben ähnliche Ansichten. Sie ist für die Mehrzahl der Gelehrten nicht akzeptabel, wird auch nicht diskutiert. Das sollte sich ändern, wenn man sich bewusst wird, dass drei gesprochene Sprachen Seite an Seite im Israel des 1. Jh. existierten.

Ein gemeinsamer Faden verbindet die Ansichten derer, die denken, dass Jesus Dan. 7 signalisiert, indem er das aramäische Bar Enasch während seiner hebräischen Rede benutzte. Jeder, der das glaubt, muss annehmen, dass Jesus hauptsächlich in Hebräisch sprach und lehrte. Diese linguistische Schlussfolgerung findet Unterstützung in Gelehrtenkreisen, aber immer noch zu wenig.

Übersetzung

Der Übersetzer muss fragen, wie sich diese Diskussion auf die Übersetzung auswirkt. Wenn er einfach Menschensohn übersetzt, kann er seinen Zuhörern das Gegenteil der Lehre der Evangelien vermitteln. Leser könnten denken, dass der Menschensohn jemand anders als Jesus ist, da viele Kulturen keinen ha-ben, der von sich selbst in der dritten Person spricht.
Eine weitere ernsthafte Fehlinterpretation ist die Annahme, dass sich der Titel exklusiv auf die Menschlichkeit Jesu bezieht. Wie wir sehen, bedeutet der Titel nicht Mensch, sondern bezieht sich auf einen speziellen Mann im Himmel. Der Übersetzer muss die Reaktionen der Leser prüfen, und gegebenenfalls die Situation reparieren.

Jesus stellte einen starken messianischen Anspruch, als er sich Menschensohn nannte. Als Titel bezieht sich Menschensohn auf das himmlische Wesen in Dan. 7, auf die Person, die wie ein Mensch ist, jedoch mehr. Wenn man die Tiefe der Bezüge sieht, kann man die Macht der Lieblingsbezeichnung würdigen. Ein inkarnationsträchtiger Titel: Gott wird Mensch!


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