Erlöse uns vom Übel

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This article is a translation of: Randall Buth, “Deliver Us From Evil,Jerusalem Perspective 55 (1998): 29-31 [https://www.jerusalemperspective.com/2833/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Am Ende der Matthäusversion des Vaterunsers lesen wir sondern erlöse uns von dem Übel – nach Luther (1912). Andere Übersetzungen wie die Elberfelder und die Einheitsübersetzung geben diese Stelle mit vom Bösen (Person) wieder. Der Unterschied ist doch bedeutsam und erweckt unsere Neugier.

Die älteren Übersetzer gaben die griechische Formulierung ἀπὸ τοῦ πονηροῦ (apo tou ponerou, wörtlich: von dem Schlechten) mit vom Übel wieder, die Übersetzer der neueren Versionen mit vom Bösen als von einer Person. Welche Übersetzer haben recht? Ist der Ausdruck doppeldeutig?

Nach den früheren Übersetzern lehrte Jesus seine Jünger, Gott um Schutz vor dem Übel zu bitten, und zwar allem Übel, egal welchen Ursprungs es sein mag. Die späteren Übersetzer beschränken die Bitte um Schutz allein auf den Bösen, den Satan bzw. den Teufel. Um auf die Wurzeln dieses sprachlichen Problems zu gelangen, müssen wir ein wenig graben.

Ein kurzer Blick aufs Griechische

Als erstes eine schnelle Lektion in Griechisch. Alle griechischen Hauptwörter und Eigenschaftswörter werden nach ihrem Geschlecht getrennt. Dieses kann männlich, weiblich, aber auch sächlich sein! Es kann vorkommen, dass ein griechisches Wort in einem speziellen Kontext mit einem Geschlecht, in einem anderen Kontext jedoch mit einem anderen Geschlecht gebraucht wird. Der Unterschied des Geschlechts bestimmt die Bedeutung. Das Wort poneros ist z. B. maskulin und bezieht sich auf einen bösen Menschen oder ein maskulines Wesen bzw. jur. Person. Das Wort poneron jedoch ist ein Neutrum und bedeutet Übel oder Böses im weiteren, unpersönlichen Sinn. Schwierigkeiten entstehen in Textzusammenhängen, wo das maskuline poneros und das neutrale poneron nach bestimmten Präpositionen auftreten. In solchen Fällen können ihre Endungen identisch und nicht zu unterscheiden sein.

Mt. 6,13b schließt die präpositionale Formulierung apo tou ponerou ein, was bedeuten kann vom Bösen (als von einer Person) aber auch vom Übel (bösen Dingen). Mithin ist tou ponerou formal doppeldeutig. Allerdings dürfen wir hier nicht stehenbleiben.

Wohlbegründete Vermutung

Vor diese doppeldeutige Form des Substantivs gestellt, mussten die Übersetzer eine fundierte Vermutung darüber anstellen, wie der Vers übersetzt werden muss. In der Vergangenheit übersetzten sie ponerou als Neutrum, in den letzten Jahrzehnten jedoch tendierten sie mehr dazu, das Wort als ein maskulines Substantiv zu betrachten. Konsequenterweise haben die ältere Lutherbibel ebenso wie die englische King James Version erlöse uns vom Übel, die 1984er Version sowie die Elberfelder und andere Übersetzungen erlöse uns von dem Bösen gewählt. Welche Übersetzung ist richtig?

Bibelübersetzer beginnen in der Regel damit, dass sie das NT darauf untersuchen, wie das griechische Substantiv poneros sowohl in der maskulinen als auch in der neutralen Form gebraucht wird. Dafür gibt es Beispiele.

1Jh 2,13 lautet: Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden (ton poneron, mask – Luther 1984). Hier erscheint poneros als Objekt eines Verbes, als maskulines Substantiv im Singular und bezieht sich eindeutig auf den Teufel. In der gleichen Weise betrifft das 1Jh 5,11, wo wir lesen: der aus Gott Geborene (Jesus) bewahrt ihn (den Gläubigen), und der Böse (ho poneros, masc.) tastet ihn nicht an. Auch dieser Text spricht von dem Teufel als von dem Bösen.

In Mt 5,11 kommt poneros als Neutrum vor. Der Vers lautet: Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse (pan poneron) lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen. Die Form des Neutrums in diesem Fall bezieht sich auf das Böse in abstraktem, unpersönlichem Sinn.

Interessanterweise erscheint die Formulierung poneros in einem Vers der Schrift dreimal, und zwar Lk 6,45: Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor, und der böse (ho poneros) bringt aus dem bösen (tou ponerou) das Böse (to poneron) hervor.

In diesem Vers liegt der Schlüssel zu einer genauen Übersetzung im Textzusammenhang. Das erste Mal bezieht sich poneros auf eine Person – entweder auf einen bösen Menschen oder auf den Teufel -, der Kontext aber erfordert die Übersetzung als der böse Mensch. Beim zweiten Mal folgt poneros der Präposition ek (von, aus) und erscheint damit in derselben doppeldeutigen Form wie im Vaterunser (Mt. 6,13b). Glücklicherweise erfordert der Textzusammenhang von Lk 6,45, dass tou ponerou als Neutrum behandelt wird und damit ganz einfach Übel bedeutet. Beim dritten Mal ist poneros das neutrale Objekt zu einem Verb und als solches bedeutet es einfach Übel in einem allgemeinen, unpersönlichen Sinn.

Mt 13,19 ragt hervor und verlangt besondere Aufmerksamkeit: Sooft jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse (ho poneros, masc.) und reißt weg, was in sein Herz gesät war. Das maskuline ho poneros bezieht sich nicht auf einen bösen Menschen, sondern auf den Teufel. So hatte Matthäus kein Problem damit, das maskuline ho poneros als Titel in Griechisch für den Teufel zu benutzen. Diese Tatsache ist mit Sicherheit nicht der Aufmerksamkeit moderner Übersetzer des NT entschlüpft und siekann eine Schlüsselrolle bei ihrer Entscheidung gespielt haben, apo tou ponerou im Deutschen so zu übersetzen: Erlöse uns von dem Bösen.

Im Zweifelsfall das große Bild betrachten

Sind wir bereit, unsere Schlüsse zu ziehen? Noch nicht! Wir wollen weitergraben. Wir müssen über das Satzgefüge hinausgehen und das größere Bild betrachten – den ursprünglichen, interpersonellen Textzusammenhang. Wir sollten den ursprünglichen Kontext des Gebetes Jesu anschauen. In welcher Sprache lehrte Jesus seine Jünger dieses Gebet? Höchstwahrscheinlich nicht in Griechisch. Tatsache ist, dass alle jüdischen Weisen des ersten Jahrhunderts, von denen wir wissen, dass sie aus Galiläa stammten, ihre mündlichen Lehren in der hebräischen Sprache vortrugen. Darum haben wir gute Gründe dafür zu glauben, dass Jesus keine Ausnahme bildete.

Wenn wir die griechische Formulierung apo tou ponerou ins Hebräische zurückverfolgen – indem wir das Vaterunser mit anderen alten jüdischen Gebeten vergleichen -, erhalten wir eine umfassendere Perspektive und weiteres Licht. Unsere Methode hat Sinn, weil wir jeden möglichen Einfluss zu verstehen suchen, nicht nur in bezug auf das Gebet Jesu, sondern auch in bezug auf die Gestaltung der griechischen Sprache bei Matthäus.

Wenn wir die antike griechische Übersetzung der hebräischen Bibel befragen, die als Septuaginta bekannt ist, erfahren wir, dass das hebräische Wort ra (schlecht, böse) deutlich als der führende Kandidat für das Wort Übel angesehen werden muss, das Jesus im Vaterunser sprach. Wieso? Die antiken Übersetzer der Septuaginta haben 231 mal für ra das griechische Wort poneros gewählt. Nur sehr selten wurde poneros für ein anderes hebräisches Wort eingesetzt. Aus diesem Grund – wegen der hohen Übereinstimmungsquote zwischen dem griechischen poneros und dem hebräischen ra in der Septuaginta – kann das hebräische min hara (wörtlich: vom Übel) sehr wahrscheinlich die Quelle der griechischen Formulierung apo tou ponerou sein. Sowohl die griechische wie die hebräische Formulierung bedeuten vom Übel.

Während das Griechische doppeldeutig ist, trifft das auf das Hebräische nicht zu. Es kann immer nur heißen vom Übel. Das wird noch deutlicher, wenn wir biblische Beispiele untersuchen, wie ra gebraucht wird. Später werden wir Auszüge von alten jüdischen Gebeten betrachten. Bemerkung: hara (das Böse, das Übel) wurde nicht ein einziges Mal als Bezeichnung für den Teufel in biblischem oder nachbiblischem Hebräisch gebraucht, auch nicht in der gesamten rabbinischen Literatur.

Die mannigfaltigen dunklen Schatten und Schattierungen von ra

In der hebräischen Bibel hat ra viele Nuancen. 1Mo 8,21 spricht von der Neigung des menschlichen Herzens, dass es böse (ra) ist. Der Prophet Jesaja erklärte einmal: Ihre Werke sind Werke des Unrechts, und Gewalttat ist in ihren Händen. Ihre Füße laufen zum Bösen und eilen, unschuldiges Blut zu vergießen (Kap. 59,6b-7). Vergleichen wir auch Ri 2,11;3,7 usw.: Da taten die Söhne Israel, was böse (ha-ra – das Böse) war in den Augen des HERRN, an dieser Stelle übernimmt die Septuaginta to poneron, das Übel (neutr.). In diesen Versen hat ra mit Sünde, Bösem, einem zerstörerischen Verhalten zu tun.

In weiteren Versen weist ra eine andere Nuance auf, z. B. 1Mo 44,34: Josef legte Benjamin den Diebstahl seines Silberbechers zur Last, der sich im Sack des jungen Mannes befand. Daraufhin stritt Juda mit Josef: Denn wie könnte ich zu meinem Vater hinaufziehen, ohne dass der Junge bei mir ist? – Dass ich nicht das Unglück (ra) mit ansehen muss, das meinen Vater dann trifft.

Wenn Juda zu seinem Vater Jakob ohne Benjamin zurückgekehrt wäre, hätten Sorge und Kummer sehr wohl den Mann emotionell, physisch wie spirituell zerbrochen. Dieser vorweg genommene Zusammenbruch ist das ra, vor dem Juda bat bewahrt zu werden. Später, als Jakob die beiden Söhne Josefs segnete, sagte er: Der Gott, vor dessen Angesicht meine Väter, Abraham und Isaak, gelebt haben, der Gott, der mich geweidet hat, seitdem ich bin, bis zu diesem Tag, der Engel, der mich von allem Übel (mikol ra) erlöst hat, segne die Knaben (1Mo 48,16). Die Formulierung mikol ra (buchstäblich von allem Übel) gleicht grammatisch min hara (vom Übel), der Rückübersetzung aus dem Griechischen apo tou ponerou ins Hebräische. Von diesen biblischen Beispielen lernen wir, dass ra viele Nuancen aufweist. Das Wort kann sich auf eine böse Lebensführung oder sündiges Verhalten beziehen, das als übel charakterisiert wird. Es kann aber auch für eine persönliche Tragödie stehen oder ein Unglück, das aus dem Verlust einer geliebten Person entsteht, mithin physisches Leiden oder böser Schaden.

Die Bedeutung von ra in alten jüdischen Gebeten

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit der Literatur aus nachbiblischer Zeit zuwenden, können wir zusätzliche Einblicke erhalten, dabei betrachten wir ausschnittsweise Gebete, die unter den Fragmenten der Rollen von Qumran gefunden wurden, sowie ein Beispiel aus der talmudischen Literatur. In 11QPsb 15-16, einem Text aus den Qumran-Höhlen, erscheint folgende Bitte: Erlaube Satan oder einem unreinen Geist nicht, über mich zu herrschen, und erlaube nicht dem Schmerz oder der bösen Lust, Vollmacht über mich auszuüben. Diese Bitte schließt typische Elemente, wie sie in jüdischen Gebeten gefunden werden, ein: Bewahrung vor Satan und seinen Heeren, physischem Leiden und der bösen Lust des Menschen. Wir sollten uns merken, dass im Hebräischen für den Teufel einfach das Wort Satan gebraucht wird. Der Ausdruck der Böse ist der Sprache fremd.

Das hebräische Wort ra erscheint auch in der Regel 2,3: Er segne dich mit allem Guten und bewahre dich vor allem Übel (mikol ra). Der Autor dieser Qumran-Rolle hat in typisch midraschischem Stil den priesterlichen Segen von 4Mo 6,24-26 ausgedehnt. Hier begegnen wir einer Bitte um Bewahrung vor dem Bösen im allgemeinen, abstrakten, unpersönlichen Sinn.

Aus Berachot 16b, dem Talmud, stammt dieses Gebet: Befreie mich … von einem bösen Menschen, einem schlechten Gefährten, böser Verletzung, böser Lust und von Satan, dem Zerstörer. In diesem Text wird ra viermal als Adjektiv gebraucht. Damit die Bedeutung ein böser Mensch klar wird, muss ra ein Substantiv modifizieren. Von einem bösen Menschen erscheint im Hebräischen als me’adam ra. Wenn ra alleine steht, kann es sich nicht auf ein personifiziertes Übel beziehen. Wenn Jesus sich in hebräischer Sprache seinen Jüngern gegenüber im Vaterunser auf den Teufel beziehen wollte, hätte er einfach gesagt: Erlöse uns von Satan. Das hebräische Wort satan wäre dann im Griechischen mit satanas (Satan) oder diabolos (Teufel) wiedergegeben worden.

Die Schwierigkeit liegt in den Details von Mt 13,19

An dieser Stelle ist es angemessen, wenn wir fragen, ob Matthäus oder ein noch früherer Autor satanas oder diabolou in seiner Quelle von Mt 6,13b sah und dieses Wort dann durch ponerou ersetzte. Ist das wahrscheinlich? Es scheint, dass Matthäus genau das Kap. 13,19 tat. Schauen wir uns diesen Vers näher an und die dazu gehörenden Parallelen bei Markus und Lukas, bevor wir irgendwelche Schlüsse ziehen:

Mt 13,19: …kommt der Böse und reißt weg, was in sein Herz gesät war; Mk4,15 Satan kommt und das Wort wegnimmt, Lk 8,12: dann kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihren Herzen weg

Wahrscheinlich ersetzte Matthäus das mehr semitische Wort satanas, das bei Markus steht, durch poneros, um einen mehr griechisch klingenden Stil zu erhalten. Weiterhin führte Matthäus eine spezielle griechische Konstruktion in den Vers 19 ein, den sogenannten Genitivus absolutus. Diese Konstruktion ist charakteristisch für das Griechische und entspricht nirgends direkt einem hebräischen Ausdruck. Anders ausgedrückt, zeigt Mt 13,19 deutliche Spuren einer redaktionellen Arbeit durch einen griechischen literarischen Stilisten. So bin ich zurückhaltend beim Vergleich eines Verses wie Mt 13,19, der zu einem gewissen Grad eine Stilisierung erfahren hat, mit Mt 6,13b, der keine Anzeichen eines griechischen Stils aufweist (Tatsache ist vielmehr, dass das gesamte Vaterunser einen besonders starken hebräischen Geruch aufweist. Beispiele für hebräische Idiome im Vaterunser sind: Vater im Himmel, Name werde geheiligt, Reich der Himmel, werde getan, tägliche Brot, Schulden im Sinne von Sünde, führe nicht in Versuchung und erlöse vom Übel). Wenn es darum geht zu entscheiden, ob man apo tou ponerou im Vaterunser mit vom Übel oder vom Bösen (dem Teufel) übersetzt, würde ich es vorziehen, die schwerer wiegende Übereinstimmung dieser griechischen Formulierung mit dem unzweideutigen hebräischen Idiom vom Übel in Betracht zu ziehen. Im Blick auf dieses Zeugnis werfe ich mein Los für die traditionelle, ältere Übersetzung in die Waagschale: vom Übel. Ich glaube, Matthäus konnte annehmen, dass seine judenchristliche Zuhörerschaft in der Lage war, diesen Ausdruck korrekt zu verstehen, auch in griechischem Gewand.

Die Wahrheit aus vielfältiger Sicht

Wir sind an dem Punkt angelangt, wo wir unser Verständnis für Mt 6,13 vertieft haben. Es soll heißen: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel. Im Vergleich mit dem Schluss bei Lukas Und führe uns nicht in Versuchung reflektiert die Version des Matthäus viel vollständiger, was Jesus seinen Jüngern mit großer Wahrscheinlichkeit sagen wollte. Die Zusammensetzung bei Matthäus von führe uns nicht in Versuchung mit erlöse uns vom Übel ist ein Parallelismus, ein Kennzeichen hebräischer Poesie.

Wenn man den Parallelismus erkennt, ist man auch dazu gezwungen, den Vers korrekt zu interpretieren. Führe uns nicht in Versuchung ist ein jüdischer Ausdruck, der besagt: Laß uns nicht der Versuchung der Sünde zum Opfer fallen. Die nächste Zeile erlöse uns von dem Übel weist auf einen ähnlichen Gedanken hin, und zwar: Laß uns nicht unserer bösen Lust zum Opfer fallen, laß uns nicht sündigen! Es sollte hinzugefügt werden, dass wie gute Dichtung auf vielfältige Dinge anspielen kann, ebenso auch dieser Ausdruck erlöse uns vom Übel sich auf mehrere Dinge beziehen kann wie Bewahrung vor bösen Menschen, bösen Geistern sowie vor Leid und Unglück.

Sicher wäre diese Welt ein glücklicherer Ort, wenn jeder von uns das Vaterunser täglich beten würde mit der Überzeugung und einem tieferen Verständnis für seinen reichen jüdischen Hintergrund. O himmlischer Vater, führe uns weg von der Sünde und weise unsere böse Lust in die Schranken! Das soll auch einschließen, dass wir vor dem Weg des Leides bewahrt werden und vor allem Übel.


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