This article is a translation of: Randall Buth, “Matthew’s Aramaic Glue,” Jerusalem Perspective 28 (1990): 10-12 [https://www.jerusalemperspective.com/2519/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Ein Übersetzer muss alle linguistischen Signale in seiner Quelle verstehen und interpretieren und muss diese Signale so nutzen, dass sie in der Zielsprache natürlich und in Übereinstimmung mit dem Originaltext sind. Jede Sprache hat ihre eigene Art, eine Geschichte entstehen zu lassen, und je mehr ein Übersetzer über das Konstruktionssystem jeder Sprache weiß, desto besser wird seine Übersetzung sein.
Im Hebräischen verbindet man Ereignisse mit -ְו (we–, und), im Deutschen bevorzugt man eher, keine Konjunktionen zu haben. Hebräisch zeigt weiterhin durch Wortreihenfolge die Struktur einer Geschichte an. Dies kann sehr wichtig für den Übersetzer sein und somit für die Evangelien-Forschung.
Das Wissen um die unterschiedlichen Wege, Erzählungen im Griechischen,Hebräischen und Aramäischen zusammenzufügen, kann uns dabei helfen, die Geschichte und Beziehungen der synoptischen Evangelien zu verstehen. Die drei synoptischen Verfasser benutzen verschiedene linguistische Methoden, um ihre Geschichten zusammenzuleimen. Keine davon ist rein griechisch, und alle weisen semitischen Einfluss auf. Bei Matthäus zeigt sich ein spezifisch aramäischer Einfluss, und in diesem Artikel werden wir sehen, wie er eine aramäische Konjunktion als Leim benutzt, der die Geschichten zusammenhält.
Dann in der hebräischen Bibel
Obwohl der größte Teil der Hebräischen Bibel in Hebräisch geschrieben wurde, sind 10 Kapitel – Daniel 2,4 bis 7,28, Ezra 4,8 bis 6,18 und 7,12-26 in Aramäisch. Diese Sprache ist nahe mit dem Hebräischen verwandt, vergleichbar mit dem Verwandtschaftsgrad von Französisch und Spanisch oder Deutsch und Niederländisch.
Die aramäischen Kapitel der Bibel sind aufgrund des häufigen Vorkommens von אֱדַיִן (’e·DA·yin, dann) bemerkenswert. Wie bereits erwähnt, verwendet das Hebräische häufig das Präfix -וְ (we–), um Sätze in einer Geschichte miteinander zu verknüpfen, aber אָז (’āz, dann) nur wenig in Erzählungen – 43 mal in ungefähr 410 erzählenden Kapiteln. In den aramäischen Kapiteln kommt dann ca. 60 mal häufiger vor als in den hebräischen, was den Gebrauch von dann zu einem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal zwischen aramäischer und hebräischer Erzählung macht (Um die Gründe für den Unterschied zwischen Aramäisch und Hebräisch zu diskutieren.[1]
Später in der Zeit des Zweiten Tempels nahm die Häufigkeit des Vorkommens von dann im Aramäischen ab, aber es kam immer noch ungefähr 10 mal häufiger vor als in hebräischen Erzählungen.
Bei der Studie der Evangelien hilft es uns zu wissen, ob sich diese Unterscheidung zwischen Hebräisch und Aramäisch auch in griechischen Übersetzungen von hebräischen und aramäischen Texten zeigt. Die Antwort ist ja. Die Septuaginta benutzt fast immer τότε (tote, dann), um das aramäische אֱדַיִן (’e·DA·yin) oder hebräische אָז (’āz) zu übersetzen. Obwohl ’e·DA·yin und ’āz häufig benutzt werden, um Sätze im Aramäischen oder Hebräischen zu beginnen, ist tote als griechischer Satzanfang eher ungewöhnlich. Daher ist es doppelt bezeichnend, daß tote in einem der Evangelien oft am Satzanfang vorkommt. Es beweist den nichtgriechischen Einfluß und deutet eindeutig auf das Aramäische hin.
Dann in den Evangelien
Weder Markus noch Lukas zeugen in bedeutendem Maße vom aramäischen Erzählsystem der Konjunktionen. Obwohl sie beide in der direkten Rede tote in ihren Evangelien verwenden, benutzt Markus tote nie als Erzählkonjunktion, Lukas insgesamt nur dreimal.
Bei Matthäus ist es in diesem Fall anders. Es gibt mehr als 50 Beispiele in seinem narrativen Rahmen, und das Wort kommt im ganzen Buch ungefähr 90 mal vor. Das ist sehr nahe am Aramäischen, das im Genesis Apokryphon der Schriftrollen vom Toten Meer gefunden wurde. Das Matthäusevangelium mag in griechisch geschrieben worden sein, aber der linguistische Gebrauch der Konjunktion tote weist entscheidend auf aramäischen Einfluss hin.
Keines der Beispiele des narrativen tote bei Matthäus kommt in einer parallelen Stelle bei Markus oder Lukas vor, obwohl viele der Zusammenhänge und Sätze eine Parallele haben. Markus und Lukas verwenden vorwiegend καί (kai, und oder δέ (de, und), aber parallel zu Matthäus’ narrativem tote.
Es sollte verdeutlicht werden, dass Markus und Lukas das Wort tote nicht im geringsten vermieden haben. Es gibt Parallelen in der direkten Rede, in denen alle drei Evangelisten Wort für Wort übereinstim men, einschließlich: Mt 9,15 = Mk 2,20 = Lk 5,35 und Mt 24,16 = Mk 13, 14 = Lk 21,21. Es gibt ebenso Übereinstimmungen nur zwischen Matthäus und Markus: Mt 12,29 = Mk 3,27 und Mt 24,23 = Lk 11,26; und zwischen Markus und Lukas: Mk 13,26 = Lk 21,27. Jedoch befinden sich all diese Übereinstimmungen innerhalb von Sprachmaterial und in Kontexten im Futur, die sowohl dem Hebräischen wie Aramäischen entsprechen können; es wurden keine in narrativen Kontexten gefunden.
Synoptische Theorie
Dieses Muster des Gebrauchs von tote verlangt nach einer Erklärung und muss in jeder synoptischen Theorie behandelt werden. Trotz der Tatsache, daß es sich um ein griechisches Wort handelt, kommt es bei Matthäus mit der Häufigkeit des aramäischen ’e·DA·yin vor, und dass es als Konjunktion vorkommt, verstärkt seine Bedeutung nur, da es die Art von Wort ist, auf die sich der Schreibende nicht konzentriert. Er denkt vielmehr über Ereignisse nach und liefert dann unbewusst die Konjunktionen, die diejenige Beziehung ausdrücken, von der er ausgeht. Überdenken wir, wie wir möglicherweise und, aber oder daher im Deutschen verwenden – wahrscheinlich ohne allzu viele Gedanken an das Wort selbst zu verschwenden. Anstelle dessen konzentriert man sich auf den wesentlichen Inhalt.
Das narrative tote taucht in unterschiedlichen Material bei Matthäus auf: in Kontexten, die keine Parallelen in Markus und Lukas haben: in Kontexten, bei denen Markus und Lukas entsprechende Stellen aufweisen, allerdings ohne tote; und in Kontexten, bei denen entweder Markus oder Lukas parallel sind, aber ebenfalls ohne tote. Woher kommt also dieses aramäische Muster? Die einfachste Schlussfolgerung ist, dass Matthäus für die Einführung verantwortlich ist.
Wäre Matthäus das erste Evangelium und von Markus und Lukas benutzt worden, müssten die Gelehrten eine Erklärung dafür finden, warum die Verfasser der beiden späteren Evangelien jedes Beispiel von narrativem tote in Matthäus ignoriert haben. Eine mögliche Antwort ist, dass sie bestimmte Merkmale loswerden wollten, die sich für sie nach schlechtem Griechisch anhörten. Dennoch erklärt das nicht, warum Lukas narratives tote an anderen Stellen verwendete (Lk 14,21; 21,10 und 24,45), wo es bei Matthäus keine Parallele gibt. Hätte Lukas Matthäus benutzt, und wenn er in der Lage war narratives tote in seinem Text zu akzeptieren, hätte er mit großer Wahrscheinlichkeit wenigstens eines von Mathhäus’ zahlreichen narrativen tote beibehalten.
Markus’ Stil wäre ebenfalls schwer zu erklären – kai (und) kommt so oft vor, dass sich sein griechischer Text sehr hebraisiert anhört. Wäre Matthäus von Markus benutzt worden, müssten wir glauben, dass ein griechischer Verfasser (Markus) sämtliche Spuren von aramäischen Konjunktionen aus seiner Quelle entfernt hätte, aber einige Beispiele desselben Wortes in nichtnarrativen Zusammenhängen gelassen hätte und damit fortgefahren wäre so viele kais zu seiner Erzählung hinzuzufügen, dass sein Griechisch vielmehr wie eine allzu wörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen geklungen hätte. Obwohl es möglich ist, dass ein Schreiber so etwas tut, ist es nicht sehr wahrscheinlich.
Viel wahrscheinlicher ist, dass Matthäus darin unterrichtet wurde, in Aramäisch zu schreiben – so wie Beamte z. B. darin mehr als fünf Jahrhunderte unterrichtet wurden – und dass er Griechisch mit ähnlichen Merkmalen und Stil schrieb. Matthäus könnte eine Quelle hinter Markus oder Lukas benutzen und sie unbewusst mit dem aramäisch gefärbten Konjunktionssystem überlagert haben, das man in seinem Evangelium findet. Dies würde erklären, warum narratives tote so oft in seinem Evangelium vorkommt.
Die Bedeutung in der Übersetzung
Übersetzer und Experten finden es beim Verstehen einer Passage nützlich zu wissen, dass der Verfasser von einer bestimmten Quelle abgeschrieben hat. Es hilft zu wissen, ob Matthäus Markus oder Markus Matthäus benutzt hat. Die meisten Gelehrten sind zu dem Schluss gekommen, dass Matthäus Markus benutzte, sowohl der Theorie der Priorität von Markus als auch der von Lukas entsprechend. Da die Schlussfolgerungen meiner Untersuchung von tote mit den allgemein anerkannten übereinstimmen, wird diese Studie die meisten Interpretationen nicht verändern. Es bleibt aber immer noch die Frage nach tote selbst. Wie funktioniert tote bei Matthäus? Das Wissen, dass es vom Aramäischen hergeleitet ist, hilft uns dabei die Beziehungen zwischen den Evangelien zu betrachten, aber es sagt uns nicht, was es bei Matthäus bedeutet. Warum verwendete er es an den betreffenden Stellen?
Ein Zusammenhang, in dem Matthäus tote benutzt, ist zu Beginn einer neuen Einheit wie einem Paragraphen. Matthäus verwendet tote häufig, wenn eine neue Person, Örtlichkeit oder eine Zeitlücke innerhalb der Erzählung auftaucht. Beispiele finden sich in Mt 3,5 und 3,13, wo Menschen und Jesus im entsprechenden Kontext auftauchen, und Mt 4,1 und 4,5, wo der Handlungsort während der Taufe-Versuchung-Erzählung gewechselt wird.
Matthäus verwendet tote außerdem, wenn es keinen Wechsel des Handlungsortes gibt. In diesem Zusammenhang nimmt tote eine ganz bestimmte Bedeutung an und impliziert, dass etwas Wichtiges passiert. Oft kann man dies als Miniklimax oder Schluss des Paragraphen ansehen. Man findet diese spezielle Verwendung in Mt 3,15, wo Johannes zustimmt Jesus zu taufen, Mt 4,10, wo Jesus dem Teufel seine letzte Antwort gibt und Mt 4,11, wo der Teufel verschwindet.
Um das normale tote von dem zu unterscheiden, das verstärkend wirkt, muß der Übersetzer darauf achten, ob der Ort des Geschehens sich ändert. Wenn er derselbe bleibt, markiert tote ein wichtiges Ereignis.
Abschließender Kommentar
Ein guter Übersetzer wird verschiedene passende Begriffe und Redewendungen für tote in unterschiedlichen Zusammenhängen wählen. Er mag daher, dann, zu dieser Zeit, jetzt oder gelegentlich überhaupt nicht verwenden. In jedem Fall muss der Übersetzer jedoch zuerst die Funktion von tote in Matthäus’ griechischem Text verstehen, bevor er mit seiner Übersetzung fortfährt.
Tote hilft uns nicht nur zu verstehen, wie Matthäus verschiedene Geschehnisse organisiert und zusammengefügt hat, sondern ist auch für das Verstehen des linguistischen Hintergrundes der Evangelien sehr wichtig. Eines der Teile des synoptischen Puzzles ist, dass Matthäus den eindeutig aramäischen Einfluss auf seine Konjunktionen reflektiert, wohingegen Markus und Lukas dies ebenso eindeutig nicht haben. Es scheint, dass dieser aramäische Einfluss von ihm selbst und nicht von einer Quelle kommt, und dass er zeitlich nach Lukas und Markus kam.
Notes
- Siehe meinen Artikel “Edayin/Tote—Anatomy of a Semitism in Jewish Greek,” Maarav 5.6 (1990): 33-48. ↩


