This article is a translation of: David N. Bivin, “First-century Discipleship,” Jerusalem Perspective 13 (1988): 1-2 [https://www.jerusalemperspective.com/555/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Die Berufung zum Jünger eines Weisen bedeutete im ersten Jahrhundert in Israel oft, dass man seine Verwandten und Freunde verlassen und unter kärglichsten Bedingungen durchs Land reisen musste. Ein Jüngerschaftskandidat musste sich seiner Prioritäten völlig bewusst sein. Beachten wir, was ein Mann zu Jesus sagte: „Ich werde dir folgen, Herr, aber lass mich erst zurückgehen und mich von meiner Familie verabschieden.“ (Lk 9,61). Die Antwort Jesu zeigt, dass nur solche bei ihm willkommen waren, die bereit waren, sich ihm völlig zu verpflichten: „Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und dann zurückschaut, ist tüchtig (bereit) für das Reich Gottes.“
Dies wird durch Jesu Antwort an einen Anderen deutlich; dieser wollte Jesus erst nach der Beerdigung seines Vater nachfolgen: „Lasst die Toten ihre Toten begraben“ (Lk 9,60; Mt 8,22). Scheinbar richten sich diese Worte an Menschen, die er dazu eingeladen hatte, ihr Heim zu verlassen, um eine vollzeitige Lehre bei ihm anzutreten. Ein einzigartiges Merkmal in der antiken jüdischen Gesellschaft.
Opfer – Vertrag und Hingabe
Laut Peah 1:1 gibt es bestimmte Dinge – Vater und Mutter ehren –, von denen ein Mensch auf Erden profitieren kann, während die „Hauptsache“ in der zukünftigen Welt auf ihn wartet. „Aber“, so die Schrift, „die Tora ist gleich allen diesen Dingen.“ Jesus sagte es ähnlich: So wichtig es auch ist, die Eltern zu ehren, wichtiger ist es, das Heim zu verlassen und die Tora mit ihm zu studieren.
Für den reichen jungen Mann Lk18 bedeutete die Nachfolge Jesu, seinen Reichtum zu verlassen. Der Preis war zu hoch für ihn, und er wurde kein Jünger Jesu. Petrus erinnerte Jesus daran, dass er und alle, die seinem Ruf folgten, anders waren: „Wir haben alles verlassen, um dir nachzufolgen.“ „Amen“ sagte Jesus, oder: „Ja, ihr habt es getan, und es ist lobenswert.“ Jesus versprach jedem für das Opfer der völligen Hingabe um des Reiches Gottes willen etwas von größerem Wert als das, was er aufgegeben hatte, und dazu ewiges Leben (Lk 18:28-30).
Jesus wollte nicht, dass seine Kandidaten falsche Erwartungen hatten, und wies sie an, die Kosten vor einem Vertrag mit ihm zu berechnen (Lk 14:28-33). Er sprach deutlich über den Grad der Hingabe, die von einem Jünger verlangt wurde. In diesem Kontext hat „hassen“ nicht die übliche, uns bekannte Bedeutung. Auf Hebräisch kann „hassen“ auch „weniger lieben“ bedeuten, „an die zweite Stelle setzen“. 1.Mo 29:31 wurde Lea „gehasst“ ; der Kontext zeigt aber, dass sie nicht ungeliebt, sondern weniger geliebt war als Jakobs zweite Frau Rachel. Im Vers vorher liebte Jakob Rachel mehr als Lea.
Eine zweite Illustration dieser besonderen hebräischen Färbung des Wortes „Hass“ finden wir 5Mo 21:15: „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine geliebt, die andere gehasst…“ Hier zeigt der Kontext, dass die „gehasste“ Ehefrau emotionell an zweiter Stelle steht und nicht wirklich gehasst wird. Jesus sagt, dass jeder, der ihn nicht mehr liebte als die eigene Familie oder sich selbst, nicht sein Jünger sein konnte. Er wies auch auf die Härte des Wanderlebens des Weisen hin: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel ihre Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen könnte“ (Lk 9:57-58). Die Last der Jünger Jesu war schwer, ähnlich der, die die Weisen im 1. Jh. von ihren Jüngern erwarteten, die nach dem Maßstab der damaligen jüdischen Gesellschaft nicht als extrem galten.
Eine weitere Not für den Jünger war die Trennung von seiner Frau. Jünger waren in der Regel ledig, aber da man sehr früh heiratete (normalerweise mit 18 Jahren, so Avot 5:21 der Mischna) hatten viele Jünger Frau und Kinder. Zum Beispiel wird die Schwiegermutter eines Jüngers Jesu in Lk 4:38 erwähnt. Wenn er verheiratet war, brauchte der Mann die Erlaubnis seiner Frau, das Haus länger als dreißig Tage zu verlassen, um bei einem Weisen zu lernen (Mischna, Ketubot 5:6).
Wie ein Vater
Das Leben war hart, aber es konnte doch nichts mit dem erfrischenden Erlebnis verglichen werden, bei einem Weisen zu sein, bei ihm zu lernen und im Kreis seiner Jünger zu leben. Zwischen dem Weisen und seinem Jünger entwickelte sich ein besonderes Verhältnis, ähnlich wie zwischen Vater und Sohn. Tatsächlich war er mehr als ein Vater und wurde laut Mischna vom Jünger mehr geehrt als dessen Vater:
Wenn jemand nach verlorenem Besitz seines Vaters und seines Lehrers sucht, hat der Verlust seines Lehrers Vorrang, denn sein Vater hat ihm nur das Leben für diese Welt geschenkt, sein Lehrer aber hat ihm die Weisheit (z.B. die Tora ), hat ihm das Leben für die zukünftige Welt geschenkt. Aber wenn sein Vater genauso ist wie sein Lehrer, dann hat der Verlust des Vaters Vorrang… Wenn sein Vater und sein Lehrer in Gefangenschaft sind, muss er zuerst seinen Lehrer loskaufen und erst danach seinen Vater – es sei denn sein Vater ist selbst Lehrer, dann muss er zuerst seinen Vater loskaufen. (Bava Metsi´a 2:11)
Falls es schockiert, dass jemand seinen Lehrer vor seinem Vater loskaufen muss, dann nur, weil wir die gewaltige Liebe und den Respekt der Jünger und der damaligen Gesellschaft für die Lehrer nicht verstehen. Ähnlich grausam erscheint es, dass Jesus seinem Kandidaten nicht erlaubte, sich vor dem Eintritt in die Nachfolge von der Familie zu verabschieden. Das war völlig normal für die Zeitgenossen Jesu. Es war ihnen klar, was Jesus mit den Worten meinte: „Niemand kann mein Jünger sein, wenn er nicht Vater und Mutter hasst, Ehefrau und Kinder, Brüder und Schwestern.“



