This article is a translation of: David N. Bivin, “Jesus’ Education,” Jerusalem Perspective 14 (1988): 1, 4; 15 (1988): 1-2 [https://www.jerusalemperspective.com/2291/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Die Lektüre des Neuen Testaments zeigt, dass Jesus ein in der Schrift und der umfangreichen religiösen Literatur seiner Zeit unterwiesener Gelehrter war. Allgemein hält man ihn für einfachen und wenig gebildet aus der Provinz. Dieses Missverständnis resultiert u. a. aus einigen herabsetzenden Feststellungen über Nazareth und Galiläa, wie z. B. (Jh. 1,46): „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen!“ und (Apg. 2,7): „… verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?“
Diese Aussagen reflektieren ein judäisches Vorurteil Galiläern gegenüber. Judäer sahen sich als kultiviert und kosmopolitisch an. Galiläer waren für sie Provinzler mit grobem, ungeschliffenem Akzent. Das Gegenteil scheint wahr zu sein: Die Galiläer waren weltoffener als die Judäer, die mehr im Innern des Landes lebten und sich von den anderen Nationen abgrenzten. Galiläa war mit seinen vielen Dörfern weit mehr besiedelt. Judäa trug einen wesentlich ländlicheren Charakter. Ohne Zweifel trug die Verachtung Galiläern gegenüber auch zur Vermutung Jh. 7,15 bei, Jesus habe keine Bildung genossen: „Die Juden verwunderten sich und sprachen: Wie kann dieser die Schrift verstehen, wenn er es doch nicht gelernt hat?“
Konservative Galiläer
Die genannten Schriftstellen nährten die Vorstellung, Jesus und seine Jünger seien ungebildet gewesen, weil sie aus Galiläa waren. Erstaunlicherweise jedoch übertrafen Bildungsstand und religiöse Erziehung in Galiläa weitaus den Standard von Judäa. Nach Shmuel Safrai, Prof. an der Hebräischen Universität für jüdische Geschichte in der mischnaisch/talmudischen Periode, übersteigt nicht nur die Anzahl der galiläischen Weisen im ersten Jahrhundert die der judäischen Weisen, auch die moralische und ethische Qualität ihrer Lehren wird höher eingestuft als die ihrer judäischen Gegenüber. Galiläische Weise aus dem ersten Jahrhundert wie Jochanan ben Zakkai, Chanina ben Dosa, Abba Jose Holikofri von Tiv’on, Zadok und Jesus von Nazareth vermittelten den Bewohnern von Galiläa ein tiefes Verständnis der Tora.
Zusätzlich zu hohem Wissensstand und Verehrung der Heiligen Schrift sah man die Galiläer als religiös konservativ an. Der jüdische messianische Nationalismus blühte in Galiläa. Juda der Galiläer war Gründer der Zeloten-Bewegung. Die große Erhebung gegen Rom 66 n. Chr. brach in Galiläa, nicht in Judäa aus.
Frühe Erziehung und hoher Bildungsstand
Das NT sagt fast nichts über das Leben Jesu nach seiner Geburt bis zu seinem Auftritt im Tempel im Alter von 12 Jahren und von da an bis zu seinem öffentlichen Dienst im Alter von 30 Jahren. Einen Hinweis darauf, was ein junger Jude zu der Zeit getan haben mag, finden wir in Avot 5,25, einem Traktat aus einer Sammlung rabbinischer Sprüche, genannt Mischna: „Ein Fünfjähriger für die heilige Schrift, ein Zehnjähriger für die Mischna, ein Dreizehnjähriger für die Mizwoth (Bar-Mizwa – religiöse Mannesreife), ein Fünfzehnjähriger für die Gemara, ein Achtzehnjähriger für die Ehe, ein Zwanzigjähriger für das Streben (beruflicher Weg), ein Dreißigjähriger für die Kraft …“
Man kann zwar die genaue Zeit dieser Worte nicht bestimmen, vielleicht sind sie 100 Jahre nach Jesus entstanden, aber es gibt viele rabbinische Hinweise, die die Bedeutung der Kindererziehung herausstellen und verdeutlichen, wie der junge Jesus seine Zeit verbracht haben mag. Bildung hatte in der jüdischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. In seiner Apologie für das Judentum Gegen Apion, d. h. gegen den Antisemitismus, stellt der jüdische Historiker Josephus im ersten Jahrhundert fest: „Vor allem sind wir stolz auf die Ausbildung unserer Kinder, und wir erachten es als höchste Aufgabe im Leben, unsere Gesetze und die darauf aufbauenden religiösen Handlungen zu beobachten, die wir ererbt haben“. Der Talmud schreibt die zu bevorzugende Größe einer Klasse vor: „Die höchste Zahl der Grundschüler unter einem Lehrer ist 25; wenn es 50 sind, muss ein zusätzlicher Lehrer eingestellt werden; wenn es 40 sind, sollte ein älterer Schüler angestellt werden, um dem Lehrer zu assistieren“ (Bava Batra 21a).
Im Normalfall hatte jede Synagoge im ersten Jahrhundert ihr eigenes Bet-Sefer (Grundschule) und Bet-Midrasch (Höhere Schule), in denen die Kinder und Erwachsenen die Tora sowie die mündlichen Traditionen studierten. Die formale Ausbildung endete mit dem Alter von 12 bis 13 Jahren, dann gingen die Kinder zur Arbeit. Die begabteren Schüler konnten auf eigenen Wunsch ihre Studien im Bet-Midrasch zusammen mit den Erwachsenen fortsetzen, die in ihrer Freizeit lernten. Einige der besten Bet-Midrasch-Studenten verließen ihr Zuhause, um bei einem berühmten Weisen zu lernen, wozu sie von ihren Familien ermutigt wurden. Nur Erfolg versprechende Studenten nötigte man zur Fortsetzung des Studiums, da ihre Anwesenheit normalerweise für die landwirtschaftliche Arbeit daheim benötigt wurde.
Man könnte glauben, die Synagoge, der Ort der Anbetung, sei als bedeutender oder heiliger angesehen worden als Schulen. Das war nicht so. Bis heute gilt der Bet-Midrasch als bedeutenderer Ort als die Synagoge – nicht weil Bildung oder Erziehung höher als Anbetung eingestuft werden, sondern weil es im Judentum zwischen beiden keinen Unterschied gibt. Tatsache ist, dass das Judentum das Studium der Tora immer für eine der höchsten Formen der Anbetung gehalten hat (Bab. Talm., Shabbat 30a).
Die jüdische Tradition enthält viele Auffordrungen zu kontinuierlichem, sorgfältigem Studium, so die Mischna: „Übe Disziplin, um die Tora zu studieren; denn du wirst Wissen nicht durch Erbe erhalten“ (Avot 2:12). Dieser Standpunkt wird auch im NT aufgegriffen: Apg 17,11: “Diese waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf und untersuchten täglich die Schriften, ob dies sich so verhielte.” 2Ti 2,15: “Strebe danach, dich Gott bewährt zur Verfügung zu stellen als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit in gerader Richtung schneidet.”
Auswendig lernen
Obwohl zur öffentlichen Lesung in der Synagoge Schriftrollen benutzt wurden und das Schrifttum hoch entwickelt war, war schriftliches Material sehr teuer; denn alle Manuskripte musste per Hand von geübten Schreibern hergestellt werden. Darum waren Schriftrollen relativ rar, und selbst wenn zu Jesus Zeit jedes jüdische Haus mindestens eine der zirka 20 biblischen Schriftrollen besaß, so hatten doch nur wenig Menschen direkten Zugang zu einem größeren Teil der ganzen Bibliothek frommer Literatur. Daraus ergab es sich, dass das Studium vorwiegend vom Auswendiglernen bestimmt wurde. Professor Safrai schrieb bezüglich der Unterrichtsmethoden der damaligen Zeit:
“Individuelles und Schriftstudium in der Gruppe, Wiederholung der Schriftstellen etc. wurden oft durch lautes Singen durchgeführt. Es gibt ein Sprichwort: „Das Zwitschern der Kinder“. Dies wurde oft gebraucht durch die Menschen, die an einer Synagoge vorbeikamen, in der gerade Kinder Verse rezitierten. Auch Erwachsene, individuell und in Gruppen, lasen beim Studieren laut; denn es wurde oft geraten, laut zu lernen, und nicht dabei zu flüstern. Dies war die einzige Möglichkeit die Gefahr des Vergessens zu überwinden” (The Jewish People in the First Century 2:953).
Für die Weisen war Wiederholung der Schlüssel zum Lernen, wie diese Stellen verdeutlichen. “Jemand, der seine Lektion hundertmal wiederholt, ist nicht zu vergleichen mit dem, der sie hundert und ein mal wiederholt” (B. Talmud, Hagigah 9b). “Wenn ein Student die Tora studiert und nicht immer wieder durch den Stoff geht, ist er wie ein Mann, der sät ohne zu ernten” (BT, Sanhedrin 99a).
Man wandte viele Methoden an, um dem Studenten beim Auswendiglernen seiner Lektionen zu helfen, und eine Stelle im Talmud (Shabbat 104a) beschreibt sogar die mnemotechnischen Mittel zum Lehren des Alphabetes bei kleinen Kindern bis ins Detail. Grundschüler, die sieben Tage in der Woche lernten, erhielten am Sabbat kein neues Lehrmaterial, sie nutzten diesen Tag, um das auswendig zu lernen, was sie in der Woche gelernt hatten. Die Schüler lernten auswendig, wenn sie draußen herumstreiften, wurden aber oft durch die Landschaft zur Unaufmerksamkeit verleitet. Die Mischna warnt ganz speziell dagegen: “Jemand, der die Straße entlang geht und dabei seine Lektionen wiederholt und das Auswendiglernen unterbricht und ausruft: „Welch schöner Baum!“ oder „Welch schönes Feld!“, dem wird es angerechnet wie ein Verbrechen, auf dem die Todesstrafe steht (Avot 3:8).
Das wandernde Auswendiglernen wird noch heute im Nahen Osten praktiziert und ist Grundstein des moslemischen Bildungswesens. In der arabischen Welt kann man in Randgebieten von Städten und Dörfern junge Männer beobachten, wie sie die Straße auf und abgehen und augenscheinlich Selbstgespräche führen. Tatsächlich aber wiederholen und lernen sie ihre Lektionen, bis sie sie auswendig beherrschen.
Die Zeitgenossen Jesu
Von dem, was aus den jüdischen Quellen, wie zum Beispiel den oben genannten, heraus zu lesen ist, kann man sich ein ziemlich genaues Bild davon machen, was Jesus in seiner Kindheit und Jugendzeit tat. Er lernte viel, musste Mengen von Material auswendig lernen – die Schrift und Kommentare zur Schrift – die ganze fromme Literatur, die zu seiner Zeit zu finden war.
Genau das taten die meisten anderen jüdischen Jungen in den Tagen Jesu auch. Das Auswendiglernen der schriftlichen und mündlich überlieferten Tora stellte solch einen großen Teil der jüdischen Bildung dar, dass die meisten Zeitgenossen Jesu große Teile dieses Materials in ihrem Gedächtnis hatten – zumindest fast alle Teile der geschriebenen Tora . Professor Safrai sagt dazu:
Jeder kannte die Schrift sehr genau. Schon zu Anfang der Zeit des Zweiten Tempels gab es kaum einen kleinen Jungen auf der Straße, der die Schrift nicht kannte. Laut Hieronymus (342-420 n.Chr.), der in Betlehem lebte und die hebräische Sprache von den jüdischen Einwohnern lernte, um die Schrift ins Lateinische zu übersetzen (Vulgata), ‘gab es kein jüdisches Kind, dass nicht die Geschichte von Adam bis Serubabel (d.h. vom Anfang bis Ende der Bibel) auswendig wusste.’ Vielleicht übertreibt Hieronymus hier ein wenig, aber in den meisten Fällen sind seine Berichte verlässlich.



![David N. Bivin [1939-2026]](https://www.jerusalemperspective.com/wp-content/uploads/userphoto/4.jpg)