This article is a translation of: David N. Bivin, “Rabbinic Literature: A Spiritual Treasure for Christians,” Jerusalem Perspective 41 (1993): 13-15 [https://www.jerusalemperspective.com/2682/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Der Ausdruck rabbinische Literatur, wie er in der Jerusalemer Perspektive gebraucht wird, bezieht sich auf verschiedene Sammelwerke der Mündlichen Tora. Wie der Name verrät, wurde die Mündliche Tora mündlich weitergegeben und war zur Zeit Jesu noch nicht aufgeschrieben. Erst als das jüdische Leben im Land Israel fast völlig aufgehört hatte, fühlte die geschwächte Gemeinschaft die Notwendigkeit diese Literatur schriftlich zu bewahren.
Der erste Versuch, die Mündliche Tora aufzuschreiben, wird Mischna genannt. Das ist ein von R. Jehuda ha-Nassi (Rabbi Juda der Fürst, auch kurz Rabbi genannt) um ca. 200 n. Chr. redigiertes Werk. Die Mischna gibt die Worte der Weisen wieder, die in den Jahrhunderten zuvor gelebt haben und gelehrt haben, und ist mit Ausnahme einiger Worte und Sätze ausschließlich in Hebräisch geschrieben.
Sprüche der Väter
Der bekannteste aller 63 Mischna-Traktate trägt den Titel Avot (Väter) oder Pirke Avot (Kapitel der Väter), wird im Deutschen aber zumeist als Sprüche der Väter oder Ethik der Väter bezeichnet. Avot ist eine Sammlung hochverehrter Sprüche von mehr als 60 angesehenen Weisen und beginnt mit den Worten der ältesten bekannten Aussprüche (ca. 3. Jh. v. Chr.). Nach den Avot gab es eine ununterbrochene Kette von Übermittlern der Mündlichen Tora seit der Zeit des Mose. Im ersten Kapitel führen die Avot die Übermittlung der Mündlichen Tora von ihrem Empfang auf dem Sinai bis zu den Tagen Hillels zurück (Anfang d. 1. Jh.):
Mose empfing die Lehre vom Sinai und überlieferte sie dem Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten überlieferten sie den Männern der großen Versammlung… Shim’on der Gerechte war einer der Überlebenden der großen Versammlung … Antigonos von Socho empfing von Shim’on dem Gerechten … Jose ben Joezer von Zereda und Jose ben Jochanan von Jerusalem empfingen von ihm … Jehoschua ben Peraja und Mattai von Arbel empfingen von ihnen … Jehuda ben Tabbai und Shim’on ben Scheta empfingen von ihnen … Schemaja und Avtalion empfingen von ihnen … Hillel und Schammai empfingen von ihnen.
Obwohl das eigentliche Thema der Mischna vornehmlich halachisch ist, d. h. sich mit gesetzlichen Vorschriften befasst, tragen die Avot mehr einen Charakter der Andacht und gehen fast ausschließlich auf moralisches Verhalten ein. Mit seinen nur sechs Kapiteln (das letzte wurde später hinzugefügt) beinhaltet dieser Traktat einige der nächsten Parallelen zu den Worten Jesu, die wir in der rabbinischen Literatur kennen. Die Avot sind so populär, dass es zu einer Gewohnheit geworden ist, in der Synagoge ein Kapitel nach den Nachmittagsgebeten an jedem Sabbat zwischen Pessach und dem Jüdischen Neujahr (eine Periode von fünf Monaten) zu betrachten. Folglich ist der ganze Traktat in allen Ausgaben des Gebetbuchs enthalten, ein besonderes Vorrecht, das nicht einmal die Psalmen genießen.
Neben der Bibel, dem Gebetbuch und der Pessach-Haggada sind die Avot religiösen Juden wahrscheinlich bekannter als irgend ein anderes Buch und es sind über die Avot mehr Kommentare geschrieben worden als über andere rabbinische Werke. Selbst weniger religiös gebildete Juden sind mit den in den Avot enthaltenen Vorschriften bekannt.
Jesus und die Väter
Der Spruch Jose ben Joezers (erste Hälfte des 2. Jh. v. Chr.) in den Avot ermahnt die Leute, den Weisen gegenüber gastfreundlich zu sein: Es sei dein Haus ein Versammlungshaus der Weisen, und bestäube dich mit dem Staub ihrer Füße und trinke mit Durst ihre Worte (Avot 1,4). Maria und Marta nahmen Jose ben Joezers Mahnung ernst und öffneten ihr Heim Jesus und seinen Jüngern (Lk 10, 38-42).
Rabbi Tarphons Worte (geb. ca. 50- 55 n. Chr.) Der Tag ist kurz, die Arbeit ist groß, die Arbeiter sind träge, der Lohn ist reichlich und der Hausherr drängt (Avot 2,15) klingt an Jesu Worte in Mt 9, 37-38 an: Die (Arbeit der) Ernte ist groß und der Arbeiter sind wenige. Bittet den Herrn der Ernte, dass er (mehr) Arbeiter in seine Ernte bringe (Einfügungen durch den Autor).
Jesu Lehre in Mt 7, 24-27, dass gute Werke notwendigerweise gepaart sein müssen mit Erkenntnis (jeder, der diese meine Worte hört und tut sie, ist gleich … Jeder, der diese meine Worte hört und tut sie nicht, ist gleich …) findet zwei schlagende Parallelen in den Avot – in einem Wort von R. Chanina ben Dosa: Jeder dessen Taten mehr sind als seine Weisheit, hat Bestand. Jeder aber, dessen Weisheit mehr ist als seine Taten, hat keinen Bestand (Avot 3,12); und in dem Gleichnis des R. Eleazar ben Azaria (Ende d. 1. Jh.): Jeder, dessen Weisheit größer ist als seine Taten, wem gleicht er? Einem Baum, dessen Zweige viel und dessen Wurzeln wenig sind, ein Windstoß kommt und entwurzelt ihn und stürzt ihn auf seine Krone … Aber derjenige, dessen Taten größer sind als seine Weisheit, wem gleich er? Einem Baum, dessen Zweige wenig und dessen Wurzeln viel sind, kommen auch alle Winde der Welt und wehen gegen ihn, bewegen sie ihn nicht von seiner Stelle. (Avot 3,22).
Weitere Worte der Avot, die ihr Gegenstück in der Lehre Jesu finden, sind:
Erfülle seinen Willen wie deinen Willen, damit er deinen Willen erfülle wie seinen Willen (Avot 2,4).
Es gibt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen diesem Spruch und den Worten Jesu in Mt. 6,10: Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden; und 7,21: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! Wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.
Beachten wir auch die Ähnlichkeit zwischen dem folgenden Wort und der Goldenen Regel (Mt. 7,12):
R.Eliezer sagte: Es sei dir die Ehre deines Genossen so teuer wie deine eigene (Avot 2,15).
Ein Ausspruch von R. Jose lautet ähnlich:
Es sei dir das Vermögen (wörtl. Mammon) deines Genossen so wertvoll wie das deinige. (Avot 2,17).
Geistliche Tiefe
Eine ganze Anzahl von Aussprüchen in den Avot – obgleich nicht direkt parallel zu den Worten Jesu – erinnern uns stark an die geistliche Tiefe, die wir in den Worten Jesu finden:
Rabbi Jakob sagt: Diese Welt gleicht einer Vorhalle zur zukünftigen: rüste dich in der Vorhalle, damit du in den Palast eintreten kannst (Avot 4,21).
Jehuda, Sohn des Tema, sagt: Sei fest wie der Leopard, leicht wie der Adler, rasch wie der Hirsch und stark wie der Löwe, den Willen deines Vaters im Himmel zu erfüllen (Avot 5,23).
Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen in der Absicht, Lohn zu empfangen, sondern seid wie Diener, die dem Herrn dienen nicht in der Absicht, Lohn zu empfangen, und es sei die Ehrfurcht vor dem Himmel auf euch (Avot 1,3).
Jede Liebe, die von einer Sache abhängt, hört die Sache auf, hört die Liebe auf; die aber nicht von einer Sache abhängt, hört niemals auf. Welches ist eine Liebe, die von einer Sache abhängt? Dies ist die Liebe des Amnon zu Tamar (2Sam 13). Und die nicht von einer Sache abhängt? Dies ist die Liebe des David und Jonathan (1Sam 20) – Avot 5,19.
Viele christliche Gelehrte lesen nur dann in der rabb.Literatur, wenn sie nach Parallelen zum NT unterwegs sind. Da handelt es sich eher um eine Parallelomanie. Die Worte der Weisen sind mit Sicherheit ein Schatz, den man zuerst um seiner selbst willen erforschen sollte.



