This article is a translation of: David N. Bivin, “Another Look at the ‘Cleansing of the Temple’ Story,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/3834/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die darin verkauften und kauften … Lk 19:45
Aufgrund von archäologischen Ausgrabungen in der Nähe der Südmauer des Tempels, der Untersuchungen von Shmuel Safrai sowie einer Nuance des hebräischen Verbs , das dem griechischen ἐκβάλλειν ekballein entspricht (hinaustreiben, hinauswerfen, zurückweisen, wegbewegen, sich entledigen, hinaustun) erscheint es notwendig, die Evangelienberichte über die Reinigung des Tempels neu zu interpretieren (Mt 21:12-13; Mk 11:15-17; Lk 19:45-46; Jh 2:13-16) und dabei sogar einen anderen Ort für die Aktion Jesu vorzuschlagen.
Zuerst sollte der griechische Ausdruck εἰσελθεῖν εἰς τὸ ἱερόν eiselthein eis to hieron einen der Vorhöfe des Tempels betreten bedeuten, wobei es sich um den äußeren Vorhof des Tempels, den Vorhof der Heiden handelt. Da jedoch finanzielle Transaktionen und andere kommerzielle Tätigkeiten im Tempel nicht erlaubt waren – auch nicht im Vorhof der Heiden, zu dem auch Nicht-Juden Zutritt hatten -, bezieht sich das Wort Tempel in diesem Fall wahrscheinlich auf den Bereich rings um die Tempelplattform, und zwar hier vor allem auf den Bereich unmittelbar südlich der monumentalen Huldatore, die als Ein- und Ausgang für Tempelpilger dienten. In rabbinischen Quellen wurde dieser Bereich der Tempel genannt – wie auch sogar die ganze Stadt Jerusalem selbst.[1] Es ist richtig, das griechische Wort ekballein kann hinaustreiben bedeuten, wenn aber die Verkäufer und Geldwechsler ihre Geschäfte außerhalb des eigentlichen Tempels führten, dann gibt das Wort hinaustreiben Rätsel auf.
Obwohl es nicht unbedingt das allgemein übliche hebräische Wort für ekballein ist, schlägt Robert L. Lindsey vor, dass das hebräische Verb הוֹצִיא hotsi (hinausbringen, hinausnehmen) hinter ekballein gesehen werden sollte. Falls dem wirklich so ist, dann haben wir es viel weniger mit einer Gewaltanwendung seitens Jesu zu tun, sondern vielmehr damit, dass er etwas zur Seite genommen, zur Seite gezogen hat. Er rief die Tempelhändler sozusagen aus ihren Läden heraus, nahm sie zur Seite bzw. außerhalb des Bereichs und wies sie zurecht. Jesus hat dabei vielleicht keine Gewalt angewendet, sondern dergestalt gestraft, dass er in einer genialen Weise Texte der Schrift miteinander verband, die er ihnen an den Kopf warf: Mein Haus soll ein Bethaus sein (Jes. 56,7), ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht (Jer. 7,11).
Ein hebräisches hotsi in dem angenommenen dahinter stehenden semitischen Text kann dazu beitragen die Steigerung der Gewaltanwendung in dem Bericht zu erklären, so wie die Geschichte zuerst wieder erzählt wurde, und zwar zuerst durch Markus, dann durch Matthäus und schließlich durch Johannes. Hotsi hat nicht unbedingt etwas mit Gewaltanwendung zu tun, das griechische Wort ekballein, auf das diese Art von Bedeutung hin und wieder auch zutreffen kann, bedeutet aber auch ganz deutlich, dass man etwas mit Härte oder Zwang hinaustut.[2]
Bei der Untersuchung der Texte der vier Evangelien kann man die sich immer mehr steigernde Gewaltanwendung beobachten, und zwar in der Reihenfolge von Lukas zu Markus, dann zu Matthäus und schließlich zu Johannes, das Jesus beschreibt, wie er eine Peitsche zubereitet und damit dann die Schafe und die Rinder aus dem Tempelhof treib (Jh 2,13-16). Dieses Crescendo der Gewalt scheint durch die griechische Sprache gefördert worden zu sein, so dass sich der Evangelienbericht erst in dieser Weise entwickelt hat, nachdem er ins Griechische gebracht wurde. Diese Beobachtung, die mit Markus beginnt und mit Johannes endet, kann möglicherweise die synoptische Reihenfolge Lukas → Markus → Matthäus → Johannes bestätigen.[3]
Joseph A. Fitzmyer, einer der bedeutendsten NT-Kommentatoren sagt:
Die Leugnung der geschichtlichen Wahrheit, dass Jesus den Tempel gereinigt hat (Lk 19,45-46) rührt hauptsächlich daher, dass man unfähig ist, eine Erklärung dafür zu bringen, wie Jesus als Einzelperson so den großen Vorhof der Heiden von den Verkäufern und Geldwechslern, die ihre Geschäfte dort mit Erlaubnis der Tempelbehörde treiben konnten, und dass er dass sogar erfolgreich tat, ohne auch nur die geringste Opposition oder zumindest eine Intervention der Tempelpolizei zu erfahren. Wie konnte er den Vorhof davor bewahren, dass Waren hin und her transportiert wurden (Mk 11,16)? Auf lange Sicht gibt es keine Möglichkeit, diese Frage wirklich gültig zu beantworten; wir wissen es einfach nicht, wie Jesus das getan hat.[4]
Die Antwort auf dieses Rätsel könnte – wie Lindsey vorgeschlagen hat – in einem hebräischen Verständnis des griechischen Wortes ekballein liegen. Eine Verschiebung in der Bedeutung der hebräischen Nuance von ekballein zur griechischen Nuance des Wortes kann der Grund für die Erweiterung der Texte und damit der Zunahme von Gewaltanwendung sein, wie sie in Markus, Matthäus und Johannes evident ist.[5] Im Bericht von Lukas mag Jesus noch gegen die Kommerzialisierung des heiligen Tempels protestieren oder gegen die Mafia, die die Geschäfte kontrollierte; im Bericht von Markus indes, wo er nicht erlaubte, auch nur ein Gerät durch den Tempel zu tragen, schließt er den Tempel praktisch ab.[6]
Die rabbinische Art und Weise, in der er nach Lk 19,46 die Schrift zitiert, indem er zwei Teile von zwei Versen aus unterschiedlichen Kontexten verbindet (Jes. 56,7, Jer 7,11), sollte dabei unbedingt im Auge behalten werden.[7] Jüdische Weise haben oft ein einziges Wort oder einen Satzteil aus einem Vers der Schrift angewandt, um auf den gesamten Textzusammenhang des Verses hinzuweisen, wie Jesus zum Beispiel das Wort … zu suchen und zu retten das Verlorene (Lk 19,10) gebrauchte, um auf Hesekiel 34 hinzuweisen.[8] Markus fügt Kap 11,17 für alle Nationen hinzu und ändert Jesu es steht geschrieben um in steht nicht geschrieben?, womit er dieser außerordentlich genialen Art und Weise Jesu zu reden ein wenig den Glanz nimmt.
Wie alle Pilger, die zum Passa-Fest kamen, begann Jesus seinen Pilgerweg am Fuß der südlichen Stützwand des Tempelplatzes, wo sich der einzige Eingang für die Pilger befand. Dieser Bereicht war bedeutend, weil man sich dort für den Aufgang zum Tempel vorbereitete. Dort gab es eine Menge von Mikwa’ot (Tauchbecken) für die rituelle Reinigung der Pilger – das Untertauchen in einer Mikwe wurde von dem Pilger verlangt, wenn er den Tempel betreten wollte. Nachdem Jesus sich in einer der vielen Mikwa’ot untergetaucht hatte, ist er die riesige Treppe hinaufgestiegen, und zwar durch ein dreifaches Bogentor am Fuß der südlichen Mauer (westlich von diesem Tor befand sich ein Doppelbogen-Tor, aus dem die Pilger aus dem Tempelbereich hinausgingen; diese beiden Tore waren bekannt als Hulda-Tore). Nach dem Durchschreiten des dreifachen Tores, ging Jesus über eine unterirdische Rampe direkt hinauf in den Vorhof der Heiden, den Hof, der die inneren Höfe des Tempels umgab.
Wenngleich die nähere Umgebung der Hulda Tore ein Ort geistlicher Vorbereitung war – jedenfalls für viele Pilger, von denen viele ja nur einmal in ihrem Leben nach Jerusalem kamen -, hatten sich dort viele Händler niedergelassen. Der Lärm der Marktschreier war eine schlimme Ablenkung für die Pilger; schlimmer indes war die Tatsache, dass die hohepriesterliche Familie dort in einem regelrechten Mafiastil herrschte,[9] die Läden stanken nachgerade vor Korruption und Bosheit. Jesus hat sich nicht dem Verkauf der Opfertiere widersetzt, also etwas, das in der Tora gefordert war (5Mo 14,25), vielmehr war er wie ein großer Teil der Bevölkerung über die Taten derer, die das System bestimmten, entbrannt, nämlich die ruchlosen sadduzäischen Hohenpriester[10] die selbst vor Mord nicht zurückschreckten. Ihr seid Räuber, ihr macht den Tempel zu einer Räuberhöhle! war Jesu Urteil. Die Ladenbesitzer waren Teil des korrupten Systems, das von den Hohenpriestern organisiert und geführt wurde.
Gestützt auf den griechischen Ausdruck von Matthäus 21,12, Markus 11,15 und Lukas 19,45 schlage ich die folgen Rekonstruktion eines angenommenen Prototyps vor: וַיָּבֹא אֶל הַמִּקְדָּשׁ וַיָּחֶל לְהוֹצִיא אֵת הַמֹּכְרִים לֵאמֹר vayavo el ha-mikdash vayahel lehotsi’ et ha-mochrim, lemor… („Er betrat den Tempel und begann die Händler hinauszunehmen (oder betrat denTempel und nahm hinaus) und sagte…“). Eine dynamischere Rekonstruktion könnte sein: „Jesus kam zum (kommerziellen Bereich vom) Tempel und begann die Händler (oder diejenigen, die den Hohenpriestern nahestanden) zur Seite (oder außerhalb des Bereichs, klagte sie an) und sagte…“
Notes
- Der Tempel war nicht nur der Tempel, sondern der gesamte Tempelkomplex, einschließlich der Bereiche, in dem die Händler sich befanden. Sogar Jerusalem wird in jüdischen Quellen manchmal Tempel genannt. Im Laufe der Zeit lehrten die Rabbinen, dass sich die Heiligkeit des Tempels in hohem Maße auf die gesamte Stadt Jeerusalem bezog (Shmuel Safrai, “Early Testimonies in the New Testament of Laws and Practices Relating to Pilgrimage and Passover). ↩
- Siehe BAG, 236-237; Jastrow, 587-588. ↩
- Bemerken wir das gleiche Muster gesteigerter Gewaltanwendung von Lukas über Markus zu Matthäus in Markus und Matthäus Parallelen zu Lukas 21,12-13: Vor diesem allem aber werden sie ihre Hände an euch legen und euch verfolgen, indem sie euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefern, um euch vor Könige und Statthalter zu führen um meines Namens willen. Es wird euch aber zu einem Zeugnis ausschlagen. Die Parallele bei Markus lautet (Mk 13:9): Euch werden sie an Gerichte überliefern, und in den Synagogen werdet ihr geschlagen werden, und ihr werdet vor Statthalter und Könige gestellt werden um meinetwillen, ihnen zu einem Zeugnis … während Matthäus (10,17-18) sagt: Denn sie werden euch an Gerichte überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln; und auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis. ↩
- oseph A. Fitzmyer, The Gospel According to Luke (AB 28A and 28B; Garden City: Doubleday, 1981-1985), 1264. ↩
- Matthäus wollte offenbar den Wortlaut von Markus nicht übernehmen er erlaubte keinem, etwas durch en Tempel zu tragen (V. 16). Mit der Hinzufügung durch den Tempel in dem Satz die im Tempel verkauften und kauften (15), den Matthäus abschrieb und durch den Tempel ließ Markus den Eindruck entstehen, dass der Handel auf dem eigentlichen Tempelgelände anstatt außerhalb davon stattfand. ↩
- R. Steven Notley, “Anti-Jewish Tendencies in the Synoptic Gospels,” 25-6 ↩
- dazu s. Artikel von J. Frankovic: Denkt an Silo! ↩
- Als Jesus die Räuber erwähnte, nahm er möglicherweise Bezug auf das ganze Kapitel Jeremia 7. ↩
- S. Menahem Stern, “Aspects of Jewish Society: The Priesthood and Other Classes,” in The Jewish People in the First Century [ed. Shmuel Safrai and Menahem Stern; Amsterdam: Van Gorcum, 1976], 600-612. S. auch Stern, “The Reign of Herod and the Herodian Dynasty,” in The Jewish People in the First Century, 273-274. ↩
- Mitgliedeer dieser hohepriesterlichen Dynastien schreckten vor nichts zurück, um ihre Ziele zu erreichen: Der Hohepriester Ananias gewann Tag für Tag mehr Ansehen und wurde von den Bewohnern mehr und mehr gelobt und geehrt. Er war ja der Versorger mit Geld. In der Tat trieb er täglich den Hohenpriester (Jesus Sohn des Damnäus) und den Prokurator Albinus zu Spenden an. Darüber hinaus besaß er Sklaven, die völlig mittellos sich den Truppen der schlimmsten Leute anschlossen. Sie gingen auf die Tennen und raubten die Zehanten die für die Priester bestimmt waren mit Gewalt und schlugen alle, die sich widersetzten. Die Hohenpriester taten dasselbe wie ihre Sklaven, und niemand konnte sie daran hindern. Darum starben viele der Priester, die von den Zehnten lebten, aus Mangel an Nahrung (Josephus, Ant. 20.9.2. – Übers. Buth-Kvasnica, s. Randall Buth und Brian Kvasnica “Temple Authorities and Tithe-Evasion: The Linguistic Background and Impact of the Parable of the Vineyard, the Tenants and the Son” Cf. Ant. 20.8.8 (§181). Das erschreckende Bild, das Josephus von der hohenpriesterlichen Familie (besonders vom Haus des Boethus, Hanan, Kathros und Phiabi) zeichnet, wird von rabbinischen Quellen bestätigt: Abba Saul ben Bothnith sagte im Namen von Abba Joseph ben Hanan: Wehe mir wegen des Hauses von Boethus, wehe mir wegen ihrer Stäbe, wehe mir wegen des Hauses von Hanan, wehe mir wegen ihres Geflüsters (d. h. wohl wegen der Informationen an zivile Stellen). Wehe mir wegen des Hauses von Kathros, wehe mir wegen ihrer Federn (wohl weil sie mit denen ihre bösen Erlasse schrieben). Wehe mir wegen des Hauses von Ismael ben Phiabi, whe mir wegen ihrer Fäuste. Denn sie sind Hohepriester und ihre Söhne sind (Tempel) Schatzmeister und ihre Schwiegersöhne sind Bürgen und ihre Diener schlagen das Volk mit Stäben. (t. Menahot 13:21; b. Pesahim 57a). ↩



