This article is a translation of: David N. Bivin, “Matthew 5:19: The Importance of ‘Light’ Commandments,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4576/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
In der modernen hebräischen Übersetzung des NT (1976) der Israelischen Bibelgesellschaft revidiert 1991/1995, wird der Text von Mt 5,19 folgendermaßen wiedergegeben: “… ha-mitsvot ha-ketanot … katon yikare’ … gadol yikare’ …” (die kleinen Gebote [kleinere, kleinsten] der wird klein heißen…groß [größer, größte] genannt). Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass Jesus in diesem Zusammenhang von mitsvot kalot (leichten Geboten) sprach und nicht von mitsvot ketanot (kleinen Geboten). “Mitsvot kalot” (leichte Gebote) war ein rabbinischer technischer Begriff in Bezug auf biblische Gebote von geringerer Bedeutung. Das Gegenteil von mitsvot kalot war mitsvot chamurot (schwere oder ernste Gebote), Gebote von größerer Bedeutung.
Ähnlich ist es möglich, dass Jesus in Mt 5,19 ein Wortspiel anwandte; er wandte die Adjektive kal (leicht) und chamur (ernst) auf Menschen an. In Bezug auf Menschen haben diese hebräischen Wörter kal und chamur die Bedeutung von unwichtig, unbedeutend bzw. wichtig, bedeutend (vergl. Midrasch Rabbah 4. Mose 8,3).
Offensichtlich ist ein Gebot nicht leicht oder ernst an sich, sondern nur im Vergleich mit anderen Geboten. So gab es z. B. ein so leichtes Gebot, dass es von den Weisen (unter Weise versteht man die Lehrer in der Zeit des Zweiten Tempels) als solches immer wieder herausgestellt wurde: Wenn sich zufällig ein Vogelnest vor dir auf dem Weg findet, auf irgendeinem Baum oder auf der Erde, mit Jungen oder mit Eiern, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, dann darfst du die Mutter auf den Jungen nicht nehmen. Du sollst die Mutter unbedingt fliegen lassen, die Jungen aber magst du dir nehmen, damit es dir gut geht und du deine Tage verlängerst (5Mo 22,6-7 – rev. Elberf. Übers.).
Die Weisen geben den folgenden Kommentar über ein leichtes Gebot ab: Die Weisen sagten: Wenn schon bei einem so leicht zu erfüllenden Gebot, wo es sich nur um den Wert eines Issar handelt (der Issar war eine kleine Kupfermünze mit der Kaufkraft von etwa einem halben Laib Brot, ca. 1/24 eines Tagesverdienstes), die Tora sagt: ‚auf dass es dir gut ergehe und du lange lebest’, um wie viel mehr bei den schwer zu erfüllenden Geboten der Tora (Mischna Chullin 12,6).
Jesus Bediente sich einer bekannten rabbinischen Lehrmethode der Tora: kalah ka-hamurah (so leicht wie schwer), einer Abkürzung von mitsvah kalah ka-mitsvah hamurah (ein leichtes Gebot ist so schwer wie ein schweres Gebot). Mit anderen Worten: Ein leichtes Gebot ist nicht unwichtiger als ein schweres Gebot. Der Grund dafür, dass man auch mit leichten Geboten sehr sorgfältig umgehen sollte, ist der, dass man nicht weiß, wie hoch Gott die unterschiedlichen Gebote einschätzt. Die Weisen sagten: Sei achtsam bei einem leichten Gebot wie bei einem schweren, denn du kennst nicht die Belohnung der Gebote (Mischna Avot 2,1). Die Belohnung, die Gott dafür verheißen hat, dass man nicht eine Mutter mit ihrem Jungen aus dem Nest nimmt – ein Gebot, das die Weisen das leichteste der leichten Gebote nannten (Tosefta Schabbat 16,14), ist dieselbe wie für das Halten des Gebotes: Ehre deinen Vater und deine Mutter (2Mo 20,12; 5Mo 5,16), aus den Zehn Geboten. Diese Methode, an die Schrift heranzugehen, veranlasste Rabban Jochanan ben Sakkai zu den Worten: Wehe uns, dass die Schrift den leichten Geboten das gleiche Gewicht verleiht wie den schweren Geboten! (Babylonischer Talmud, Hagiga 5a).
Nach seinem Statement bezüglich der Tora in Mt 5,17- 20 illustrierte Jesus an fünf Beispielen seine Methode der Toraauslegung (Mt 5,21-30; 33-48). Jedes Mal fügte er zwei Gebote zusammen, ein schweres und ein leichtes. Jesus nennt z. B. das Gebot Du sollst nicht morden! (2Mo 20,13; 5Mo 5,17) und fügt hinzu (sinngemäß): Ich aber sage euch: Du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen (3Mo 19,17). Mit anderen Worten war nach der Methode Jesu jemanden hassen oder auf jemanden zornig sein nicht weniger schwerwiegend als jemanden zu ermorden!
Die Weisen bedienten sich derselben Methode und sagten: Wenn ein Mensch ein kleines Gebot übertreten hat, wird er am Ende ein schweres Gebot übertreten. Hat er (das Gebot) übertreten: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’ (3Mo 19,18), wird er am Ende (das Gebot) übertreten: ‚Du sollst dich nicht rächen und nicht nachtragen’ (3Mo 19,18), und (das Gebot): ‚Du sollst deinen Bruder nicht hassen’ (3Mo 19,17), und (das Gebot): ‚Dass dein Volksgenosse neben dir leben kann (3Mo 25,36). Bis er dazu kommt, Blut zu vergießen (Sifre Deuteronomium, Schophetim 187,11).
Jesus lehrte, wenn ein Jünger die kleinen Gebote auflöst (d. h. sie falsch auslegt – ein rabbinischer Ausdruck), sie nicht tut oder ihre Bedeutung in seiner Lehre nicht betont, wird er als leicht (d. h. als unbedeutend, als in geringer Stellung und in konsequenter Anwendung als nicht zugehörig) im Reich der Himmel angesehen.
Für Jesus war ein leichtes Gebot, wie z. B. trage keinen Hass in deinem Herzen! Genauso bedeutend wie ein schweres Gebot wie das: Du sollst nicht morden! Ein Jünger, der das leichte Gebot übertritt, wird in der Bewegung Jesu, die als Himmelreich bezeichnet wird, als leicht gelten und damit in einer sehr geringen Stellung.



