Das Petros-Petra-Wortspiel: Griechisch, Aramäisch oder Hebräisch?

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Mit Sicherheit bildet die dramatische Feststellung Jesu: Du bist petros, und auf diesen petra will ich meine Gemeinde bauen einen Höhepunkt des Evangeliums. Dieser Ausspruch scheint ein 
griechisches Wortspiel zu beinhalten, das wäre ein Hinweis darauf, dass Jesus Griechisch sprach. Es ist jedoch möglich, dass petros ... petra ein hebräisches Wortspiel ist.

This article is a translation of: David N. Bivin, “Matthew 16:18: The Petros-petra Wordplay—Greek, Aramaic, or Hebrew?” Jerusalem Perspective 46/47 (1994): 32-36, 38 [https://www.jerusalemperspective.com/2718/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Wenn wir davon ausgehen, dass die synoptischen Evangelien von einer 2 oder mehreren semitischen Quellen stammen, besitzen wir eine hervorragende Voraussetzung für eine produktive Methodik der Interpretation. Die Gelehrten der Jerusalemer Schule für synoptische Forschung haben erkannt, dass oft nur dann die Bedeutung eines Evangelientextes in vollem Umfang erfasst werden kann, wenn man die griechischen Texte ins Hebräische übersetzt. Ein Beispiel dafür liefern die Seligpreisungen Mt 5,3-10. Wenn man sie ins Hebräische übersetzt, sieht man deutlich, dass sie keinen eschatologischen Charakter tragen, sondern ebenso wie die Seligpreisungen in der hebräischen Bibel von Belohnungen hier und heute sprechen (z. B. Ps 1,1-3).

Ein griechisches Wortspiel?

Die griechischen Wörter petros und petra, die Jesus Mt 16,18 gebraucht, bilden ein schönes Wortspiel. Dieses griechische Wortspiel scheint in der Tat direkt im Widerspruch zur Annahme der Jerusalemer Schule zu stehen, dass Jesus in der hebräischen Sprache lehrte. Wenn Jesus diesen Spruch in Hebräisch ausgedrückt hat, wie die Gelehrten der Jerusalemer Schule behaupten, wie kann es dann zu einem griechischen Wortspiel kommen ?

Eine Reihe von Gelehrten nimmt einen aramäischen Hintergrund an. Joseph A. Fitzmyer, em. Prof. der Catholic University of American in Washington, D.C. und einer der hervorragendsten Gelehrten des NT in der Welt, glaubt an ein aramäisches Wortspiel Jesu (Kephakepha) bei seiner Antwort auf die Erklärung des Petrus. Fitzmyer erkennt allerdings eine Schwierigkeit an: Er fragt sich, warum Jesus im Matthäusevangelium nicht sagte: Auf diesen petros werde ich … bauen. Diese Schwierigkeit ergibt sich aus der aramäischen Rekonstruktion Fitzmyers. Er musste sich zwangsläufig im Aramäischen auf nur ein Wort beschränken (Fitzmyer schreibt Kephas einmal groß und einmal klein, diese Unterscheidung gibt es im Aramäischen .nicht. Logischerweise müsste eine Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische auch zweimal das Wort Petros beinhalten!) und könnte darum das im Griechischen wiedergegebene Wortspiel mit zwei Wörtern nicht nachvollziehen.

Darüber hinaus präsentiert Fitzmyers Hypothese eine weitere Schwierigkeit. 1. Petrus ist in den synoptischen Evangelien nur als Simon oder. Petrus bekannt. Der aramäische Name des Petrus, Kepha (Kephas), kommt in diesen Quellen nicht vor (Jh 1,42 sowie neunmal bei Paulus). 2. In dieser Zeit lehrten die jüdischen Weisen in der Regel in Hebräisch, nicht in Aramäisch (siehe auch Prof. Safrais Artikel Welche Sprachen wurden zur Zeit Jesu in Israel gesprochen? Jerusalem-Brief Nr. 5).

Eine Lösung

Eine mögliche Lösung dieser Probleme bietet sich an, wenn wir davon ausgehen, dass sowohl petros als auch petra hebräische Wörter sind und dass Jesus zu Petrus hebräisch redete. Mit großer Wahrscheinlichkeit sagte er damals folgenden Satz: a-TA petros ve-AL ha-petra ha-SO ev-NE et ada-TI – Du bist Petros und auf diesen petra werde ich meine Gemeinde bauen). Das Wortspiel ist Petros und petra.

Das griechische petra wurde von den Hebräern entlehnt wie beispielsweise die französischen Wörter detente, gaffe und cliché in der modernen englischen Sprache. Derartige Lehnwörter vermitteln eine gewisse Atmosphäre und füllen ein gewisses Defizit in der eigenen Sprache aus. Petra entwickelte sich nicht nur zu einem hebräischen Wort, sondern ist auch das Schlüsselwort einer rabbinischen Auslegung (in Hebräisch), die in verblüffender Weise Ähnlichkeiten aufweist mit der Erklärung Jesu Petrus gegenüber.

Petra in einem Midrasch

Ein anonymer Ausleger von 4Mo 23,9 Ich sehe ihn von der Spitze des Felsens beschreibt das Dilemma, dem Gott gegenüberstand, als er die Welt erschaffen wollte (siehe auch Jes 51,1-2);

Es kann mit einem König verglichen werden, der einen Palast bauen wollte. Er begann zu graben und nach einem Felsen zu suchen, auf den er die Fundamente legen könne, aber er fand nur Morast. Er grub weiter an anderen Orten, immer mit demselben Ergebnis. Der König gab nicht auf er grub an einem anderen Ort. Diesmal stieß er auf gewachsenen Felsen (petra). Hier; sagte er; werde ich bauen und legte das Fundament und baute.
Auf dieselbe Art und Weise saß der Heilige, gelobt sei er; ehe er die Welt erschuf und prüfte die Generationen von Enosch und die Generation der Sintflut. Wie kann ich die Welt erschaffen, wenn diese bösen Menschen kommen und meinen Zorn erregen werden? fragte er sich. Als jedoch der Heilige, gelobt sei er; Abraham sah, sagte er: Hier habe ich Felsen (petra) gefunden, auf den ich bauen kann und auf den ich die Fundamente der Welt legen werde. (Yalkut Shimoni zu 4Mo 23,9).

In einer anderen rabbinischen Schrift (Tanchuma, Chaye Sara, 6, ed. Buber, S. 60) lesen wir: Abrahams wegen wurden diese Welt und die kommende Welt geschaffen.

Abrahams Identifikation als Felsen wird durch eine weitere Quelle bestätigt (Mechilta de-Rabbi Shimon bar Jochai über Ex. 18,12). Dort erscheint der Satz: avraHAM bapi-NA, Abraham auf der Ecke. Prof. Safrai schlägt vor, hier zu lesen: avra-HAM ha-pi-NA – Abraham, der Eckstein.

Noch eine Bemerkung: Das hebräische Wort in 4Mo23,9 sowie Jes 51,1-2 für Felsen ist tsur und wurde zu der Zeit, als dieser Midrasch entstand, fast nicht mehr im Hebräischen gebraucht, sondern durch andere Wörter u. a. auch das Lehnwort petra ersetzt. Dafür gibt es eine Reihe von Zeugnissen in der rabbinischen Literatur.

Yalkut Shimoni ist eine späte Sammlung von Midraschim (13.Jh.), jedoch enthält sie eine Fülle sehr frühen Materials. Einige Gelehrte mögen argumentieren, dass diese rabbinische Quelle uns keine Auskunft darüber geben kann, was ein jüdischer Weise des 1. Jh. gesagt hat. Die Ähnlichkeit indes zwischen der Erklärung Jesu und dem obigen Midrasch ist so groß, dass es sich nicht um einen Zufall handeln kann. Wahrscheinlich hat Jesus sich auf eine Tradition berufen, die den Jüngern bekannt war, die Tradition, dass Gott die Welt auf das sichere Fundament eines zuverlässigen Mannes gegründet hat.

Es ist denkbar, dass Jesus den sehr ungewöhnlichen Beinamen seines Jüngers dazu benutzte, um seine Lehre über den petra, auf dem er bauen würde, zu offenbaren. Dabei bediente er sich der Ähnlichkeit in Meinung und Klang zwischen Petros und petra, um auf eine Tradition in Bezug auf Abraham hinzuweisen. In modernem Englisch oder Deutsch könnte Jesus gesagt haben: “Du bist Rocky, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen.”

Petras, ein hebräischer Name

Gemeinsam mit petra gelangte auch petros in die hebräische Sprache: Petros war der Vater eines Weisen W1 Land Israel, Rabbi Jose ben Petros, der etwa um 200-259 n. Chr. lebte, sein Vater, Petros, demnach in der zweiten Hälfte des 2. Jh. Dann gab es auch eine kleine Stadt bzw. ein Dorf mit diesem Namen in der Nähe von Antipatris, in der Nähe von Lydda. Obwohl immer noch nicht ohne Zweifel nachgewiesen werden kann, dass der hebräische Name Petros schon sehr früh vorkommt, zeigen diese Beispiele, dass dieses griechische Wort als Lehnwort übernommen wurde und auch als Personenname gängig war.

Offensichtlich hatte der prominenteste Jünger Jesu zwei hebräische Namen Schimon – diesen Namen gaben ihm die Eltern – und Petros als Beinamen.

Kephas, das aramäische Äquivalent für den Beinamen Petros, scheint der Name zu sein, mit dem Petrus in der griechisch-sprachigen Diaspora eingeführt wurde. Denn Petros war kein griechischer Name. Griechen hätten sich darüber amüsiert oder hätten das nicht verstanden, wenn jemand Stein genannt worden wäre.

In Christen und Christliches in Qumran? (Bernhard Mayer, Regensburg, 1991, S. 213-225) wird unter der Überschrift Ist der Name Petrus in den Schriftrollen vom Toten Meer gefunden worden? dargestellt, dass neben einer Reihe anderer Namen wie Magnus, Malkija, Mephiboshet, Hyrkanus, Jannai usw. auch der Name Pitros aufgefunden worden ist. Hier könnte es sich um das älteste Zeugnis für die Existenz dieses Namens in Israel handeln.

Eine hebräische Hypothese

Eine hebräische Hypothese liefert Lösungen zu den Problemen, die durch Fitzmyers Vorschlug hinsichtlich einer Rekonstruktion von Mt 16,18 entstehen: Sie bewahrt das im Griechischen reflektierte Petros-petra-Wortspiel, einen Kontrast zwischen zwei unterschiedlichen, jedoch verwandten Wörtern, es erlaubt uns, den Ausspruch Jesu zu rekonstruieren und den Namen Petros in den synoptischen Evangelien beizubehalten; und lässt Jesus in der Sprache seiner jüdischen gelehrten Zeitgenossen reden – Hebräisch.

Schlussfolgerungen

Auf einen einfachen Nenner gebracht, argumentieren wir wie folgt: Es existiert eine rabbinische Interpretation, die das griechische Lehnwort petra enthält. Jesu Wort an Petrus enthält gleichermaßen das Wort petra. Die Ähnlichkeit der beiden Lehren ist so deutlich, dass ein Zufall ausgeschlossen werden kann. Offenbar hat Jesus sich auf die rabbinische Auslegung bezogen. Wenn es so ist, darum hat Jesus höchstwahrscheinlich in Hebräisch petra gesagt. Wenn petra Hebräisch ist, dann ist mit derselben Wahrscheinlichkeit auch Petros, das Jesus mit petra kombiniert, Hebräisch. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme wird durch das Zeugnis rabbinischer Quellen bestärkt: Hebräer entlehnten das griechische Wort petros und gebrauchten es als einen persönlichen Namen. Wenn das petra-petros-Wortspiel hebräisch ist, dann hat Jesus seinen berühmten Ausspruch Petrus gegenüber in der hebräischen Sprache getan.


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  • David N. Bivin (Jerusalemer Perspektive)

    David N. Bivin (Jerusalemer Perspektive)

    David N. Bivin (20. Juli 1939 – 14. Juli 2026) war von 1987 bis 2025 Gründer und Herausgeber von Jerusalem Perspective. Bivin stammte aus Cleveland, Oklahoma (USA), und lebte über 60 Jahre lang in Israel, seit er 1963 mit einem Stipendium der Rotary Foundation nach…
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