This article is a translation of: David N. Bivin, “The Hem of His Garment,” Jerusalem Perspective 7 (1988): 1-2 [https://www.jerusalemperspective.com/2133/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Das NT macht sehr deutlich, daß Jesus, wie alle frommen Juden des ersten Jahrhunderts, Ziziot trug, die Gebetsquasten an den vier Zipfeln des Gewandes nach 4. Mo 15,37-41 und 5. Mo 22,12.
Vom Hebräischen zum Griechischen
Daß Jesus dieses Gebot befolgte, wird dramatisch an der Geschichte Mt 9, Mk 5 und Lk 8 mit der Frau illustriert, die 12 Jahre lang an Blutungen litt. Sie wurde geheilt, als sie sich Jesus von hinten näherte und das berührte, was in der Lutherbibel mit “Saum seines Kleides” bezeichnet wird. Wenn dieser Vorgang – wie die Jerusalem-Schule annimmt – ursprünglich in Hebräisch existierte, dann ist es sicher, daß es sich nicht um den Saum, sondern um die “Ziziot” an seinem Gewand handelte, welche die Frau berührte.
Das griechische Wort, das die Lutherbibel mit “Saum” wiedergibt, lautet “kraspedon”. Es ist dasselbe Wort, das die Septuaginta benutzt, die antike griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel, um damit “Ziziot” wiederzugeben (Einz. zizit). Dreimal wird das Tragen der Ziziot gefordert, u. a. 4. Mose 15,38-39. Im Hebräischen würde daher die Geschichte berichten, daß die Frau die “zizit talito”, d. h. die Zizit seines Mantels (talit = Mantel), berührte.
Gedächtnishilfe
Offensichtlich müssen die meisten Menschen an Gott und die Beobachtung seiner Gebote erinnert werden, und das Tragen der Ziziot ist so etwas wie der Knoten im Taschentuch. Nach 4. Mo 15,39 dienten die Quasten als Zeichen, um den Träger an alle Gebote des Herrn zu erinnern, “damit ihr euch nicht von eurem Herzen noch von euren Augen verführen laßt.”
Lange Quasten
Es gab für die Länge der Ziziot kein festgelegtes Maximum, wie die beiden größten rabbinischen Schulen ein halbes Jahrhundert vor Jesus gemeinsam feststellten:
“Die Ältesten der Schule des Schammai und der Schule des Hillel versammelten sich im Obersaal von Jonathan ben Bathyra und beschlossen, daß es keine vorgeschriebene Länge für die “Zizit” gibt” (Sifre Numeri 115, zu 15,38).
Es gab Leute, die in ihrem Verlangen, dieses Gebot ganz und gar zu beobachten, sehr lange Ziziot trugen. Shmuel Safrai weist in seinem Buch “The Jewish People in the First Century”, S. 798, auf den im Talmud erwähnten reichen Bürger Jerusalems hin, der den Spitznamen Ben Zizit Hakeset bekam. Man erinnerte sich seiner mit besonderer Bewunderung, weil er so fromm war, daß seine Ziziot buchstäblich auf dem Boden hinter ihm her schleiften.
Selbstverständlich gab es auch Nachahmer, die frömmer aussehen wollten als sie waren und darum auch längere Ziziot trugen. Jesus verurteilte diese Leute, weil sie mit ihren langen Quasten vorgaben, fromm zu sein (Mt 23,5).
Zwei Gewänder
Wie seine Zeitgenossen im Mittelmeerraum trug Jesus zwei Gewänder, “chaluk” (Tunika) und “talit” (Mantel) über seinem Unterkleid. Das untere Gewand, die Tunika, war ein leichteres Kleidungsstück, meist aus Leinen. Das obere Gewand, der Mantel, wurde über der Tunika getragen und war normalerweise aus Wolle gewebt. Der Talit war ein einteiliges und rechteckiges Stück Stoff. Er entsprach dem römischen “pallium” oder dem griechischen “himation”, die ebenso rechteckig waren, im Gegensatz zur halbrunden Toga.
Das schwerere äußere Gewand war die Norm für öffentliche Anlässe. Es galt als unanständig, nur mit dem unteren Gewand bekleidet, in der Öffentlichkeit aufzutauchen, auch wenn es sich bis auf die Knöchel erstreckte. Der Chaluk allein durfte nur zu Hause getragen werden (außer wenn Gäste kamen) oder bei physischer Arbeit, wenn das Obergewand lästig gewesen wäre.
Tägliche Bekleidung
Unter dem Einfluß des heute in der jüdischen Gesellschaft sogenannten Talit meinten manche Übersetzer, daß der Ttalit von dem Mann bei seinem Gebet wie ein Schal über dem Oberkörper getragen wurde. So sagt z. B. die amerikanische NIV-Übersetzung: “Sie machen … die Quasten ihrer Gebetsmäntel lang” (Die deutschen Übersetzungen folgen in der Regel dem griech. Text. Anm. d. Übers.). Das Wort Gebetsmantel oder Gebetsschal kann irreführen; denn der Talit war Teil der täglichen Kleidung, kein religiöser Gegenstand. Wahr ist, daß man aus einem gewissen Schamgefühl heraus in der Öffentlichkeit nie nur mit einem Chaluk bekleidet gebetet hätte, aber der Talit als solcher war kein heiliges Gewand. Diese Klarstellung hilft uns auch, Jesu Wort Mt 5,40 richtig zu verstehen: “Wenn jemand mit dir rechten und deinen Rock (Chaluk) nehmen, dem laß auch den Mantel (Talit).”
In der privaten Sphäre des eigenen Hauses konnte der Chaluk ohne Talit” getragen werden, aber nur mit ihm bekleidet zu sein, wäre draußen unanständig gewesen. Andererseits kam man auch notfalls mit dem Talit als einzigem Obergewand aus. Er war demnach unentbehrlich, mehr als der Chaluk. “Wenn jemand versucht, dir in einem Streit dein Untergewand zu nehmen, dem biete um des Friedens willen auch deinen Mantel an!”, sagte Jesus.



