This article is a translation of: David N. Bivin, “Romans 11: The Olive Tree’s Root,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4612/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Der Apostel Paulus bekräftigt Römer 11,1, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat. In einer Metapher vergleicht er das Volk Israel mit einem edlen Ölbaum. Wegen ihres Unglaubens sind zwar einige – aber nicht alle – Zweige des Baumes heraus gebrochen worden und wilde Ölbaumzweige wurden eingepfropft.[1] Paulus betont jedoch, dass das Wiedereinpfropfen der ursprünglichen Zweige in den edlen Ölbaum eine viel einfachere Aufgabe ist, als den wilden Zweig in den Ölbaum einzupfropfen.
Paulus spricht in Bezug auf Israel von einem edlen Ölbaum, der in den Erzvätern, besonders in Abraham wurzelt.[2] Einige Bibelausleger haben jedoch die Wurzel des Ölbaums als Christus oder sein messianisches Programm interpretiert.[3] Diese Behauptung brachte sie gefährlich nahe der Befürwortung einer alten faulen Idee: die Wurzel repräsentiert das Neue Israel, d. h. die Kirche.
Wenn ein Exeget die Wurzel von Paulus’ Metapher als Kirche identifiziert hat, kann er nur schwerlich einer weiteren und noch schlimmeren Schlussfolgerung entgehen, und zwar: Israel nach dem Fleisch existiert schon lange nicht mehr. Als Gott das fleischliche Israel verworfen hat, gab er dessen hervorragenden Platz jemand anders. Dieser andere ist die Kirche.
Es gibt zwei Gründe dafür, dass die Wurzel des Ölbaums falsch als Symbol für den Messias interpretiert wurde. Erstens erscheint das Wort ridza (Wurzel) in Römer 11,16. Dort scheint ridza parallel zu aparche (Erstling) zu stehen, was wiederum an 1Kor 15,20, 23 erinnert. Dort bezieht Paulus sich auf Jesus, den er als Messias, als aparche bezeichnet – den Erstling der Entschlafenen.
Beide Teile von Römer 11,16 sollten jedoch zusammen und unabhängig voneinander gelesen werden. Das Neue Testament wurde erst 1551 in Verse eingeteilt. Obwohl diese Verseinteilung dazu gedacht war, Zeit beim Suchen einer Schriftstelle zu sparen, kann sie die Interpretation beeinflussen. So gehört Vers 16a zunächst klar zur vorhergehenden Diskussion, wo aparche sich auf die ersten jüdischen Nachfolger Jesu bezieht.[4] In Vers 11 fragt Paulus: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Vers 16a dient hier in diesem Vers als ein zusätzliches Argument.
Das Argument von Paulus zugunsten seines Volkes schließt einen Bezug auf 4Mo 15,17-21[5] ein. Die Israeliten sollten einen gebackenen Laib Brot von den Erstlingsfrüchten, und zwar von dem ersten Teil der Getreideernte als Opfer darbringen. Dieses Brot stellte die gesamte Getreideernte desselben Jahres dar. Damit heiligte es die ganze Ernte. Die relativ kleine Anzahl von Juden, die Jesu Messianität anerkannt hatte, war, bildlich gesprochen, die Erstlingsfrucht der ganzen jüdischen Nation. Wie das besondere Brotopfer so haben auch diese Juden die ganze Nation geheiligt. Für Paulus waren diese Wenigen, welche das Evangelium geglaubt hatten, der Beweis dafür, dass die jüdische Nation nicht verworfen worden ist. Ihr “Fall” war weder vollständig noch endgültig. Gott hatte sein Volk nicht zugunsten eines anderen Volkes verworfen.
Paulus schließt seine Gedanken über den Status von Israel mit seinem Beispiel von dem ersten Teil des Teiges ab. Obwohl Israel gestolpert ist, brachte die Treue eines Teils des Volkes geistliche Vorteile für die nicht glaubenden Brüder.[6] An diesem Punkt schaltet Paulus um und beschleunigt in eine neue Richtung. Durch die Aufteilung des Textes in Verse im 16. Jahrhundert startet dieser Wechsel in der Richtung in der Mitte des Verses 16.
Der Apostel widmet seine Aufmerksamkeit jetzt den Gläubigen aus den Heiden, um sie vor unangebrachtem Stolz zu warnen.[7] Er führt jetzt das Bild vom edlen und wilden Ölbaum ein. In einem Teil dieses Bildes stellen die im Stamm verbliebenen natürlichen Zweige die gläubigen Juden dar. Paulus erkennt, dass sowohl die Juden, die Jesu messianischen Anspruch angenommen hatten, als auch diejenigen, die ihn abgelehnt hatten, Kinder Abrahams sind, erstere durch Glauben und physische Abstammung, letztere nur durch physische Abstammung. Der Stamm ist heilig und aus diesem Grund sind es auch die natürlichen Zweige. Einige der natürlichen Zweige sind allerdings heraus gebrochen und wilde Ölbaumzweige sind in den Stamm eingepfropft worden. Die wilden Zweige profitieren vom Stamm und sind, wie die natürlichen Zweige, ebenso heilig.
Ein zweiter Grund, der geholfen hat, das Bild, das Paulus von der Wurzel zeichnet, mit dem Messias gleichzusetzen, ist eine weitere Schriftstellen, wo Paulus sich auf den messianischen Titel Wurzelspross Isais bezieht. In Röm 15,12 zitiert Paulus den Propheten Jesaja: Es wird sein die Wurzel Jesses, und der da aufsteht, über die Nationen zu herrschen – auf den werden die Nationen hoffen. (Jes 11,10). Paulus entnahm dieses Zitat der griechischen Septuaginta. Der masoretische hebräische Text lautet: An jenem Tag wird die Wurzel Isais, die stehen geblieben ist, den Völkern zu einem Banner sein. Ihn werden die Nationen suchen. Scheinbar bezog sich der Schreiber der Offenbar, beeindruckt von der Initiative des Paulus, auf Jesus als die Wurzel Davids (Offb 5,5; 22,16).
In Jesaja 11 kommt Wurzel Isais zweimal vor, einmal im Vers 1 und dann wieder im Vers 10. In Röm 15,12 zog Paulus den nicht so klaren Vers 10 vor, der anzudeuten scheint, dass die Wurzel Isais sich erheben wird, um Herrscher über die Völker zu werden. Der Vers 10 mag die Aufmerksamkeit von Paulus wegen des Wortes Nationen bzw. Heiden erregt haben, das im ersten Vers nicht vorkommt. Paulus will unterstreichen, dass der Messias sowohl für Juden als auch für die Heiden gekommen ist. Röm 15,9-12 reiht wie ein Faden mehrere Beweistexte aneinander, die das Kommen des Messias für die zweite Gruppe betonen.
Jes 11,10 kann nicht unabhängig von Jes 11,1 gelesen werden. Sowohl frühe als auch moderne jüdische Ausleger haben das oft betont. Zum Beispiel kommentiert Radak[8] zur Wurzel Isais in Vers 10: Dieser ist es, der aus der Wurzel Isais hervorkommt, wie gesagt ist: Und ein Zweig wird aus seiner Wurzel aufsprossen (V. 1); denn Isai ist die Wurzel. So lesen wir auch im Targum Jonathan ein Sohn von Isais Sohn.[9] Der Israeli Amos Hacham hat vor einiger Zeit den Vers 10 so kommentiert: Die Wurzel Isais, die aufwuchs und zu einem Baum wurde, wie gesagt ist in Vers 1: Und ein Zweig wird aus seinen Wurzeln aufsprossen.[10] Der Ausdruck Wurzel Isais ist eine abgekürzte Form für ein Zweig aus der Wurzel Isais. Es ist der Spross (choter) oder Zweig (netzer), und nicht der Stumpfen oder die Wurzel, der die zukünftige messianische Persönlichkeit symbolisiert.
Paulus muss Jes 11,10 so verstanden haben wie die traditionellen und modernen jüdischen Ausleger. Nach Lukas bezog Paulus sich auf Jes 11,1,10 in seiner Predigt im pisidischen Antiochia (Apg 13,23). Er beschrieb Jesus als einen Retter, der aus dem Haus Isai stammt. Hier entspricht der Nachkomme der Wurzel Isais, aus dem Jesus, der Zweig, hervorbrach.[11]
Wenn man Röm 11,16b-24 mit Röm 15,12 liest, ohne genügend Jes 11,1 und 10 zu berücksichtigen, kann man leicht zu unbefriedigenden Ergebnissen kommen. Die Wurzel Isais sollte nicht mit der heiligen Wurzel des Ölbaumes verwechselt werden. Obwohl Vers 10 gleichnishaft von der Wurzel Isais spricht, muss dieser Vers im licht von Vers 1 gelesen werden. Wurzel Isais in Vers 10 bezieht sich wirklich auf den Zweig der aus der Wurzel Isais aufsprosst.
Wenn Paulus Röm 11,16b-24 schrieb und nicht an Jes 11,10 dachte, woher hatte er dann sein Bild? Schauen wir uns Jer 11,16 an, wo der Prophet von einem grünen Ölbaum spricht, dessen Zweige in Gefahr standen, ausgerissen zu werden. Nach der hebräischen masoretischen Tradition erklärt der Prophet: Der HERR nannte dich einmal einen grünen Ölbaum mit schön gewachsener Frucht – aber dann wird er mit großem Getöse angezündet und seine Zweige werden zerbrochen werden.
Die griechische Version der Septuaginta von Jer 11,16 liest sich anders: Der Herr nannte dich einen schönen Ölbaum mit gutem Schatten. Beim Lärm des Abhackens wurde Feuer an ihn gelegt. Eine große Not kommt über dich. Die Zweige sind nutzlos geworden.
Unabhängig vom hebräischen oder griechischen Text hat Paulus das Bild von Röm 11,17 vor Augen. Er beherrschte beide Sprachen und las die Schrift in beiden Sprachen. Wenn man ihn auf eine Version gegen die andere festlegen wollte, würde man dem bikulturellen Hintergrund von Paulus Unrecht tun. In dem Fall jedoch, dass er an den Text der Septuaginta dachte, konnte er Röm 11,17 noch immer auf Jer 11,16 stützen.
In der Allegorie Jeremias symbolisiert der Ölbaum offensichtlich das Volk Israel. Der Prophet spricht mithin in einem Bild von dem Haus Israel (V. 10), vom Volk (V. 14) sowie von den Geliebten Gottes (V. 15). Interessanterweise spricht Paulus Röm 11,28 von Israel, dass es geliebt ist. Der Apostel scheint dem Propheten zu folgen und vergleicht das jüdische Volk mit einem Ölbaum. Paulus ist nicht der erste noch der letzte Lehrer, der diesen Vergleich anstellt. Jeremia hat das schon vor ihm im 6. Jh. V. Chr. Getan. Und die Rabbinen der talmudischen Zeit hielten diese Tradition am Leben.[12]
Postskriptum: Inquisition und Verzerrung von Jh 15,6
Man muss viel Verständnis aufbringen für die verkehrte Verbindung, die einige Christen zwischen Röm 11,17 und Jh 15,6 hergestellt haben. Diese beiden Verse beinhalten das Bild von den Zweigen. Bei Johannes stellen die Zweige dar, die nicht in Christus bleiben. Sie werden abgehauen, gesammelt und verbrannt. Die Zweige Röm 11 werden nicht vernichtet, sondern warten darauf, wieder in den Stamm eingepfropft zu werden.
Durch Papst Innozenz III. (1198-1216) begonnen und hauptsächlich durch Dominikaner und Franziskaner durchgeführt, erreichte die Inquisition ihren Zenith in Spanien zwischen 1474 und 1504, als der christliche König von Kastillien, Ferdinand V. und seine Königin Isabella regierten, der König und die Königin, die Christoph Columbus auf seine Entdeckungsreise sandten.[13] Mit nur kurzen Unterbrechungen dauerte die Inquisition bis 1820!
Im Jahr 1483 ernannten Ferdinand und Isabella ihren Beichtvater, Tomás de Torquemada (1420-1498), Prior des Dominikaner-Ordens, zum Großinquisitor. Torquemada organisierte die spanische Inquisition, setzte in den Städten Kirchengerichte ein mit dem Ziel, die Häretiker (meistens Conversos, also Juden, die unter Druck zum Christentum konvertiert waren und immer noch Verbindungen zur jüdischen Gemeinde aufrecht erhielten) zu ergreifen und Richtlinien für die Staatsanwälte, die Inquisitoren, zu erstellen. Torquemada war verantwortlich für die Ausweisung der Juden aus Spanien im Jahre 1492.
Die Gerichtshöfe der Inquisition konfiszierten das Eigentum der verurteilten Häretiker. Anfänglich wurde das beschlagnahmte Vermögen Eigentum des Staates, nach einiger Zeit jedoch wurden die Vermögenswerte mehr und mehr den Gerichtshöfen selbst übertragen. Dieser Reichtum wurde der Brennstoff für die Maschinerie der Inquisition, so dass die Tribunale eine gewaltige Macht ausüben konnten. Da die Tribunale vor großen finanziellen Gewinnen standen, wenn die Angeklagten für schuldig erklärt wurden, wurde für die Angeklagten ein Freispruch immer schwieriger. In der Tat wurde innerhalb kurzer Zeit kaum jemand freigesprochen, vor allem nicht die Reichen!
Die Angeklagten wurden auch bei dünnsten Beweisen schuldig gesprochen. Familienhäupter wurden eingesperrt, das Land wurde konfisziert. Größere Familien wurden über Nacht völlig arm. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wurde die Wirtschaft der einstmals prosperierenden iberischen Halbinsel durch die drakonischen Maßnahmen der Inquisitionsgerichte völlig ruiniert. Bis heute haben Spanien und Portugal nicht wieder zu ihrem früheren Glanz zurückgefunden.
Die schlimmste Form der Strafe, die sich die Inquisitionsgerichte ausgedacht hatten, war der Tod auf dem Scheiterhaufen. Als Arm der Kirche waren die Gerichte jedoch nicht befugt, diese Exekutionen selbst auszuführen. Aus diesem Grunde griffen sie auf eine 400 Jahre alte Gewohnheit zurück: der Verurteilte wurde den weltlichen Behörden übergeben, begleitet von einem schriftlichen Gnadenappell, dem die Empfehlung beigefügt war, dass für den Fall, dass die weltliche Behörde sich zur Exekution gezwungen sieht, diese ohne Blutvergießen vonstatten gehen solle. Mit anderen Worten, sie sollte das Opfer verbrennen. Diese Exekution wurde mit Jh 15,6 begründete: Wer nicht in mir bleibt, der wird hinausgeworfen wie eine Rebe und verdorrt. Man sammelt sie zusammen, wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.
Für die Männer der spanischen Inquisition waren die nicht in Christus Gebliebenen die Conversos. Wenn diese falschen Christen Zweige waren, bereit, um ins Feuer geworfen zu werden nach Jh 15,6, dann waren sie auch zweifelsfrei die herausgerissenen Zweige von Röm 11, und mit Sicherheit müssen die Inquisitoren gedacht haben, es sei Gottes Wille sei, dass diese Verführer ihre Irrlehre bekennen und ihre gerechte Strafe erleiden. Den Herren der Inquisition war es völlig egal, dass die Zweige im Johannesevangelium Reben waren (gr. klemata) und nicht, wie im Römerbrief, Zweige (kladoi) des Ölbaums.
Die Geschichte der Verzerrung von Jh 15,6 sollte allen Christen die Wichtigkeit gesunden biblischen Gelehrtseins vor die Augen führen sowie die enormen Gefahren, die entstehen, wenn man die Schrift falsch auslegt.[14]
Notes
- “Die zwei wunderbaren Zweige, die Gott in Abraham eingepfropft hat, sind Ruth und Naomi (sic. Naaman), die sich als Proselyten in Israel hineinpfropfen ließen.” Sagt Christian Maurer, hinsichtlich Rabbi Eleazars Ausspruch im Babylonischen Talmud, Yevamot 63a (Eingabe: ridza im Theological Dictionary of the New Testament [ed. Gerhard Friedrich, trans. Geoffrey W. Bromiley; Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans, 1968], 6:987): “Was bedeutet ‘und in dir werden alle Generationen der Erde gesegnet werden’ (1Mo 12,3)? Dere Heilige, gelobt sei er, sagte zu Abraham: Ich habe zwei Zweige, die ich in dich hineinpfropfe, Ruth die Moabitin und Naama, die Ammonitin. Dieser Satz bedeutet, dass sogar andere Generationen auf der Erde nur um Israels willen gesegnet werden … Nach Joseph Shulam gebraucht Paulus die Metapher des Einpfropfens, um Gottes Plan, alle Völker der Erde durch Abraham zu segnen. (A Commentary on the Jewish Roots of Romans [Baltimore, MD: Lederer, 1997], 363, 370). ↩
- Maurer, TDNT, 6:989; Shulam, Romans, 363, 371- 373. Rom. 11:28 bestätigt, dass Paulus die Erzväter im Sinn hat. ↩
- D. h. in der Antike die Kirchenväter; im letzten Jahrhundert Karl Barth (Die Kirchliche Dogmatik, vol. 2: Die Lehre von Gott, part 2 (1942), 314 (Engl. Übers.: Church Dogmatics [Edinburgh: T. & T. Clark, 1957], 285f.). ↩
- Paulus gebraucht aparche (Erstling) in diesem Sinn Röm 16:5 und 1Kor 16:15. ↩
- Vergl. Neh 10:37; Hes 44:30. ↩
- Der Gewinn gilt dem jüdischen Volk als ganzem dank der Treue der jüdischen Gläubigen an Jesus. Die Erstlinge heiligen das ganze Volk (vs. 16a). ↩
- Es mag verborgene antijüdische Gefühle unter den heidnischen Mitgliedern der Gemeinde in Rom gegeben haben. Diese Gläubigen aus den Heiden nahmen freudig den Vorteil der Privilegien an, die der jüdischen Religion von der römischen Regierung gewährt wurden, gleichzeitig aber wollten sie sich von der jüdischen Kommunität unterschieden wissen. S Marcel Simon, Verus Israel: A Study of the Relations between Christians and Jews in the Roman Empire (AD 135- 425) (trans. H. McKeating; Oxford: Oxford University Press, 1986), 100-101. S. auch Harry J. Leon, The Jews of Ancient Rome (Philadelphia: Jewish Publication Society of America, 1960), 9-11, 22, 45. Nach Leon haben die römischen Behörden erst nach dem großen Brand im Jahre 64 angefangen, die Christen zu verfolgen und damit zwischen Juden und Christen zu unterscheiden. Offizielle Dokumente aus den zwei Jahrhunderten vor Christus und aus der ersten Hälfte des 1. Jh., welche den Juden im Mittelmeerraum das Recht zugestanden, ihre religiösen Sitten zu pflegen und weitere Privilegien zu genießen, s. Josephus, Antiq. 14:185-267; 19:279-291. ↩
- Ein Akronym für Rabbi David Kimchi, einen Bibel-Kommentator und Schriftgelehrten, der im späten 12. und frühen 13. Jh. in Südfrankreich lebte. ↩
- Targum Onkelos hat genau dieselbe Übersetzung. Onkelos und Jonathan interpretieren “die Wurzel Isais” als “Sohn von Isai.” Beide Targums geben den 1. Vers so wieder: “Und ein König wird aus den Söhnen von Isai erstehen, und der Messias von Söhnen seiner Söhne wird gesalbt sein.” Mithin interpretieren beide “einen Spross aus dem Stumpf Isais” als “einen König von den Söhnen Isais” und “ein Zweig aus seiner Wurzel” als “der Messias kommt von den Söhnen seiner Söhne.” “Die Vorstellung dass der Messias aus der Wurzel Isais stammt, ist in der Synagoge Allgemeingut. In dieser Verbindung [Hebräisch] steht schoresch immer in Verbindung mit dem Nachkommen Isais im Sinne des Zweiges … Das wird auch gestützt durch die allgemeine Ersetzung von schoresch durch das unzweideutige tsemah ‘Spross’ [in den Targumim]” (Maurer, TDNT, 6:988). ↩
- Amos Hacham, The Book of Isaiah: Kap 1-35 (Jerusalem: Mossad Harav Kook, 1984), S. 129 (Hebrew.). ↩
- Ich bin Joseph Frankovic dankbar, mich auf die Bedeutung von Apg 13:23 hingewiesen zu haben. Ebenso für die zahlreichen Vorschläge und Diskussionen, die wir über Römer 11 hatten. ↩
- “R. Isaak sagte: Zur Zeit der Zerstörung des Tempels, fand der Heilige, gelobt sei er, Abraham im Tempel stehen. Er sagte: ‘Was hat mein Geliebter in meinem Haus zu tun?’ [Jer. 11:15]. Abraham antwortete: ‘Ich bin aus Besorgnis wegen meiner Kinder gekommen’. Da sagte ER: ‘Deine Kinder haben gesündigt und sind ins Exil gegangen.’ ‘Perhaps’, said Abraham, ‘they only sinned in error?’ And He answered, ‘She hath wrought lewdness’ [ibid.]. ‘Vielleicht haben nur einige Wenige gesündigt?’ ‘Es waren viele [ibid.], lautete die Antwort. ‘Dennoch’, bat er, ‘solltest du dich in Bezug auf sie des Bundes der Beschneidung erinnert haben.’ ER antwortete: ‘Das geheiligte Fleisch hat dich verlassen’ [ibid.]. ‘Vielleicht wären sie, wenn du noch zugewartet hättest, umgekehrt’, bat er. ER antwortete: ‘Wenn du Böses tust, dann freust du dich !’ [ibid.]. Darauf nahm er seine Hände auf den Kopf und weinte bittterlich und rief: ‘Vielleicht, da sei der Himmel vor, gibt es keine Hoffnung für sie!’ Daraufhin kam eine Stimme vom Himmel, die sagte: ‘Der Herr nannte dich einen grünen Ölbaum, schön und mit guten Früchten [Jer. 11:16]: wie der Ölbaum seine beste Frucht erst am Ende hervorbringt, wird Israel am Ende der Zeit erst blühen.’” (B. Talmud, Menachot 53b). ↩
- S. Encyclopaedia Judaica (Jerusalem: Keter Publishing House, 1972), 8:1380-1407; The Oxford Dictionary of the Christian Church (ed. F. L. Cross; London: Oxford University Press, 1958), 694-695. ↩
- Ich sehe mich als Nachkomme derer, die an den Kreuzzügen teilnahmen und die Inquisition sowie andere Verbrechen gegen das jüdische Volk begingen. Darum schrieb ich auch dieses Postskriptum zum Artikel als persönliche Erinnerung, immer wachsam zu, um nicht die Sünden meiner christlichen Vorfahren zu wiederholen. Ich glaube, als Christ muss ich mich vor der Haltung hüten, “wenn ich damals in den Tagen meiner Väter gelebt hätte, hätte ich nicht daran teilgenommen, das Blut der Propheten zu vergießen (Mt 23,30). Vielmehr muss ich die Verantwortung für die Sünden meiner christlichen Vorfahren akzeptieren, schwören, sie nicht zu wiederholen, meine Sorge für das jüdische Volk ausdrücken und auf jede erdenkliche Art für diese Sünden Wiedergutmachung zu tun.
Es ist mir klar, dass es mir heute, der ich in einem aufgeklärteren Zeitalter lebe, meine christlichen Vorfahren zu kritisieren, ich weiß aber genau, dass ich verantwortlich dafür bin, christlichen Antisemitismus aufzuzeigen, den damaligen wie den heutigen. Ich muss die antisemitischen Haltungen und Handlungen dieser Vorfahren anerkennen – sie sind schrecklicher, als ich sie beschreiben kann – und schwören, alles in meinen Kräften Stehende zu tun, um den angerichteten Schaden zu reparieren. Es mag für einen Bürger der Vereinigten Staaten im 21 Jahrhundert unfair sein, zum Beispiel die amerikanischen Sklavenhalter im 1l7. und 18. Jh. Zu verurteilen, wie z. B. den amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson; dennoch darf Sklaverei weder akzeptiert noch geduldet werden. Ich bin verpflichtet, sowohl verkehrtes Denken als auch sündiges Tun früherer Christen gegen das jüdische Volk zu verurteilen, einschließlich der Kirchenväter wie Ignatius, Justin der Märtyrer, Origenes und Johannes Chrysostomus.
Die Unmenschlichkeit und Verwerflichkeit des christlichen Antisemitismus darf nicht entschuldigt werden – es ist besser, ihn kräftig zu verurteilen als den Versuch der unmöglichen Aufgabe zu unternehmen, ihn zu rechtfertigen. Ich halte es für einen Skandal und ich schäme mich, wenn ich an christliche antisemitische Ausbrüche wie die Inquisition denke, die Kreuzzüge, antijüdische Pogrome im 18., 19. Und frühen 20. Jahrhundert in Russland, der Ukraine und den Holocaust. Ich trauere über die antisemitischen Worte und Taten meiner christlichen Vorväter. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, von der Geschichte zu lernen und mit der Hilfe Gottes das erbärmliche Erbe meiner Vorväter ein wenig zu verbessern, vielleicht dadurch, dass ich dabei mithelfe, in einem kleinen Maß das gebrochene Verhältnis der Kirche zur Synagoge wiederherzustellen. Amen! ↩



