Das Shema in der Frühen Jüdischen Lehre

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“Höre, Oh Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein” (5. Mose 6,4), bekannt als das Shema, ist eine grundlegende Lehre des Judentums und Jesus.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von: Marvin R. Wilson, “The Shema in Early Jewish Teaching,” Jerusalem Perspective 35 (1991): 9-10 [https://www.jerusalemperspective.com/2619/]. Diese Übersetzung wurde ursprünglich auf Perspektive aus Jerusalem veröffentlicht, der ehemaligen deutschsprachigen Website, die von Horst Krüger in Zusammenarbeit mit Jerusalem Perspective herausgegeben wurde.

Eine sorgfältige Untersuchung der frühen Quellen legt nahe, dass die Stelle 5. Mose 6,4 der erste Teil der Hebräischen Bibel gewesen sein muss, den Jesus sich eingeprägt hatte. Nach dem Babylonischen Talmud (Sukkah 42a), wurde Jüdischen Jungen dieser biblischer Abschnitt gelehrt sobald sie sprechen konnten. Nachdem der Talmud beschreibt, dass “der Vater ihn lehren muss [d.h. den Sohn]”, können wir getrost davon ausgehen, dass Joseph, Jesus irdischer Vater, verantwortlich für die Erfüllung dieser Aufgabe war.[1] 

Dieser Text aus der Torah Moses beinhaltet nur sechs Hebräische Wörter: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יי אֱלֹהֵינוּ יי אֶחָד (shema yisrael adonai elohenu adonai ehad). Es ist wichtig zu wissen, dass sie im 5. Buch Mose (Deuteronomium) stehen, welches zur Zeit Jesus das verbreiteste und populärste Buch des Pentateuch war.

Wir wissen aus zwei Gründen, dass das Deuteronomium diesen breiten Einfluss hatte:

1. Das neue Testament hat mehr Bezugnahmen zu dem Deuteronomium als zu irgendeinen anderen Buch Moses;

2. Unter den Schriftrollen vom Toten Meer aus Qumran wurden mehr getrennte Kopien der Rolle des Deuteronomiums gefunden, als von jeder anderen Mosaischen Schrift.

Doch die Wichtigkeit des Buches Deuteronomium ist nicht beschränkt auf die frühe Kindheit von Jesus und anderen Personen seiner Zeit. Als Erwachsener nahm Jesus zu Beginn seines Werkes drei Mal Bezug zu diesem Buch während er geistliche Unterstützung als Antwort zu den drei Versuchungen des Satans (Matt. 4,1-11) nahm.

Heute wird 5. Mose 6,4 als das Shema (wörtlich: “Höre!”) bezeichnet, basierend auf den verbalen Imperativ am Anfang des Verses. Das Shema wird oft wegen der Einheit und der Einzigartigkeit Gottes als das Kennwort des Glaubens Israels bezeichnet. Weil dieser Vers so eine große Bedeutung sowohl im Leben und der Lehre Jesus (siehe Markus 12,29) als auch in der Geschichte des Jüdischen Volkes hatte, ist es wichtig seinen Hintergrund und seine Bedeutung genauer zu untersuchen.

Das Shema ist kein Gebet (Rabbinische Literatur bezeichnet das Shema nie als “Gebet”) aber ein Bekenntnis des Glaubens oder ein Kredo. Die tägliche Praxis der Rezitierung des Shema ist fest in der Mishna verankert (ca. 200 n.Chr.). Der wichtige Platz des Shema in der Jüdischen religiösen Erfahrung wird dadurch unterstrichen, dass die gesamte Mishnah damit beginnt: “Von wann an sagt man das Shema am Abend auf?” (Berakot 1:1). Aber es gibt auch Belege für den Gebrauch des Shema während und sogar vor der Ära des Neuen Testaments, denn der Brief des Aristeas (ca. 150 v.Chr.) weist darauf hin. Zusätzlich sagt die Mishnah aus, dass das Shema durch die Priester im Tempel rezitiert wurde – ein Hinweis auf seinen Gebrauch vor 70 n.Chr. (Tamid 4,3; 5,1).

Während das Shema sich entwickelte, vereinte es drei Passagen aus der Torah des Moses. Die erste Passage (5. Mose 6,4-9) verkündet Gottes Einheit (Vers 4) und ruft Israel auf ihn zu lieben und seine Gebote zu befolgen (Verse 5 bis 9). Die zweite Passage (5. Mose 11,13-21) zählt die versprochenen Belohnungen im Falle der Befolgung dieser Gebote und die Bestrafungen um Falle der Nichtbefolgung auf. Die dritte Passage (4. Mose 15,37-41) legt das Gesetz über die Quasten und Kleider dar als eine Erinnerung “alle Gebote des HERRN” zu befolgen (Verse 39).

Nach 5. Mose 6,7 wurde das Shema zweimal am Tag rezitiert, am Morgen und am Abend: “wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst” (Mishna, Berakot 1,1-2). Während der Talmudischen Periode wurde viel Zeit darauf verwendet auf die Frage wie genau nach dem Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang das Shema gelesen werden sollte (Babylonischer Talmud, Berakot 2a-3a, 9b). Die Schule des Shammai setzte sich mit der Schule des Hillel über die angemessene Haltung zur Rezitierung auseinander (Berakot 10b-11a, 5. Mose 3,3). Frauen, Sklaven und Kinder wurden ausgenommen von der Pflicht das Shema zu rezitieren (Mishnah, Berakot 3,3). Das Shema wurde rezitiert als die letzte Äußerung von Märtyrern die zu ihrem Tod gebracht wurden, und bis zum heutigen Tag wird es als abschließendes Bekenntnis am Sterbebett rezitiert. So werden Juden gelehrt den Namen Gottes auf ihren Lippen von früher Kindheit bis zum Moment des Todes zu haben.

Die Mishnah lehrt, dass die morgendliche Rezitierung des Shema durch zwei Voraus-Segnungen und eine abschließende erfolgen soll. Am Abend wird sie von zwei Segnungen begonnen und durch zwei beendet (Berakot 1,4; 2,2). Das Hauptthema der morgendlichen Segnungen ist Gott dafür zu preisen, dass er das Licht des Tages geschaffen, die Torah gegeben und Israel errettet hat. Die abendlichen Segnungen geben analog Dank für das physische und geistliche Licht, aber attestieren auch die Wahrheiten Gottes und bitten um einen friedliche Rast.

Von den 5.845 Versen des Pentateuch, klingt “Höre, Oh Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein” am klarsten als der historische Schlüsselpunkt des gesamten Judentums. Diese fundamentale Wahrheit und das Leitmotiv der Einzigartigkeit Gottes veranlassen einen zur Antwort durch die Erfüllung der fundamentalen Pflicht Gott zu lieben (5. Mose 6,5). Entsprechend, als Jesus über das “wichtigste Gebot” gefragt wurde, widersprach seine Antwort nicht dem zentralen Thema des Judentums (Markus 12,28-34). Mit 613 einzelnen Satzungen der Torah aus denen zu wählen war, nannte Jesus das Shema, inklusive das Gebot Gott zu lieben; aber er erweiterte die Definition des “ersten” Gebots mit der Aufnahme der Liebe zu seinem Nächsten (3. Mose 19,18).

Die Gelehrten waren sich uneinig in der Wiedergabe 5.Mose 6,4 (die New International Version und Revised Standard Version geben vier mögliche Übersetzungen wieder). Manche Übersetzer haben diese sechs Hebräischen Wörter als einen Nominativsatz angenommen, während andere in zwei Sätze zerlegt haben. Jedoch, vielleicht von größerer Bedeutung ist die Auswirkung des abschließenden Wortes אֶחָד (eḥad, “ein”).

Jüdische Dolmetscher haben “der HERR ist einer” weitestgehend als einen Satz verstanden, der entweder eine oder beide der folgenden Betonungen in sich trägt:

1. Es ist eine Affirmation des Monotheismus. Als Opposition zu ihrer polytheistischen Umgebung, sollten die Hebräer wissen, dass es nur einen Gott gab, nicht viele. Der HERR ist einer in dem kein anderer Gott ist. Cyrus H. Gordon hat weiter vorgeschlagen, dass 5. Mose 6,4 nicht nur meint, dass nur ein Gott ist, aber dass “Ein” sein Name ist (Zach. 14:9).[2] 

2. Es verkündet die Einzigartigkeit Gottes. Der Herr ist das Höchste Wesen, gänzlich andersartig als alle anderen Dinge im Universum, die durch ihn geschaffen wurden.

In den Hebräischen Schriften deutet eḥad üblicherweise auf eine einzelne Einheit wie eine Person hin. Manche Dolmetscher haben jedoch darauf bestanden eḥad auch dafür zu verwenden, um eine kollektive Einheit (z.B. 1. Mose 1,5; 2,24, 4. Mose 13,23), eine Vielfältigkeit in einer Einheit auszudrücken.

So haben Christliche Gelehrte Raum für den trinitarischen Monotheismus im eḥad des 5. Mose 6,4 gefunden. So interpretiert, wird Gott als eine komplexe Einheit gesehen, nicht einfach als eine Numerische. Es muss jedoch daran erinnert werden, dass der Hauptfokus des Shema in seinem originalen Zusammenhang – der antike Polytheismus des Nahen Ostens – klar auf den Fakt hinweist, dass es nur einen Gott gibt (5. Mose 4,39). Gott allein hat Anspruch auf die unqualifizierte Liebe und Gehorsam all seiner Schöpfung.

Bibliografie

  • Morris Adler, “Judaism’s Central Affirmation,” in Jewish Heritage Reader (ed. Lily Edelman; New York: Taplinger Publishing Co., 1965), 38-43.
  • Louis Jacobs, “Reading of Shema,” Encyclopaedia Judaica, 14:1370-1374.
  • Joseph H. Hertz, The Authorized Daily Prayer Book (rev. ed.; New York: Block Publishing Co., 1948), 108-129, 263-269.
  • Joachim Jeremias, The Prayers of Jesus (trans. John Bowden und John Reumann; repr.; Philadelphia: Fortress Press, 1984), 66-81.


Notes
  1. Adaptiert aus Our Father Abraham: Jewish Roots of the Christian Faith (Grand Rapids, MI: William B. Eerdmans Publishing Co. and Dayton, OH: Center for Judaic-Christian Studies, 1989), Seiten 122-125, mit Genehmigung verwendet. 
  2. Siehe Cyrus H. Gordon, “His Name is ‘One,'” Journal of Near Eastern Studies 29 [1970], 198ff.). 

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  • Marvin R. Wilson

    Marvin R. Wilson

    Marvin R. Wilson war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2018 Harold-J.-Ockenga-Professor für Bibel- und Theologiestudien am Gordon College in Wenham, Massachusetts. Bei Abschlussfeiern des Gordon College wurde er viermal mit dem Senior-Faculty-Award für „hervorragender Unterricht“ ausgezeichnet. Sein Exkursionskurs am Gordon College mit dem Titel…
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