Dieser Artikel ist eine Übersetzung von: Marvin R. Wilson, “The Sweetness of Learning,” Jerusalem Perspective 36 (1992): 12-13 [https://www.jerusalemperspective.com/2634/]. Diese Übersetzung wurde ursprünglich auf Perspektive aus Jerusalem veröffentlicht, der ehemaligen deutschsprachigen Website, die von Horst Krüger in Zusammenarbeit mit Jerusalem Perspective herausgegeben wurde.
Einer der meistzitierten biblischen Texte, der sich mit der Erziehung befasst ist Sprüche 22,6: “Gewöhne (trainiere) einen Knaben an seinen Weg, so lässt er auch nicht davon, wenn er alt wird”.[1]
Das übersetzte Hebräische Verb “trainiere” ist ḥā·NACH. In der Bibel kommt dieser Verb und seine Abwandlungen meistens im Zusammenhang mit “beginnen, anfangen, einweihen”[2] vor. Zum Beispiel wird die Wurzel für die formelle Öffnung eines Gebäudes verwendet (Salomo’s Tempel, 1. Kön 8,63), für das Anfangsgeschenk eines Altars (4. Mose 7,10), und für die Zeit, in der Jemand zum ersten Mal in einem neuen Haus zu leben beginnt (5. Mose 20,5). Nachdem Opferkulte, Weihriten oder Gebete oft in Verbindung mit der Einweihung eines Gebäudes stand, wurde die Bedeutung “zu weihen” letztendlich dem Verb חָנַךְ (ḥā·NACH) zugedacht.
Hanukkah
Diese Wiedergabe, obwohl nicht rechtmäßig zur Wurzel gehörend, begründet die Übersetzung von Hanukkah in Johannes 10,22 als das “Fest der [Tempel]Weihe.”[3] Die New English Bible, dieser offensichtlichen Wurzelbedeutung von “Beginn” folgend, stellt Sprüche 22,6 als “Beginne mit einem Jungen auf dem rechten Weg.”
Jedoch in der Praxis über die Jahrhunderte, ist es klar dass die Jüdische Gemeinschaft ḥā·NACH als von einer anderen Wurzel kommend verstand. Das Verb wurde gewöhnlich mit der Bedeutung “reinigen des Gaumens oder des Zahnfleisches; daher das Verwandte חֵךְ (ḥēch, Gaumen, Decke des Mundes, Zahnfleisch).[4] Der Semitische Gelehrte T. H. Gaster behauptet, dass die ursprüngliche Bedeutung auf den Arabischen Brauch des Einschmierens von Gaumen und Zahnfleisch von neugeborenen Kindern mit Dattelsaft zurückgeht. Er zeigt auch auf, dass Calvin, der Reformer des 16. Jahrhunderts, darauf hinweist, dass Juden seiner Zeit gewöhnlich Honig in ähnlicher Form verwendeten.[5]
Hesekiels Schriftrolle
Was auch immer die Etymologie des Wortes ḥā·NACH sein mag, dem Brauch des Honigs gebührt eine spezielle Beachtung in jeglichem Studium der Jüdischen Erziehung. Die Rabbinische Tradition informiert uns, dass es Jüdische Praxis war Honig während einer speziellen Zeremonie am ersten Schultag zu verwenden. Dem jungen Kind wurde eine Schieferplatte gezeigt auf der die Buchstaben des Alphabets geschrieben waren, zwei Verse der heiligen Schriften (3. Mose 1,1 und 5. Mose 33,4), sowie ein weiterer Satz: “Die Torah wird mein Ruf sein”. Der Lehrer las als nächstes diese Worte dem Kind vor, und das Kind wiederholte es. Dann wurde seine Schieferplatte mit Honig überzogen, die er sofort ableckte, und an Hesekiel erinnert wurde, der nach dem Essen der Schriftrolle sagte: “Ich aß sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig” (Hes. 3,3). Nach dieser Zeremonie wurden dem Kind süße Kekse zum Essen gereicht, die mit Bibelversen der Torah beschrieben waren.[6]
Was ist der Grund dafür, dass Rabbiner das Studium und Honig verbinden? Die Antwort scheint – zumindest teilweise – auf die sprachliche Verbindung zu beruhen, die sie zwischen dem Gebrauch von ḥēch (Zahnfleisch, Gaumen) und ḥā·NACH(zu lehren) in bestimmten biblischen Texten machen. Die Rabbiner fanden ḥēch in Abschnitten bei dem Vergleich der Süße des Honigs zur Süße (Anmut) der Weisheit und Worte Gottes die man geistig zu sich nimmt.
Zwei Abschnitte sind von spezieller Bedeutung: “Iss Honig, mein Sohn, denn er ist gut, und Honigseim ist süß deinem Gaumen [ḥēch]. So ist Weisheit gut für deine Seele” (Sprüche 24,13-14a); “Dein Wort ist meinem Munde [Gaumen] [ḥēch] süßer als Honig!” (Psalm 119,113). Zusätzlich beschreibt der Midrash, dass das Studium der Torah “verglichen mit Milch und Honig: weil diese beiden süß sind, so sind es die Worte der Torah, wie es steht, ‚süßer als Honig’ [Psalm 19,10]” ist (Lied der Lieder Rabbah 1:2,3). Also, nach Sicht der Rabbiner, sollten Menschen bei der Erziehung die Süße (Anmut) der Lehre der göttlichen Wahrheit als Ziel haben.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist von Bedeutung vor dem Verlassen von Sprüche 22,5: “Gewöhne (trainiere) einen Knaben (ein Kind) an seinen Weg”. Heute wird dieser Text häufig als ein Gebot für Eltern genommen, ein Mahnruf, damit sie ihre Kinder in den Schriften lehren und den Weg des göttlichen Lebens. Obwohl die Bibel ein Gebot der elterlichen Erziehung von Kindern gibt,[7] scheint der oben genannte Spruch offensichtlich nicht einer von diesen zu sein.
Die Einzigartigkeit eines Kindes
Sprüche 22,6 in Hebräisch lautet: חֲנֹךְ לַנַּעַר עַל פִּי דַרְכּוֹ (ḥā·NOCH la·NA·‘ar ‘al pi dar·KŌ). Wörtlich: “Trainiere [beginne] ein Kind nach seinem [des Kindes] Weg.” Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Training eines Kindes nach dem Weg des Kindes (d.h. es zu ermuntern auf dem Weg zu beginnen, der gut für ihn ist), und dem Training nach dem gewählten Weg, vorgeschrieben und aufgedrängt durch die Eltern. Das erste ist die Annahme des Kindes mit der Gottgegebenen Neigung, Anlage, Talenten und Begabungen. Es berücksichtigt die Einzigartigkeit des Kindes; es behandelt nicht alle sich entwickelnden Persönlichkeiten gleich.
Die obige Übersetzung und Interpretation legt die Pflicht den richtigen Weg zu wählen dem Kind auf. Es ist eine Sache der Eltern ein Kind zu ermutigen, zu fördern, führen und informieren, sodass das Kind selber vorbereitet ist, den Weg zu wählen, der richtig für ihn ist. Es ist eine andere Sache wenn die Eltern diesen Weg für das Kind wählen. Dieser Punkt ist die Crux, um diesen Vers zu verstehen. Nochmals, wir müssen betonen, dass diese Wiedergabe nicht die Rolle der Eltern als Lehrer der biblischen Tradition verneint. Doch es gibt uns eine erweiterte Einsicht in den Hebräischen Erziehungsprozess, der beiläufig erwähnt, mit bestimmten modernen Schulen mit progressiver Erziehung übereinstimmt.
Der Prozess des “Trainings” beginnt mit dem Suchen nach Einklang des Lernstoffes und der Lernmethoden für eine bestimmte Persönlichkeit, Bedürfnisse, Bildungsgrad und Abschnitt im Leben des Kindes. (Das Wort na’ar, “Kind” in Sprüche 22,6 meint nicht zwangsmäßig Kleinkind oder kleiner Junge; sein Vorkommen von über 200 Mal in der Bibel offenbart eine weite Bandbreite von Bedeutungen vom Kindesalter bis zum Reife.) Daher ist die Fähigkeit für ein “Kind” mehr und mehr seine individuellen Freiheiten durch eigene Entscheidung zu praktizieren – obgleich es durch seine Eltern informiert wurde – sicherlich nicht ausgeschlossen.
Ein bisschen viel verlangt
Anwendend legt das obige Verständnis von Sprüche 22,6 eine spezielle Verantwortung auf jedes Elternteil. Es muss jedes Kind sorgfältig beobachten und danach sehen, dem Kind Möglichkeiten zu geben, um sich durch seine Kreativität zu verwirklichen. Zusätzlich müssen die Eltern sensibel für die Richtung im Leben sein, für die das Kind natürlicherweise hinzupasst, denn nur durch den Gang in diesem Pfad wird das Kind sein Gottgegebenes Potential erkennen und seine höchste Erfüllung finden.
Elizabeth O’Connor greift effektiv auf wie dieser Spruch angewendet werden sollte:
Das Leben jedes Kindes gibt Hinweise und Signale über den Weg den es geht. Das Elternteil, das weiß wie es zu vermitteln hat, speichert diese Hinweise und Signale ab und denkt über sie nach. Wir müssen die Andeutungen der Zukunft die das Leben eines jeden Kindes uns geben sammeln so dass wir anstatt unbewusst Blöcke ihm in den weg zu legen, ihm helfen sein Schicksal zu erfüllen. Diesen Weg zu folgen ist nicht einfach. Anstatt unseren Kindern zu sagen was sie tun und werden sollten, müssen wir demütig vor ihrer Weisheit sein und daran glauben, dass in ihnen und nicht in uns das Geheimnis liegt, dass sie entdecken müssen.[8]
Das ist ein bisschen viel verlangt. Aber wenn Eltern sehen, dass ihre Verantwortung in erster Linie dazu dient, dem Kind es zu erleichtern, zu lehren, den richtigen Pfad zu wählen, nur dann wird das Kind in der Lage sein “sein Schicksal zu erfüllen”. Und hierin liegt ein wichtiger Erziehungs-Schlüssel, der das Lernen zu einem süßen und angenehmen Abenteuer macht.
Notes
- Adaptiert aus Our Father Abraham: Jewish Roots of the Christian Faith (Grand Rapids, MI: William B. Eerdmans Publishing Co. and Dayton, OH: Center for Judaic-Christian Studies, 1989), Seiten 291-294, mit Genehmigung verwendet. ↩
- Siehe S. C. Reif, “Dedicated to Ḥnkh,” Vetus Testamentum 22 (1972), 495-501. Siehe auch Victor P. Hamilton, “ḥānak,” in Theological Wordbook of the Old Testament (ed. R. Laird Harris, et al.; Chicago: Moody Press, 1980), 1:301-302. ↩
- Das Hebräische Substantiv hanukah ist regelrecht ein Einweihungsritus, ein Erlebnis, das oft im Zusammenhang von freudigen Feiern und Opfern gesehen wird. So wird das Wort meistens im Zusammenhang mit der Zeremonie der “Weihe” oder “Einsegnung” eines Gebäudes verwendet. Der Ursprung des Jüdischen Feiertags Hanukkah geht zurück auf den 25. Tag des Monats Kislev, 165 v. Chr., als die Makkabäer den Tempel erneut weihten, nachdem Antiochus IV Epiphanes ihn entheiligt hatte. ↩
- Brown, Driver und Briggs, Hebrew and English Lexicon of the Old Testament (London: Oxford University Press, 1907), Seite 335. ↩
- Theodor H. Gaster, Customs and Folkways of Jewish Life (New York: William Sloane Associates Publishers, 1955), Seite 14. ↩
- Zu weiteren Details zu dieser Prozedur siehe see William Barclay, Educational Ideals in the Ancient World (repr. Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1974), Seiten 12-13. ↩
- Siehe 5.Mose 4,9; 6,7; 11,19; Ps. 78,5-6; Sprüche 1,8; Eph. 6,4. ↩
- Elizabeth O’Connor, Eighth Day of Creation (Waco, TX: Word Books, 1971), Seite 18. ↩



