Wer befragte Jesus?

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This article is a translation of: R. Steven Notley, “Who Questioned Jesus?Jerusalem Perspective 25 (1990): 8-10 [https://www.jerusalemperspective.com/2465/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Das Problem der Komplexität während des Prozesses und der Kreuzigung Jesu wurde schon früh in der Kirche diskutiert. Der verkehrte Umgang mit Schuld hat viel zur Entstehung des Antisemitismus beigetragen. In den letzten zwanzig Jahren haben jüdische und christliche Gelehrte gemeinsam versucht, den historischen Handlungsort der Ereignisse zu klären und traditionelle Missverständnisse zu korrigieren.

Die Lösungen von Lukas

Die drei ersten Evangelien enthalten eine Anzahl historischer und literarischer Probleme. Bei vielen Beispielen liegt die Lösung zu diesen Problemen in der Annahme der Priorität des Lukas, d. h. dass das erste Evangelium von Lukas stammt, davon Markus beeinflusst wurde und durch Markus zum Teil Matthäus. Die Mitglieder der JSSF optieren für diesen Ansatz. Er kann das Verständnis für das synoptische Problem verbessern. Manche Lösungen bei Lukas werden in Gelehrtenkreisen anerkannt. Gleichwohl ist die volle Bedeutung wenig erkannt worden.

Die Meinung vieler NT-Gelehrter, Markus oder Matthäus habe das erste Evangelium geschrieben, ist z. B. ein Hindernis für ein klares Verständnis der Passa-Erzählungen. David Flusser hat den Unterschied der Beteiligung der Juden an Prozess und Kreuzigung Jesu nach Matthäus und Markus auf der einen und Lukas auf der anderen Seite herausgestellt. Laut Matthäus und Markus verspottete das jüdische Volk ihn, als er gekreuzigt wurde, und sie schüttelten ihre Köpfe (Mt. 27,35, Mk. 15,29), während sie nach Lukas standen und zuschauten (Lk. 23,35) und bei seinem Tod nach Hause gingen und an ihre Brust schlugen (23,48).

Prof. Flusser konnte durch Lukas diejenigen identifizieren, die Jesus den Römern übergaben. In der Tat beschränkte er in einem Artikel die Verantwortung auf die hohepriesterliche Familie von Annas, Kaiphas. Ungeachtet dessen bleibt das Problem Lk 22,66 hinsichtlich der Beteiligung des Sanhedrin am Prozess Jesu.

Der Sanhedrin

Das hebräische Wort Sanhedrin stammt aus dem griechischen Synedrion, Rat. In seinen Altertümern 14,91 erwähnt Josephus die Einsetzung von fünf Räten im Jahr 57 v. Chr. durch den römischen Gouverneur Gabinius für die fünf Regionen Judäas, nicht religiöse Körperschaften, zuständig für örtliche Dispute und zivile Angelegenheiten. Diese unterschieden sich vom Sanhedrin, der in der Kammer des Gehauenen Steines im Tempel von Jerusalem regierte und aus einundsiebzig Mitgliedern, angeführt vom Hohenpriester, bestand. Obwohl seine primäre Funktion religiöse Angelegenheiten waren, diente er auch als Gericht.

Schwere Vergehen entschied der Hohe Rat, der vier Arten von Todesstrafen anordnen konnte: Steinigung, Verbrennen, Enthauptung und Erhängen (Mischna, Sanhedrin, 7,1). Die Strafe für Gotteslästerung laut Mt 26,65 und Mk 14,64, die Anschuldigung gegen Jesus, war Steinigung (Mischna, Sanhedrin 7,4). Lukas berichtet nichts davon (22,76-71). Der Sanhedrin machte von der Todesstrafe nur selten Gebrauch.

Sekundäre Bedeutung

Im NT wird Hoher Rat zum ersten Mal in Mt 5,22 in einem Zitat Jesu angetroffen, das nur im Matthäusevangelium zu finden ist. Mt 10,17 und Mk 13,9 steht Sanhedrin in Verbindung mit der bevorstehenden Verfolgung der Jünger Jesus, die Lukasparallele zu Mt 10,17 und Mk 13,9 enthält keinen Hinweis auf Sanhedrin Lk 21,12).

In der Matthäus- und Markusversion zur Gefangennahme und zur Befragung Jesu verschworen sich die Hohenpriester und der Sanhedrin gegen Jesus (Mt. 27,59, Mk. 14,55). Im Lukasbericht wird weder der Versuch, falsche Zeugen zu finden, noch der nächtliche Prozess erwähnt. Dem Hohen Rat war es verboten, in der Nacht Prozesse wegen Kapitalverbrechen zu führen. In zivilen Fällen wird der Prozess am Tage durchgeführt, aber das Urteil wird in der Nacht gesprochen; bei Kapitalverbrechen wir der Prozess am Tage gehalten, und auch das Urteil muss am Tage gesprochen werden (Mischna, Sanhedrin 4,1).

Falls der Hinweis Lk 22,66 sich auf den Hohen Rat bezieht, kann die Befragung Jesu durch den Hohenpriester Teil des Prozesses gewesen sein. Es gibt jedoch vielleicht eine bessere Erklärung. Lukas bezieht sich möglicherweise nicht auf eine Gruppe von Menschen, sondern auf einen Ort, die Kammer des Gehauenen Steins, den Versammlungsort des Sanhedrin.

Synedrion, Lk 22,66, ist bei Lukas der einzige Gebrauch dieses Ausdrucks: Bei Tagesanbruch versammelten sich die Ältesten des Volkes, Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn zu ihrem Rat. Als Alternative zu Rat für die Übersetzung von Synedrion, schlagen Liddell und Scott (A Greek-English Lexicon) Ratskammer vor. Lukas scheint diese Bedeutung in Apg 4,15; 5,27,34; 6,12,15 anzuwenden. Ratskammer wurde von der Neuen Amerikanischen Standardbibel akzeptiert. Falls diese Interpretation korrekt ist, liefert Lukas keinen Hinweis auf den Sanhedrin, vielmehr haben wir eine Befragung durch einige wenige religiöse Führer mit Annas und Kaiphas als Häupter. Diese waren die ersten Gegner der Nachfolger Jesu nach dessen Tod (Apg. 4,6). Falls Markus von Lukas beeinflusst war, ist es möglich, dass Markus Synedrion als Hohen Rat verstanden hat.

Verschiedene Meinungen

Diese Sicht von Lk 22,66 löst ein weiteres Problem. Falls Jesus vor dem Sanhedrin verhört wurde, wäre er nach jüdischem Gesetz zwei Nächte lang festgehalten worden – als er im Garten festgenommen wurde, und die nächste Nacht – kein Evangelium erwähnt das. Nach Lukas, der offensichtlich genau beschreibt, fand der Prozess nicht vor dem Hohen Rat statt, folglich brauchte Jesus nicht länger als Donnerstag nacht festgehalten zu werden. Die Bezugnahme von Markus auf den ganzen Hohen Rat in Verbindung mit der Befragung ist anders als bei Matthäus: die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes.

Prof. Flusser glaubt, Matthäus deute den Bezug auf Hohepriester und Älteste als Synonym für den Hohen Rat, als er sah, dass Markus vorher (14,53) den ganzen Hohen Rat ausließ, als er die Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten erwähnte. Nach seiner Meinung betrachtete Matthäus eine zweite Bezugnahme auf den Sanhedrin als überflüssig und stilistisch nicht logisch. Somit ergibt sich eine Übereinstimmung zwischen Lukas und Matthäus mit dem Ergebnis, dass nur gewisse Elemente der Führung des Tempels in Opposition zu Jesus standen, nicht der gesamte Hohe Rat.

Politisches Zweckdenken

Deutet die Verbindung Älteste, Hohenpriester und Schriftgelehrte auf den Hohen Rat hin? Flusser bezweifelt das und fragt, warum die Pharisäer in dem Drama keine Rolle spielen, obwohl sie im Sanhedrin bedeutende Stellen besetzt hatten (Apg. 5,21-41; 22,30 – 23,10). Die Idee, Jesus sei von derselben jüdischen Bevölkerung verlassen worden, die ihn wenige Tage zuvor bei seinem Einzug in Jerusalem enthusiastisch begrüßt hatte, ist eine Verbiegung historischer Ereignisse. Nach Johannes wurde Jesus wegen seiner wachsenden Popularität überliefert (Jh 11,48). Die sadduzäische Hohepriester-Familie fürchtete, der galiläische Lehrer könne eine messianische Revolte vom Zaun brechen mit dem Ergebnis der Zerstörung des Tempels durch die Römer.

Die Tat des Kaiphas und seiner Leute war Teil seines politischen Kalküls. Der Anschuldigung bei Pilatus lagen eher politische als religiöse Motive zugrunde (Lk 23,2). Sie wollten den Status quo erhalten, arbeiteten allein mit den Römern in dieser Sache zusammen und hatten später Angst, ihre Kumpanei könne ans Tageslicht kommen (Apg 5,27-28). Aus diesen Gründen sollte man die Opposition gegen Jesus nicht überbewerten, indem man das höchste religiöse Gremium in Jerusalem, den Sanhedrin, völlig einschließt. Weniger noch sollte man die zahlreichen Bürger und Pilger in Jerusalem an jenem Passafest beschuldigen.


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