This article is a translation of: R. Steven Notley, “Jesus’ Jewish Command to Love,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4433/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Das Gebot Jesu “Liebet eure Feinde” war revolutionär! Keiner vor ihm hatte es gewagt solch einen hohen Standard für das Glaubensleben anzusetzen. Selbst heute erkennen nur wenige Christen, dass Jesus ethischer Aufruf ein atemberaubender Höhepunkt für das jüdische Denken seiner Zeit war. In den schweren Zeiten der römischen Besatzung, war es für das jüdische Volk schwierig an den alttestamentlichen Glauben festzuhalten, dass die Gerechten belohnt und die Bösen bestraft werden.
Mit der Zeit fasste die Idee Fuß, dass was auf den ersten Blick als ein Versagen Gottes gerecht zu handeln erschien, eigentlich ein Zeichen seiner unbeschreiblichen Barmherzigkeit sei – die sich auf die Unwürdigen erstreckte. Oder, wie wir beim Abschluss eine der Gleichnisse Jesu lesen: „Würdet ihr meine Güte leugnen? So wird der Letzte der Erste sein, und der Erste der Letzte“ (Mt 20,15-16). Im Leben ist es nicht immer einfach sauber zwischen den Würdigen und Unwürdigen zu unterscheiden. Alle sind gleich und stehen als Empfänger der Gnade Gottes da. Wie wir später sehen werden, ebneten die ethischen Ansichten, die von der Erkenntnis gewonnen wurden, dass „Gott den Regen sowohl auf die Gerechten als auf die Ungerechten sendet“ (Mt 5,45) den Weg für die mutige Herausforderung Jesus unsere Feinde zu lieben. Natürlich sah nicht jeder in diesen schweren Zeiten die Ereignisse als Zeichen der Barmherzigkeit Gottes an.
Die Ansicht Jesu und die der Weisen Israels unterschieden sich von der Sekte des Toten Meeres in Qumran. Die Qumran-Sektierer waren eine verfolgte Gemeinschaft, die die Realität erfahren hatte, dass die Gerechten in diesem Leben leiden. Ihre strenge Gottesauffassung rief jedoch ein deutlich unterschiedliches Ergebnis hervor. Sie glaubten, dass Gott das ewige Schicksal der Menschheit vorbestimmt hatte (Gemeinschaftsregel 3,15-18). Die Mitglieder der Gemeinschaft waren die Söhne des Lichts, auserwählt für das ewige Glück, während die Menschen außerhalb der Gemeinschaft die Söhne der Dunkelheit waren, die für die Verlorenheit bestimmt waren. Diese geistliche Trennung war unveränderbar, und sie hofften, dass letztendlich die Bösen zerstört werden würden.
Das ethische Produkt dieses Denkens ist nicht überraschend. Obwohl die Mitglieder dieser Gemeinschaft es für nötig befanden gegenwärtig unter der Herrschaft der Söhne der Dunkelheit zu leben, verlangte es ihnen nach dem Tag der Rache.
Ewiger Hass im Geist der Heimlichkeit für die Männer der Verdammnis!… Ich werde dem Menschen [nicht?] den Lohn des Bösen bezahlen; ich werde ihn mit Gutem verfolgen. Denn die Rache für alle Lebenden ist bei Gott und Er wird es sein, der dem Menschen seinen Lohn gibt… aber mein Zorn wird nicht von den Menschen der Falschheit abgewendet und ich werde nicht glücklich sein bis ein Urteil gesprochen wird. (Gemeinschaftsregel 10, 17-20)
Jesu Kommentar war eine Antwort auf ihren sektiererischen Hass: „Ihr habt gehört, dass ihr euren Nachbar lieben sollt und euren Feind hassen. Aber ich sage euch, liebet eure Feinde und betet für diejenigen, die euch verfolgen“ (Mt. 5,43-44). Er wies die Versuche zurück enge Definitionen für den Ausdruck „Nachbar“ (Hebr.: re’a) zu geben. Übrigens war es die weitreichende Definition Jesu von “Nachbar”, die ihn dazu führte den Samariter (d. h., der Feind) als den Helden in der Geschichte „Der gute Samariter“ zu porträtieren (Lk 10,29-37). Weniger Leser erkennen, dass der Zweck dieser Geschichte die Antwort auf die Frage “Und wer ist mein Nachbar?” ist.
Jesus sah den biblischen Grundsatz für ethisches Benehmen in Leviticus 19,18: „Liebe Deinen Nachbarn wie Dich selbst“ (cf. Lk. 10,25-28). Er stand mit seiner Meinung nicht alleine da.
Ein Spruch an dem die ganze Welt hängt, ein mächtiger Eid vom Berg Sinai. Wenn du deinen Nachbar hasst, dessen Taten so böse sind wie deine eigenen, werde ich, der Herr, dich als dein Richter strafen; und wenn du deinen Nachbarn liebst, denn Taten so gut wie deine sind, dann werde ich, der Herr dir treu und barmherzig mit dir sein. (Avot de-Rabbi Natan, Version B, Kap. 26)
Antike jüdische Interpreten sahen in diesem Vers zwei Komponenten: das Verb “lieben” impliziert einen positiven Befehl zur Handlung (d. h., was man tun sollte), während der Ausdruck “wie dich selbst” eine negative Verfügung impliziert (d. h., was man nicht tun sollte). Hillels Antwort zu einem potentiellen Bekehrten hatte eine negative Komponente: “Was für dich selbst geschmacklos ist, tu nicht deinem Nachbarn an; das ist das ganze Gesetz, der Rest aber ist Ableitung.
Auf der anderen Seite interpretierte Jesus den Ausdruck „wie dich selbst“ auf eine ganz andere Weise. Für ihn definierte er nicht wie wir liebe – d.h. liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst. Sondern er definierte, wie unser Nachbar ist – liebe deinen Nachbarn, der wie du selbst ist. Die Definition ist tatsächlich keine äußere, sondern eine Herausforderung an uns zu erkennen, dass jeder Mensch für gut oder schlecht befunden werden kann – wie wir selbst. Wir sollen sogar solche Menschen lieben, die wir nicht für würdig erachten, wenn wir selbst sehen unwürdig und der Gnade Gottes bedürfend dar. Dieser Gedanke wird ganz klar in den jüdischen Schriften von Ben Sira (z. 180 v. Chr.) zum Ausdruck gebracht:
Vergib die Ungerechtigkeit deines Nachbarn; denn wenn du betest, werden deine eigenen Sünden vergeben. Solle ein Mensch seinen Ärger gegen einen anderen Menschen nähren und Heilung vom Herrn erwarten? Sollte ein Mensch die Gnade einem Menschen verweigern, der wie er selbst ist, aber gleichzeitig Vergebung für seine eigene Sünder suchen? (28,2-4)
In Ben Siras Aussage ist die Kontingenz unseres Verhältnisses mit Gott auf unser Verhältnis zu unserem Nachbarn hin impliziert. Derselbe Gedanke unterstreicht die Gebetsvorlage Jesu „Vergib uns unsere Sünden, wie wir denen vergeben, die gegen uns sündigen“ (Mt. 6,12). Jüdische Denker zur Zeit Jesus warnten, dass man vorsichtig sein sollte, die Gnade Gottes nicht einzugrenzen. Andererseits „wirst du mit dem Urteil verurteilt, dass du selbst sprichst, und du wirst mit dem Maß gemessen, mit dem du selbst misst“ (Mt. 7,2). Barmherzigkeit und Liebe denen erweisen, die unwürdig waren, reflektiert den eigenen Charakter Gottes: „Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36).
Die atemberaubende Adaptierung des zeitgenössischen jüdischen Verständnisses diejenigen zu lieben, die vielleicht unwürdig waren, war das eigentlich revolutionäre an dem Befehl Jesu. Er erstreckte es auf den unvorstellbaren Gedanken, dass man sogar seinen Feind lieben sollte. Leider begreifen Leser oft nicht, dass in dem Gebot Jesus die Erkenntnis steckt, dass sein großartiger Aufruf “diejenigen zu lieben, die dich hassen” (Lk 6,27) im Wesentlichen auf ähnliche Gedanken seiner Zeitgenossen baut, und dennoch gleichzeitig ein kühner und einzigartiger Beitrag zum jüdischen Denken im 1. Jahrhundert bleibt.
Das ethische Gebot Jesu war so tiefgehend, dass selbst die anderen Schreiber des Neuen Testaments außerhalb der Evangelien diesen hohen Aufruf wiederholten. Wir sollten nicht denken, dass Jesus eine Art idyllische Botschaft proklamierte, die von den grausamen Realitäten seiner Tage getrennt war. Er lebte in einem Land, das sich unter grausamer militärischer Besatzung befand. Er jedoch lebte seine Botschaft. Sein Befehl Böses mit Gutem zu vergelten wurde bis zum Ende ausgetragen. Am Kreuz betete er für diejenigen, die für seinen Tod verantwortlich waren, seine Feinde: „Vater, vergib ihnen.“



