This article is a translation of: R. Steven Notley, “Can Gentiles Be Saved?” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4012/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
In seiner Kritik an gewissen zeitgenössischen Pharisäern wendet Jesus sich speziell an diejenigen, die mit Übereifer Proselyten für den jüdischen Glauben zu machen suchen: Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Ihr durchkreuzt das Meer und das Land, um einen einzigen Proselyten zu machen und schließlich wird er zu einem Kind der Hölle (Mt 23,15).
Ich möchte unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, was ich für Jesu bedeutsamsten Punkt in seinem Statement halte und von dem ich glaube, dass er eine weit verbreitete jüdische Stimmung im ersten Jahrhundert widerspiegelt, aber auch den Eckpfeiler der Lehre von Paulus in Bezug auf Heiden und das Gesetz bildet.
In ihrem Eifer, Heiden zu bekehren, riskierten diese Pharisäer eine Situation, durch die der Bekehrte in der Tat ein Kind der Hölle werden konnte. Professor David Flusser legt in seinem Buch Jesus nahe, dass die Ansicht Jesu die Meinung anderer Weisen des 1. Jh. reflektiert und zu einer Debatte hinsichtlich der Stellung der Heiden in der zukünftigen Welt gehört. In einer früher jüdischen Quelle vernehmen wir eben diese Debatte:
Rabbi Elieser sagt: Kein Heide hat einen Anteil an der zukünftigen Welt, wie gesagt ist: Die Gottlosen kehren zum Scheol zurück, alle Heiden, die Gott vergessen (Ps 9,17). Er interpretierte: Die Gottlosen kehren zum Scheol zurück, das bedeutet alle gottlosen Israeliten. Und alle Heiden, die Gott vergessen – das bezieht sich auf die Nationen. Rabbi Jehoschua (im Widerspruch dazu) sagt: Wenn geschrieben stünde: die Gottlosen kehren zum Scheol zurück, alle Heiden (und nichts weiter), dann würde ich das ebenso behaupten. Tatsächlich aber steht geschrieben: Alle Heiden, die Gott vergessen, das aber deutet darauf hin, dass es auch Gerechte unter den Heiden in dieser Welt gibt, die einen Anteil an der zukünftigen Welt haben (Tosefta, Sanhedrin 13,2).
Die Ansicht, dass gottesfürchtige Heiden, die sich des Götzendienstes und eines unmoralischen Lebens enthalten, die Hoffnung auf ein gesegnetes Leben in der zukünftigen Welt besitzen dürfen, hat mit Sicherheit einigen der Weisen Israels den Mut genommen, Bekehrungen mit Eifer voranzutreiben. So lesen wir im Babylonischen Talmud:
Die Rabbanan lehrten: Wenn jemand in der Jetztzeit Proselyt werden will, so spreche man zu ihm: ‚Was veranlasst dich, Proselyt zu werden; weißt du denn nicht, dass die Jisraeliten in der Jetztzeit gequält, gestoßen, gedemütigt und gerupft werden und Leiden über sie kommen!?’ Wenn er dann sagt, er wisse dies und sei dessen gar nicht würdig, so nehme man ihn sofort auf und mache ihn mit manchen der leichteren und manchen der strengeren Gebote bekannt… Auch teile man ihm die Bestrafung wegen (Übertretung der Gebote mit und spreche zu ihm: ‚Wisse, dass du bisher Tal gegessen hast, ohne mit der Ausrottung bestraft zu werden, den Sabbat entweiht hast, ohne mit der Steinigung bestraft zu werden; wenn du aber von jetzt ab Tal isst, wirst du mit der Ausrottung bestraft, wenn du den Sabbat entweihst, wirst du mit der Steinigung bestraft.’ (BT, Jabmuth 47a).
Die Behutsamkeit der Weisen erklärt sich daraus, dass der zukünftige Proselyt vom Augenblick seines Übertritts zum Judentum mit dem Volk Israel identifiziert und auch der Verfolgung unterworfen wäre. Wenn der Kandidat allerdings weiterhin im Status eines gottesfürchtigen Heiden bleibt, berühren ihn Forderungen des Gesetzes nicht. Wenn er jedoch eine völlige Bekehrung vollzieht, ist er allen Strafen einer Übertretung unterworfen. Oder, um mit den Worten von Paulus zu sprechen: Ich bezeuge einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten (Gal 5,3; s. auch Jak 2,10).
Die Sicht von Paulus in Bezug auf die Heiden und das Gesetz wird unter Gelehrten des Neuen Testaments immer wieder als eine Absage an die Lehren Jesu portraitiert. Man deutet seine Äußerungen hinsichtlich des Gesetzes und des Glaubens oft als eine durchgängige Ablehnung des Gesetzes. Diese Fehldeutung der Botschaft von Paulus bringt ihn nicht nur in einen Konflikt mit Jesus (Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz aufzulösen – Mt 5,17), sondern auch mit zeitgenössischen jüdischen Auffassungen.
Es ist dringend geboten, dass wir die Feststellungen von Paulus in ihrem historischen Kontext des 1. Jh. betrachten und die brennenden Themen, welche die frühe Kirche herausforderten. Ganz einfach heißt das: die umstrittenste und größte Uneinigkeit stiftende Frage der ersten Gemeindegeneration lautete (s. Apg 15,1): Müssen Heiden Juden werden, um gerettet zu werden? Das Thema war so bedeutsam, dass es zum ersten Konzil der Kirche führte. In der Apostelgeschichte vernehmen wir die Entscheidung der Ältesten der Jerusalemer Gemeinde, dass eine Bekehrung zum Judentum für Heiden nicht nötig ist, wenn sie gerettet werden wollen: Denn es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen, keine größere Last auf euch zu legen als diese notwendigen Stücke: euch zu enthalten von Götzenopfern und von Blut und von Ersticktem und von Unzucht. Wenn ihr euch davor bewahrt, so werdet ihr wohl tun (Apg 15,28-29).
Enthaltung von Götzendienst, Mord und Blutschande waren nach der Lehre des Judentums Gesetze, die ausdrücklich in den Bund Gottes mit Noah aufgenommen worden waren. Dieser Bund war dem Bund vom Sinai vorausgegangen. Die noachitischen Gebote galten nicht nur für Juden, sondern auch für Nicht-Juden. Im 1. Jh. bildeten diese Vorschriften die Grund-Voraussetzung für gottesfürchtige Heiden, die den Herrn anerkannten und an der Synagoge teilnehmen wollten, die aber aus verschiedenen Gründen den letzten Schritt zu einem völligen Übertritt nicht vollziehen wollten.
Wie wir in den Statements von R. Elieser gelesen haben, waren nicht alle damit einverstanden, dass auch Heiden als gerecht mit einer Hoffnung auf die zukünftige Welt gelten konnten. Im Gegenteil, nach Meinung vereinzelter Lehrer konnten nur die Israeliten vor dem Herrn Gerechtigkeit erlangen, die recht vor Gott lebten. Diesem engstirnigen Denken begegnet Paulus mit seinem Wort Kein Mensch wird in Gottes Augen gerechtfertigt durch Werke des Gesetzes (Rö 3,20; Gal 2,16; 3,2-10).
Während es Gemeinsamkeiten in der Meinung von R. Elieser und den Diskussionsgegnern von Paulus gibt, steht die Tatsache im Raum, dass weder R. Elieser noch irgendein anderer jüdischer Gelehrter je behauptet hat, dass man durch Werke des Gesetzes gerettet wird. Und es ist in der Tat so, dass es bis vor kurzem nicht einen einzigen Text in der gesamten jüdischen Literatur gegeben hat, in welchem der Ausdruck Werke des Gesetzes (ma’ase ha-tora) vorkommt! Wer waren die Leute, die vorgaben, dass man nur durch Werke gerechtfertigt wird? Pharisäer? Andere Gläubige in der Beschneidung?
In einer einzigartigen Wende der Ereignisse hat man einen Brief unter den Rollen vom Toten Meer entdeckt, der ebendiesen bekannten paulinischen Ausdruck enthält. Dem Dokument haben die Gelehrten den Titel verliehen: Einige Vorschriften (oder Werke) des Gesetzes (Miktsat Ma’ase Tora = 4QMMT). In den ersten Zeilen heißt es nämlich: Dies sind einige der Anordnungen (…), die (… einige der Anordnungen hinsichtlich der) Werke (der Tora) in Übereinstimmung mit unserer Meinung …
Der Brief, vermutlich aus der Feder einer leitenden Persönlichkeit der Qumran-Gemeinschaft, präsentiert eine Liste von Anordnungen, die zu den strengsten Vorschriften gehören, die wir aus der Zeit des Zweiten Tempels kennen. Der Verfasser offenbart eine sehr enge und gesetzliche Sicht. Die wenigen Male, wo Heiden erwähnt werden, gelten sie als unrein, vergleichbar der Unreinheit einer Prostituierten. Mit anderen Worten, der Verfasser des Briefes ist exemplarisch für die bigotte Anschauung, nach der es keinen einzigen gerechten Heiden geben konnte, ganz zu schweigen von einer Hoffnung für sie auf einen Platz in der zukünftigen Welt.
Nach unserer Meinung repräsentiert die Denkweise des Verfassers von 4QMMT den Typus einer exklusiven Meinung, gegen die Paulus ankämpfte. Das wird nicht nur durch den Gebrauch des erwähnten Ausdrucks erhärtet, sondern auch durch die Bekräftigung des Autors, dass durch die Einhaltung der Werke des Gesetzes (d. h. die strikte Interpretation des Gesetzes des Mose durch die Leiterschaft der Kommunität) der Leser gerechtfertigt würde:
Wir haben dir tatsächlich einige der Vorschriften (Werke) der Tora gesandt, nach unserer Entscheidung, für dein Wohlergehen und das Wohlergehen deiner Leute; denn wir haben gesehen, dass du Weisheit und Erkenntnis der Tora besitzt. Beachte alle diese Dinge und bitte Ihn, dass Er deinen Willen stärke und von dir alle Pläne des Bösen und alle Künste Belials von dir fernhält, so dass du dich am Ende der Zeit freuen kannst, indem du erfährst, dass einige unserer Handlungen korrekt sind. Und das wird dir als Gerechtigkeit angerechnet; denn du wirst tun, was gerecht und gut ist in Seinen Augen und für sowohl dein Wohlergehen als auch das Wohlergehen Israels.
Die Bedeutung dieses Briefes für unser Verständnis des Hintergrundes des NT ist enorm. Zum ersten Mal besitzen wir ein Zeugnis für die Art der Gedankenführung, die Paulus und alle anderen in der ersten Gemeinde herausgefordert hat. Die jüdische Denkweise im 1. Jh. war nicht monolithisch. Es gab unzählige Philosophien und Meinungen. Moderne Gelehrte erkennen sehr wohl den bunt gemischten Judaismus in der Zeit des Zweiten Tempels. Das gleiche kann auch von der ersten Gemeinde gesagt werden. Während die Gemeinde ein Herz und eine Seele war, gab es ein buntes Christentum. Nicht alle jüdischen Gläubigen an Jesus hatten einen progressiven pharisäischen Hintergrund. Wir wissen, dass viele der Nachfolger von Johannes dem Täufer an Jesus gläubig wurden. Das Vokabular von Johannes weist mehr Gemeinsamkeiten mit Qumran als mit den Pharisäern auf. So ist es möglich, dass frühere Essener auch Teil der frühchristlichen Bewegung wurden. Sie alle hätten kein Problem damit gehabt, ihren neuen Glauben in Worten und Ausdrücken mitzuteilen, die typisch waren für die verschiedenen Strömungen des jüdischen Lebens, denen sie angehörten.
Das Argument, das wir von Paulus in seinen Briefen hören, ist absolut keine pauschale Ablehnung des Gesetzes oder des jüdischen Glaubens. Gegen Ende seines Lebens und Dienstes definiert Paulus sich innerhalb der jüdischen Gesellschaft. Er spricht in der Gegenwartsform, wenn er sagt (Apg. 23,6): Brüder, ich bin ein Pharisäer! Die Debatte, die wir hinter den Worten von Jesus und Paulus wahrnehmen, gehört untrüglich zu einer breiteren jüdischen Diskussion hinsichtlich der Notwendigkeit einer Bekehrung von Heiden zum Judentum, die konsequenterweise einhergeht mit der Verpflichtung zur Beschneidung und der Beobachtung des ganzen Gesetzes. Die weitherzige Betrachtungsweise von Jesus steht im Gleichklang mit zeitgenössischen Weisen aus der Schule Hillels. Nach ihrer Meinung ist es besser, gottesfürchtige Heiden in ihrem gesegneten Zustand mit nur einer Verpflichtung zu belassen, den noachitischen Moralgesetzen.
Überrascht es, wenn Paulus, der zu Gamaliels Füßen studiert hat – eines Enkels von Hillel – und der Jesus als seinem Messias gefolgt ist, auch deren Meinung hinsichtlich der Errettung von Heiden annimmt? Ist Gott nur ein Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja, auch der Heiden, denn es ist nur ein Gott, der die Beschnittenen durch Glauben rechtfertigt und die Unbeschnittenen durch denselben Glauben (Rö 3,29-30).



