Der Sabbath ist für den Menschen

JP German Leave a Comment

This article is a translation of: R. Steven Notley, “The Sabbath Was Made for Man,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4616/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

In dem Artikel “Ein größerer als der Tempel” habe ich das Ereignis untersucht, das uns bekannt ist unter dem Titel Ährenpflücken am Sabbat (Mt 12,1-8); Mk 2,23-28; Lk 6,15). Bei dieser Gelegenheit hat Jesus, der seine Jünger in vierfacher Form verteidigte, zunächst auf die Geschichte Davids mit dem Schaubrot (1Sam 21,1-6) hingewiesen. Dann bezog er sich auf zeitgenössische Meinungen, die besagten, dass wegen der hohen Bedeutung des Tempels eingeschränkte Tätigkeiten am Sabbat erlaubt waren, um den Tempeldienst zu verrichten. Von besonderer Bedeutung ist die Entdeckung, dass eben diese Meinung in der Mechilta de-Rabbi Ischmael zu 2Mo 31,13 niedergelegt ist. Wir finden in diesem rabbinischen Abschnitt erstaunlicherweise eine Parallele zu Jesu letzter bedeutungsvoller Aussage: Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Die gemeinsame Erscheinung dieser Gedanken sowohl in der Mechilta als auch in den Evangelien zeigt die Existenz einer unabhängigen jüdischen Homilie, die ihren auf Zweck und Rolle des Sabbats gerichtet hat.

esu Feststellung, dass ein größerer als der Tempel hier ist, sollte eigentlich nicht auf ihn hinweisen, sondern seine Meinung in Bezug auf den inneren, verborgenen Wert eines jeden einzelnen Menschen unterstreichen. Wenn die Bedürfnisse des Tempels die Bedeutung des Sabbats überwogen, bezieht sich das gleiche auf die Grundnöte des Menschen – der größere ist als der Tempel. Jesus begrüßte die Gedanken des jüdischen Humanismus, der sich im 1. Jh. herausbildete und der dem Mitmenschen einen sehr hohen Stellenwert zusprach, eben weil die Menschheit, einzigartig in der ganzen Schöpfung, das Ebenbild Gottes trägt. Wir stellen fest, dass die Betonung des Judentums des 1. Jh. der ethischen Forderung von 3Mo 19,18b – Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ihre Begründung in dem folgenden letzten Teil des Verses findet: Ich bin der Herr, dein Gott. Die Weisen der damaligen Zeit meinten, dass diese Erklärung (Ich bin der Herr, dein Gott) die Leser der Tora daran erinnern sollte, den Nächsten zu lieben, weil der Nächste das Bild Gottes trägt.

Jesu dritte Begründung bei der Verteidigung seiner Jünger ist ein Zitat aus Hos 6,6a: Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer (Mt 12,7). Die Art und Weise, wie Jesus oft nur einen Teil eines Verses zitiert, ist bloß die rabbinische Art und Weise, auf einen Vers hinzuweisen. Bei dieser Gelegenheit jedoch, so glaube ich, hat Jesus nur den ersten Teil des Verses angeführt, weil er ihn besonders hervorheben wollte. Bei Avot de-Rabbi Natan 4 führt der Schreiber den ganzen Vers an, betont aber aus seiner Sicht besonders den zweiten Teil des Verses.

Simon der Gerechte war einer der letzten Männer der Großen Versammlung. Er sagte: auf drei Säulen ruht die Welt: Auf der Tora, auf dem Dienst am Tempel und auf Werken der Wohltätigkeit (Barmherzigkeit). Auf der Tora, warum ? Siehe, sie sagt: Ich verlange Barmherzigkeit und nicht Opfer, Erkenntnis Gott vor Brandopfern (Hos 6,6). Wir sehen, dass das Brandopfer das beliebteste aller Opfer war; denn es wurde ganz und gar von den Flammen verzehrt … Das Studium der Tora indes wird von Gott dem Brandopfer vorgezogen … wenn nämlich ein Gelehrter der Versammlung die Tora auslegt, dann gilt diese Arbeit an der Schrift, als hätte er Fett und Blut auf dem Altar geopfert. So ging er über Hoseas Bemerkung in Bezug auf Barmherzigkeit und Opfer hinweg. Seine Absicht war es, die Bedeutung des Tora-Studiums herauszustellen. Darum zitiert er den zweiten Teil mit dem Ausdruck Erkenntnis Gottes, womit er das Studium der Schrift identifiziert.

Sind die unterschiedlichen Betonungen der Schriftstellen durch den Schreiber der Avot de-Rabbi Natan und durch Jesus rein zufällig oder weisen sie auf etwas hin, das bestimmte Prioritäten hat? Ich persönlich denke, dass die unterschiedliche Akzentuierung nichts mit einem Zufall zu tun hat. Ich hoffe, bei einer späteren Gelegenheit einmal mehr Aufmerksamkeit auf das zu richten, was mit den drei geistlichen Säulen (oder Prinzipien) von Jesus in Mt 6,1-18 bezeichnet werden kann. An dieser Stelle genügt es festzustellen, um was es sich handelt: Wohltaten (Almosen Mt 6,1-4), Gebet (Mt 6,5-6) und Umkehr/Fasten (Mt 6,16-18).

Dem Leser sollte es auffallen, dass Simons drei Säulen eine Vorrangstellung einnehmen. Das wird durch das Statement deutlich: Aber das Studium der Tora wird von Gott mehr geliebt als Brandopfer (d. h. der Tempeldienst). Können wir annehmen, dass die Verordnung der eigenen geistlichen Säulen durch Jesus in Matthäus 6 ähnlich eine Vorrangstellung einnehmen müssen? Wenn dem so ist, dann sind Wohltaten bzw. Werke der Verantwortung dem Nächsten gegenüber für Jesus von höchster Wichtigkeit (s. Lk 10,25-28). Die relative Bedeutung der Not des Einzelnen liegt Jesus auf dem Herzen, wenn er das Tun seiner Jünger rechtfertigt.

Noch eine Anmerkung, bevor wir Jesu Argument weiter betrachten. Bei einer weiteren Gelegenheit kam ein Schriftgelehrter zu Jesus und verband das Gebot den Nächsten zu lieben mit Hos 6,6, was wichtiger ist als Brandopfer und irgendein Opfer. Diese unabhängige Verbindung von zwei Bibelversen (3Mo 19,18 und Hos 6,6) stärkt unsere Ansicht, dass Jesus den hebräischen Propheten deswegen erwähnt, weil er herausstellen will, wie wichtig Gott menschliche Nöte sind. Nebenbei gesagt, haben Jesus und seine Zeitgenossen Hos 6,6 entschieden anders verstanden als spätere christliche Schreiber (z. B. Heb 10). Sie gebrauchten den Vers in erster Linie, um deutlich zu machen, dass der Tempel veraltet war. Diesen Gedanken hören wir von den Lippen Jesu nicht, dessen letztes Mahl in völliger Übereinstimmung mit dem Tempeldienst stand.

Jesus schließt seine Begründung mit einer Zusammenfassung des Verhältnisses zwischen dem Sabbat und den Menschen ab. Die Form seines Ausspruchs ist uns wohl am deutlichsten in Mk 2,27-28 erhalten geblieben: Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen; somit ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats.

In diesem Zusammenhang ist die christliche Interpretation, die glaubt, Jesus beanspruche für sich, Herr des Sabbats zu sein, wenig sinnvoll. Diese Behauptung lässt sich schon allein deswegen nicht aufrecht erhalten, weil sie nicht übereinstimmt mit dem Gedankengang, wie wir ihn in den drei von Jesus aufgeführten Punkten der Rechtfertigung finden. Noch mehr: Das eigene Verhältnis von Jesus gegenüber dem Sabbat steht hier in Bezug auf die Verteidigung der Handlung seiner Jünger gar nicht zur Debatte. Denn nicht Jesus hat die Körner zerrieben, sondern seine Jünger. Darum hat der etwas rätselhafte Titel Sohn des Menschen bei dieser Gelegenheit nur die einfache Bedeutung von Mensch und bezieht sich auf seine Jünger, quasi als Repräsentanten der Menschen bzw. der Menschheit.

Viele Gelehrte haben die Parallelen zwischen Jesu Statement Mk 2,27 und dem fast identischen Wort in der Mechilta über 2Mo 31,14 wahrgenommen. Es gibt Sabbate, an denen man ruhen muss und dann gibt es Sabbate, an denen man nicht ruhen sollte. R. Simon b. Menasja sagt: Siehe, es heißt: und du sollst den Sabbat halten; er ist dir heilig (d. h. dir geweiht – 2Mo 31,14). Das bedeutet: Der Sabbat ist euch gegeben, aber ihr seid nicht dem Sabbat gegeben.

Wenige Gelehrte indessen haben bemerkt, dass dieser Ausspruch einige Zeilen vorher im Zusammenhang steht mit der Diskussion über den Tempeldienst. Wie oben erwähnt, unterstreicht das Vorkommen dieser beiden Aussprüche in der Mechilta und in den Evangelien die Möglichkeit, dass sie unabhängig voneinander bei Jesus und im jüdischen Midrasch existierten. Sie gehören einer antiken jüdischen Homilie an über die Rolle des Sabbats im Leben des Volkes Israel. Diese Homilie scheint sowohl von Jesus als auch vom Schreiber der Mechilta herangezogen worden zu sein, um ihre Botschaften zu überbringen.

Unsere Betrachtungen zeigen, wie sehr Jesu Argumentation mit zeitgenössischen jüdischen Konzepten übereinstimmt. Er war kein Einzelgänger, der die jüdische Meinung bezüglich der Heiligkeit des Sabbats verschmähte. Im Gegenteil, er versuchte, die Bedeutung der Lehre Gottes in Übereinstimmung zu bringen mit den Mindestforderungen des menschlichen Zustandes. Seine vier Argumente weisen auf eine feinsinnige Linie der Argumentation hin, die in der zeitgenössischen jüdischen Interpretation der Schrift wurzelte, sowie auf die sich entwickelnden Konzepte eines jüdischen Humanismus. Letzterer versuchte die Schwäche der menschlichen Lage zu berücksichtigen und interpretierte die Forderungen der Gebote Gottes in der Weise, dass sie den Einzelnen nicht überforderten. So sagt auch Jesus: Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir … den mein Joch (d. h. meine Lehre) ist sanft und meine Last ist leicht (Mt 11,29-30). Nach damaliger jüdischer Meinung wurde die Heiligkeit des Sabbats übertroffen von der Heiligkeit des menschlichen Lebens. Konsequenterweise stimmten Jesus und die Gelehrten Israels damals überein: Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.


Leave a Reply