This article is a translation of: R. Steven Notley, “The Teaching of Balaam,” Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4641/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Jedes Jahr im Mai leite ich eine Studentengruppe nach Griechenland und in die Türkei. Während zwei Wochen Reisen und Studiums erforschen wir das Wachstum der frühen Kirche, wie sie sich von ihren jüdischen Ursprüngen im Land Israel ausbreitete und der Herausforderung der Verkündigung des Evangeliums an die Heiden in der hellenistischen Welt begegnete. Eine der bedeutungsvollsten Entdeckungen war für uns, wie stark die hellenistische Gemeinde ihren jüdischen Charakter beibehielt. In der Tat sollte der Begriff hellenistische Gemeinde eher geographisch als kulturelle Identität verstanden werden.
Auf meiner letzten Reise war ich erneut erstaunt über die Anwendung jüdischer Auslegungsmethoden des Alten Testaments im Schreiben an die Gemeinde in Pergamon (Offb 2,12-16). Einerseits überrascht ohnehin der jüdische Geruch der Offenbarung. Wahrscheinlich ist sie eines der Bücher des Neuen Testaments, die zuletzt geschrieben wurden. Die meisten Gelehrten nehmen an, dass das Christentum sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg weg von seinem jüdischen Kontext befand. Andererseits aber haben die Gelehrten die bedeutenden hebräischen Einflüsse auf die griechische Sprache der Offenbarung anerkannt. Diese sprachlichen Unterströmungen reflektieren deutlich das jüdische Milieu in diesem apokalyptischen Werk und erzählen genügend über den Autor und seine Leser.
Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: Dies sagt der, der das zweischneidige, scharfe Schwert hat: Ich weiß, wo du wohnst: wo der Thron des Satans ist; und du hältst meinen Namen fest und hast meinen Glauben nicht verleugnet, auch in den Tagen des Antipas, meines treuen Zeugen, der bei euch, wo der Satan wohnt, ermordet worden ist.
Aber ich habe ein weniges gegen dich, daß du solche dort hast, welche die Lehre Bileams festhalten, der den Balak lehrte, eine Falle vor die Söhne Israels hinzustellen, so daß sie Götzenopfer aßen und Unzucht trieben.
So hast auch du solche, die in gleicher Weise die Lehre der Nikolaiten festhalten.
Tu nun Buße! Wenn aber nicht, so komme ich dir bald und werde Krieg mit ihnen führen mit dem Schwert meines Mundes (Offb 2,12-16).
Um die Jahrhundertwende bereits meinte W. R. Ramsay, dass mit dem “Thron des Satans” die Tatsache verbunden ist, dass Pergamon als erster Stadt in Kleinasien der begehrte Neokoros (Priester) Status wurde sowie das Privileg, den eresten Tempel in Kleinasien zu besitzen, der einem römischen Kaiser gewidmet war – Kaiser Augustus. Der Druck, dem Imperium gegenüber Treue zu beweisen, machte es notwendig, dem Kaiser Anbetung zu bringen, und das bedeutete sowohl für Juden als auch die frühe Gemeinde eine Herausforderung. Der jüdische König Herodes der Große hatte ein Jahrhundert vor der Redaktion der Offenbarung in Israel drei Tempel für Augustus gebaut – in Cäsarea, Sebaste (das biblische Samaria) und in Paneas (später umbenannt in Cäsarea Philippi). Damit wollte er seine Loyalität gegenüber dem kaiserlichen Wohltäter bekunden. Es scheint, dass die Teilnahme am Kaiserkult im Mittelpunkt der Ermahnung an die Gemeinde in Pergamon steht.
Für unser begrenztes Studium interessiert mich hauptsächlich die Richtung des Tadels und der rätselhafte Bezug auf die Lehre Bileams, die offenbar abgeleitet ist von dem Verständnis des Autors für die Unterweisung des Propheten an den Moabiterkönig Balak. Interessant ist, dass in der Geschichte von Bileam selbst (4Mo 22-24) Balak keine Anweisung gegeben wird. Ebensowenig, dass er die Israeliten Israeliten dazu ermutigte, am moabitischen Götzendienst und sexueller Unmoral teilzuhaben.
Darum ist es anlässlich einer solchen Situation notwendig, dass der christliche Leser mit der jüdischen Auslegungskunst des AT im ersten Jahrhundert bekannt gemacht wird. Der Brief an die Gemeinde in Pergamon bezieht sich auf das zeitgenössische Verständnis für das biblische Ereigniss, das Bileams Rolle in Israels Fall zeigt. Die Entstehung dieser interpretativen Entwicklung ist zu finden in einer Bezugnahme auf das Ereignis durch Worte Moses an Israel:
Mose sagte zu ihnen: Habt ihr alle Frauen am Leben gelassen?
Siehe, sie sind ja auf den Rat Bileams den Söhnen Israel ein Anlass geworden, in der Sache mit dem Peor eine Untreue gegen den HERRN zu begehen, so dass die Plage über die Gemeinde des HERRN kam (4Mo 31,15-16).
Griechische Übersetzer der hebräischen Schriften erkannten in dem hebräischen Begriff “dabar”, das als Ding, Sache, Wort, Ereignis verstanden werden kann, die Möglichkeit, mit Rat, Anweisung (Bileams) Untreue zu begehen, zu übersetzen.
Mose sagte zu ihnen: habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? Denn sie waren für die Israeliten zu halten das Wort Bileams irrezuleiten, zu zeigen Verachtung für das Wort des Herrn hinsichtlich Peor und eine Plage kam über die Gemeinde des Herrn (Übvers. Septuaginta).
Ähnlich in einer frühen aramäischen Übersetzung von 4Mo 31,16, wo die Übersetzer Bileam als jemand erkennen, der eine aktive Rolle bei der Sünde Israels spielt: Sie wurden zu einem Anstoß für die Israeliten auf den Rat Bileams hin, um den Namen des Herrn zu verfälschen in der Sache des Götzen Peor (Targum Neophyti).
Der jüdische Philosoph Philo von Alexandria aus dem 1. Jh. äußerte sich über den biblischen Bericht deutlicher, um den genauen Rat Bileams an Balak wiederzugeben:
“König, du hast unter deinen Landsleuten Frauen von hervorragender Schönheit, und es gibt nichts, auf das ein Mann leichter hereinfallen kann als die Schönheit einer Frau … Aber du musst sie anweisen, dass sie ihren Anbetern nicht gleich erlauben, ihren Charm zu erleben … Eine der Frauen muss mit unverschämten Worten sagen: Du darfst nicht eher meine Schönheit erleben, bis du den Wegen deiner Väter abgeschworen hast und umgekehrt bist … wenn du teilnehmen willst an den Trankopfern und weiteren Opfern, die wir unseren Göttern von Stein und Holz und anderen Bildern bringen” (Philo, Moses 1,294-298).
Wir werden Zeugen einer Tendenz unter den jüdischen Auslegern des ersten Jahrhunderts, wie sie Zweideutigkeiten des biblischen Berichtes als Mittel benutzen, um damit ihren Zeitgenossen zu predigen. Die Ausführungen sind nicht einfach Hinzufügungen zu der biblischen Geschichte, sondern auch eine Gelegenheit, die jüdischen Genossen davor zu warnen, sich von heidnischem Götzendienst um sie herum oder der liederlichen sexuellen Moral der griechisch-römischen Welt gefangen nehmen zu lassen.
Bileam wurde für die Lehrer zu einem Vorzeigebeispiel für Habsucht, Götzendienst und alles Böse, das die Glaubensgemeinschaft herausforderte. Trotz der Tatsache, dass nach dem buchstäblichen Bericht in der Schrift Bileam nichts Falsches getan hat. Er konnte sicher dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dass er dazu bereit, gegen Israel zu reden. Gleichzeitig allerdings war er doch ein Mann, der die Erkenntnis des Höchsten besaß (4Mo 24,16) und der nur das weissagte, was Gott ihm auftrug. So segnete er die Kinder Israel dreimal hintereinander, anstatt Balaks Bitte um einen Fluch zu entsprechen. Durch eine kreative Veränderung wurde diese komplexe Figur, welche die Herausforderungen und Fallen des Volkes Gottes im ersten Jahrhundert symbolisierte. Die Lehre Bileams in der Offenbarung, die in Götzendienst und Unmoral der Christen in Pergamon resultierte, läuft parallel mit der nachbiblischen Darstellung der Rolle Bileams an Israels Niedergang in einem frühen jüdischen Midrasch.
“Sie riefen zum Volk und opferten ihren Göttern Opfer (4Mo 25,2), weil sie seinem Rat folgten … errichteten Zelte und brachten Prostituierte mit all ihren Künsten hinein … Jedesmal wenn ein Jude über den Marktplatz ging … kam ein Mädchen mit ihrem Schmuck und ihrem Parfum, um ihn mit den Worten zu verführen: Warum lieben wir euch, während ihr uns hasst? Hier, nimm dieses Stück umsonst – schließlich stammen wir doch alle von einem einzigen Vorfahren ab, von Terach, dem Vater Abrahams. Willst du nicht von unserem Opfer essen?” (Midrasch Tanchuma, Balak, 18).
Unsere Studien haben Licht in die Bedeutung des Wortes Lehre Bileams im Brief an die Gemeinde in Pergamon gebracht. Wir haben gesehen, dass der Gedanke durch eine zeitgenssische jüdische Auslegung von der Geschichte Bileams mit der Absicht formuliert wurde, die geistlichen Herausforderungen der jüdischen Gemeinschaft in der heidnischen Welt anzusprechen. Zwei Punkte sind für Leser des Neuen Testaments besonders wichtig.
Erstens muss man ganz deutlich erkennen, wie jüdisch der Brief an die Christen in Pergamon war – selbst zu diesem späten Zeitpunkt! Ohne Kenntnis der jüdischen Auslegung aus dem ersten Jahrhundert von der Geschichte Bileams würde der Ausdruck die Lehre Bileams in der Warnung des Schreibers wenig Sinn ergeben. Diese Tatsache ist ein Argument gegen die allgemeine christliche Auffassung, dass vom Pfingsttag an die Gemeinde dazu bestimmt war, sich von ihrer jüdischen Umgebung zu entfernen. Der Schreiber des Briefes in der Offenbarung und die Gemeinde in Pergamon gegen Ende des ersten Jahrhunderts äußerten sich immer noch zutiefst in jüdischer Weise.
Jahrhunderts zu befassen, um die Botschaft des Neuen Testaments umfassend zu begreifen. Wenn wir uns mit der Erforschung der jüdischen Wurzeln des Christentums beschäftigen, bedeutet das nicht, dass wir bloß mit dem Alten Testament besser bekannt werden, sondern auch, dass wir erfahren, wie es gelesen und von zeitgenössischen Juden und ihren ersten Nachfolgern erlebt wurde. Das unterstreicht die unveränderliche Wahrheit, dass Jesus kam, als die Zeit erfüllt war. Wir als Christen, die am Anfang des dritten Millenniums leben, müssen uns Gottes souveräne Handlungen in seinen Offenbarungen zu gewissen Zeiten der Geschichte vor Augen halten. Während wir uns auf die Aufgaben vor uns freuen, müssen wir im Auge behalten, dass unser Glaube auf jemand gegründet ist, der nicht zufällig, sondern zu einem ganzen bestimmten Zeitpunkt und zu einem ganz bestimmten Volk gesandt wurde. Diese historischen Tatsachen müssen unsere Lektüre der antiken Geschichte formen, um Gottes Wahrheit zu offenbaren und zu bestimmen, wie wir ihm am besten in dieser Zeit dienen können.



