Wer Ohren hat, der höre…

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Die Gleichnisse in den Evangelien sind wahrscheinlich die am meisten erkennbare Unterrichtsform, die von Jesus gebraucht wurde. Leser erspüren jedoch selten die hochentwickelte Fähigkeit Jesu als jüdischer Gleichniserzähler des ersten Jahrhunderts. Es gibt in der Tat viele Christen, die sich der Tatsache nicht bewusst sind, dass der Gebrauch der Gleichnisse einer der stärksten Verknüpfungspunkte zwischen Jesus und der jüdischen Frömmigkeit seiner Zeit ist. Seine Gleichnisse zeigen auch, dass Jesus in hebräischer Sprache lehrte.

This article is a translation of: R. Steven Notley, “Let the One Who Has Ears to Hear, ‘Hear!’Jerusalem Perspective (2004) [https://www.jerusalemperspective.com/4566/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.

Während die christlichen Gelehrten in diesem Jahrhundert viele Buchbände vollgeschrieben haben in dem Versuch, die Gleichnisse Jesu auf Aramäisch zu rekonstruieren, haben sie einfach übersehen, dass es keine Gleichnisse auf Aramäisch, Griechisch oder Latein gibt. Es gibt sie alle nur in hebräischer Sprache! Im Gegensatz zum Mangel an Gleichnissen in diesen Sprachen stehen buchstäblich Tausende von hebräischen Gleichnissen, die in der rabbinischen Literatur erhalten geblieben sind.

In der vorliegenden Studie zum Gleichnis des Sämanns (Lukas 8,4-8) wollen wir uns näher anschauen, wie Jesus die Geschichte erzählt hat und nicht nur, welche Botschaft er vermittelt, indem wir unsere Aufmerksamkeit insbesondere auf seine hebräischen Elemente lenken. Ich möchte die Leserin und den Leser ermutigen, es zu genießen zu entdecken, wie Jesus diese Botschaft kommuniziert, während wir erfahren, was er wollte, dass seine Hörer verstehen. Ich hoffe, dass wir nicht nur die Worte Jesu hören und deutlicher verstehen, sondern auch schätzen lernen, was für ein großartiger Lehrer er war.

Wie andere rabbinische Gleichnisse spiegelt unsere Geschichte die physischen und sozialen Realitäten der örtlichen Umgebung wider. Es ist ein Ackerbau-Gleichnis, und der Erzähler geht davon aus, dass wir wissen, wie die Menschen im östlichen Mittelmeerraum den Ackerbau betrieben. Der relativ planlose Stil den Samen auszustreuen bereitet den Leser auf die “vierfache” Art und Weise der Ernte vor. Während wir uns in diesem Fall das Szenario vorstellen können, ist uns oft der wesentliche Hintergrund unbekannt. Im Gegensatz zum Publikum der damaligen Zeit sind wir durch Zeit, Land, Kultur und Sprache davon getrennt.

In “The Man Who Would Be King,” wiesen wir darauf hin, dass das Gleichnis des Mannes, der ausging, um das Reich zu erwerben (Lukas 19,11-27) darauf aufbaut, dass wir die Geschichte von Archelaus kannten, dem Sohn des Herodes, der nach Rom ging, um das Königreich seines Vaters zu erben (Josephus Flavius, Jüdischer Krieg 2,34). Bei anderen Gelegenheiten scheint es so, dass Jesus bereits bestehende Gleichnisse auf seine eigenen Zwecke zugeschnitten hat. Die Schreiber der Evangelien gehen davon aus, dass wir diese Änderungen wiedererkennen, und manchmal liegt der Schlüssel die Zielsetzung Jesu zu erkennen in dem Wissen, wie er die bekannten Gleichnisse abgeändert hat.

Während die Anpassung der bestehenden Parabeln im rabbinischen Judentum normal ist, sind christliche Studierende überrascht zu sehen, wie sehr das Gleichnis Jesu vom Haus das auf einem Felsen erbaut wurde (Mt. 7,24-27; Lukas 6,47-49) dem Antiken Gleichnis in Avot de-Rabbi Natan (Verison A, Kap. 24, Godin, S. 103) gleicht. Es ist nicht nur die Metapher des Hausbaus auf einem festen Grund, welche in beiden Gleichnissen benutzt wird, sondern das Ziel der Gleichnisse ist auch ähnlich. Sie bekräftigen beide die Notwendigkeit des Handels und Gehorsams!

Die antike Debatte der relativen Wichtigkeit des Hörens des Wortes Gottes (d.h. des Studiums der Tora) und des Handelns nach dem Worte Gottes untermauert beide Gleichnisse. Immer wiederkehrend in der Diskussion ist die Erwähnung der ungewöhnlichen Wordreihenfolge in 2Mose 24,7: “Alles, was der Herr gesprochen hat, werden wir tun, und wir werden hören.” Die Weisen fragten, wie es möglich ist zu “tun” bevor wir “hören”. Diese Frage beinhaltet eine Meinungsverschiedenheit zu dem, was wichtig ist – das Wort Gottes zu hören oder zu tun. Jesus vertritt die Meinung derer, die einen starken Fokus auf die Aktion haben – ohne natürlich die Bedeutung des Studiums der Heiligen Schrift zu schmälern. Erinnern Sie sich an seine Warnung zu dem Beispiel von einigen Pharisäern: “Tut, was sie sagen, aber nicht was sie (nicht) tun!” (Mt. 23,2).

In der Tat liegt derselbe Fokus im Kern des Gleichnisses vom Sämann. Die vier Bodenarten repräsentieren die vier Arten der “Hörer”. Selbst die literarische Struktur der vier Bodenarten repräsentiert einen klassischen jüdischen Unterrichtsstil. Wenn ein Weiser verschiedene “Typen” beschreibt, dann sind es typischerweise vier. In Mischna, Avot 5 lesen wir mehrere Listen von “vier Typen”. Das Gleichnis Jesu folgt demselben Muster, indem es vier Arten von Hörern vorstellt (Lukas 8,11-15). Unsere Annahme, dass das Ziel des Gleichnisses ist, die Hörer zu ermutigen “gute Hörer” zu sein (d.h., jemand, der das Wort Gottes hört und es tut!), wird von dem Befehl des Markus in der Einleitung zum Gleichnis unterstützt: “Hört” (Mk. 4,3).

Das Gleichnis im Lukasevangelium ist von Hebraismen im Griechischen gezeichnet. Es beginnt (Lukas 8,5) mit der wiederholenden, narrativen Prosa: (wortwörtlich) “Derjenige, der Samen sät, säte seinen Samen.” Um den hebräischen Stil zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass hebräische Wörter auf eine Wurzel von drei Buchstaben aufbauen. Diese Wurzeln stellen die Basis für den Aufbau von verwandten Nomen, Verben und Adjektiven dar. So haben wir zum Beispiel den Drei-Buchstaben-Stamm des Wortes “Buch” (SePHeR): “S-PH-R”: Von dieser Wuzel ausgehend, finden wir die Wörter “Geschichte” (SiPuR), “Schriftgelehrter” (SoPHeR) und “erzählen” (SiPeR). Der hebräische Erzählstil erfreut sich daran, diese verwandten Wörter in Sätzen miteinander zu verbinden. Es ist diese Art von identifizierbarem Hebraismus in dem Gleichnis des Lukasevangeliums, der die Aufmerksamkeit der Gelehrten in Jerusalem auf sich zieht, die sich für die hebräischen Unterströme zu den synoptischen Evangelien interessieren. Obwohl unsere kanonischen Evangelien in griechischer Sprache geschrieben sind, weisen sie oft primitive hebräische Tendenzen auf. Andere Hebraismen in der Lukasversion sind “die Vögel des Himmels” (Lukas 8,5; siehe 1Mo 1,30; 2,10; vgl. Mt./Mk. “Vögel); “auf den Felsen” (Lukas 8,6; vgl. Mt./Mk. “auf felsigem Boden”); “Frucht bringen” (Lukas 8,8; siehe Gen. 1,11; 12,2; 2. Kön. 19,30; vgl. Mt./Mk. “Frucht geben”).

Die deutliche Bildsprache des vierfältigen Ergebnisses des gesäten Samens zeigt die Art des terrassenförmigen Ackerbaus im bergigen Land. Auf den Hängen des Hügels sammelt der Bauer die Steine vom Feld und benutzt sie, um Mauern für den Halt zu bauen. Dies hat den doppelten Vorteil, dass die Felsen vom Feld geräumt sind und Bodenerosion vorgebeugt wird. Pfade durch diese Felder gehen meisten an den Mauern entlang. Hier wachsen auch die Disteln und ersticken die andere Vegetation. Laut Gleichnis fällt der Samen auf den Pfad, wo er zertrampelt und von den Vögeln in der Luft gegessen wird. Einiges fällt auf die Felsen, einiges zwischen die Disteln. Der Samen, der nicht aufgeht, fällt am Rande des Feldes. Während man sehr vorsichtig sein muss, um ein Gleichnis nicht zu allegorisieren, wird die Botschaft des “guten Hörers” durch das Bild des Ackerbaus verstärkt: “Bleibe nicht am Rande. Sei verbindlich und gehorsam.”

Ein weiterer Hebraismus mag in der Beschreibung des Samens, der auf guten Boden fällt, enthalten sein. Es trägt “hundertfache” Frucht. Die Sprache und das Szenario weisen auf eine andere “hundertfache Ernte” hin, die vom Patriarchen Isaak gesät wurde: “Und Isaak besäte das Land, und erntete ein Hundertfaches im selben Jahr. Der Herr segnete ihn, und der Mann wurde reich, und verdiente immer mehr, bis er sehr reich geworden war” (1Mo 26,12-13).

Die Weisen diskutieren in antiken Kommentaren die Wichtigkeit des Segens des Herrn auf Isaak und seiner “Leistungsernte.” Eine interessante Interpretation deutet an, dass Isaak von der Verheißung wusste “Und ich werde Dich segnen und Deinen Samen um meines Dieners Abraham vermehren” (Gen. 26,12). Nichtsdestotrotz “erklärte Isaak (diesen Segen) und sagte: ‚Da der Segen nur durch Taten verdient wird…’, er erhob sich und säte” (Tosefta, Berachot 6,8). So resultierte der Segen Isaaks aus seinem Gehorsam auf Gottes Verheißung hin zu agieren.

Das Gleichnis endet mit dem Gebot Jesu “Wer Ohren hat, der höre.” Die meisten Leser übergehen diese Worte, als wären sie eine archaische Weise zu sagen “hört zu.” Im Kontext des Gleichnisses haben diese Worte jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Sie dienen als Ausrufezeichen, die letztendliche Herausforderung an diejenigen, die das Gleichnis Jesus gehört haben: “Seid gute Hörer! Seid solche, die das Wort Gottes hören und danach handeln. Dann werdet ihr wie Isaak gesegnet sein, und ihr werdet hundertfache Frucht für Euren Gehorsam ernten.”


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  • R. Steven Notley (Jerusalemer Perspektive)

    R. Steven Notley (Jerusalemer Perspektive)

    R. Steven Notley ist Dekan für Religionswissenschaft am Pillar College in Newark, New Jersey. Zuvor war er als Distinguished Professor für Neues Testament und die Anfänge des Christentums am New Yorker Campus der Alliance University tätig (2001–2023). Er promovierte an der Hebräischen Universität, wo er…
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