This article is a translation of: Joshua N. Tilton, “‘Shake the Dust from Your Feet’ : What Did the Apostles’ Action Signify?” Jerusalem Perspective (2016) [https://www.jerusalemperspective.com/15722/]. This translation originally appeared on the website Perspektive aus Jerusalem published by Horst Krüger.
Den Staub von den Füßen zu schütteln, ist eine mächtige, innerliche und bewegende Demonstration von Missbilligung. Als Seminarstudent habe ich einmal ein Ritual des Staubabschüttelns durchgeführt, basierend auf meinem Verständnis von Jesu Befehl in den Evangelien zu der Zeit, als ich das KZ Flossenbürg besuchte, in dem Dietrich Bonhoeffer von den Nazis am 9. April 1945 hingerichtet worden war.
Mein Besuch in Flossenbürg war Teil einer einwöchigen Studienreise, auf der wir Orte in Deutschland, Polen und der Tschechischen Republik besuchten, die in Bonhoeffers Leben von Bedeutung waren. Flossenbürg war das letzte Konzentrationslager, das wir besuchten, und den Staub von den Füßen zu schütteln, war meine Art, die Ablehnung der schrecklichen Gräueltaten des Naziregimes auszudrücken, aber auch meine Zurückweisung des Antisemitismus, das die Christeinheit seit langer Zeit durchsetzt, und welches die Gräueltaten, die von den Nazis verübt wurden, erst möglich machten.
Es gab eine weitere Gelegenheit, bei der ich ernsthaft darüber nachdachte, den Staub von meinen Füßen zu schütteln, aber mich letztendlich doch dagegen entschied. Es war der Moment, als ich von der Gemeinde, in der ich seit fünf Jahren als Pastor diente, entlassen wurde. Meine Entlassung beendete nicht nur meinen Dienst in dieser bestimmten Gemeinde, sondern sie beendete auch meine Beziehung zu der Konfession, in der ich ordiniert worden war, sowie meine gesamte pastorale Karriere. Der Grund, warum ich den Staub nicht von meinen Füßen schüttelte war, dass obwohl ich zutiefst durch die Entlassung verletzt worden war, ich die Menschen immer noch liebte, denen ich gedient hatte, obwohl sie diejenigen waren, die über meinen Abgang am glücklichsten waren. Und viele Jahre später liebe ich sie immer noch.
Der Staub
Die tiefe persönliche Verbindung, die ich mit dem Ritual des Staubabschüttelns habe, hat meine jüngsten Ermittlungen in Zusammenarbeit mit David Bivin, der Anweisung Jesu an die Apostel (Sending the Twelve: Conduct in Town – Dt. Die Aussendung der Zwölf – Verhalten in den Städten), umso bewegender gemacht. Jesu Befehl, den Staub von den Füßen zu schütteln, erscheint in Mt. 10,14; Mk 6,11; Lk 9,5 und 10,11. Lukas berichtet auch von einer Gelegenheit, bei der Paulus und Barnabas den Staub von ihren Füßen schüttelten (Apg 13,51). Hier lesen wir: „Und welche euch nicht aufnehmen, da gehet aus von derselben Stadt und schüttelt auch den Staub ab von euren Füßen zu einem Zeugnis über sie.“
Eine der Fragen, die David und ich während unserer gemeinsamen Arbeit erhoben, war: „Was bedeutet das Schütteln des Staubes von den Füßen der Apostel in dem jüdischen Kontext des 1. Jahrhunderts“?
Eine Standardinterpretation basiert auf dem antiken jüdischen Konzept der Unreinheit des Landes der Heiden. Die Auffassung, dass das Land der Heiden unrein ist, wird schon in der hebräischen Bibel belegt (z.B. Jos. 22:19; Amos 7:17), aber erst in der Zeit des Zweiten Tempels gewann die Unreinheit des Landes der Heiden halachische Bedeutung (t. Par. 3:5). Laut rabbinischer Halacha war der Boden auf heidnischen Ländereien rituell entweihend, und jeder, der damit in Berührung kam, zog eine siebentätige Zeit der Unreinheit auf sich. Aus diesem Grunde mussten Pilger, die aus der Diaspora nach Jerusalem kamen, einen langwierigen Reinigungsprozess durchmachen, bevor sie an den Riten im Tempel teilnehmen konnten. Die Reinigung der Pilger von der Unreinheit der heidnischen Länder wird sogar im Neuen Testament erwähnt (Joh 11,55; Apg 21,26-27).
Irreführende Spuren
Die übliche Interpretation der Handlung der Apostel, den Staub von ihren Füßen zu schütteln, legt nahe, dass Jesus das Konzept der Unreinheit der heidnischen Länder gegen die jüdischen Einwohner der Städte (rituell rein) im Land Israel anwandte. Diese Interpretation beharrt darauf, dass das Schütteln des Staubes von ihren Füßen auf dramatische Art symbolisierte, dass die Apostel Jesu ab diesem Moment die jüdischen Bewohner einer Stadt, die ihre Botschaft abgelehnt hatten, betrachteten, als wären sie von Israel abgeschnitten worden. Die Apostel sollten anderen Juden, die ihre Botschaft ablehnten, so behandeln, als wären sie Heiden, und der Boden, auf dem ihre Stadt gebaut worden war, sollte so behandelt werden, als wäre er der rituell unreine Boden der Länder der Heiden. Daraus folgend wird das Schütteln des Staubes der Stadt von ihren Füßen so verstanden, als würden sich die Apostel Jesu von der Unreinheit der Stadt, die sie abgelehnte hatte, reinigen.
Diese allgemein gängige Interpretation vom Abschütteln des Staubes von den Füßen ist sehr alt. Der früheste Beleg für diese Interpretation datiert auf das 17. Jahrhundert, aber es mag sie auch schon früher gegeben haben. Mit der wachsenden Akzeptanz dieser Interpretation begannen Gelehrte die Existenz eines antiken jüdischen Rituals des Staubabschüttelns zu vermuten. Dieses Ritual soll durchgeführt worden sein, wenn jüdische Pilger in das Heilige Land eintraten. Dieses angebliche Ritual des Staubabschüttelns wurde dann mit den Anweisungen Jesu an die Apostel gleichgesetzt, dass sie den Staub von ihren Füßen schütteln sollten, wenn sie eine Stadt verließen, in der sie nicht willkommen gewesen waren. Es gibt jedoch keinen Beweis in den antiken jüdischen Quellen, dass solch ein Ritual des Staubabschüttelns überhaupt jemals existiert hat. Die angebliche Zeremonie des Staubabschüttelns an den Grenzübergängen zum Heiligen Land ist nur wissenschaftliche Fiktionein Mythos, der von Bibelkommentatoren, Pastoren und Theologen aufrechterhalten wurde, weil er sich gut predigen lässt.
Diese Standardinterpretation ist unhaltbar, nicht nur weil sie sich auf eine wissenschaftliche Fiktion stützt, sondern auch, weil die ihr zugrundeliegenden Annahmen sehr schwer aufrecht zu erhalten sind.
Diese Interpretation des Staubabschüttelns von den Füßen lässt vermuten, dass Jesus sich frei fühlte, die Anforderungen der rituellen Reinheit neu zu interpretieren, wie es ihm passte, und so das System der rituellen Reinheit, welches von der Torah auferlegt wurde, gegen die Torahleser wenden konnte, wann es ihm beliebte. Aus den Evangelien ist jedoch ersichtlich, dass Jesus die Torah respektierte und an dem System der rituellen Reinheit teilnahm, so wie es im Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels üblich war.
Es ist wahr, dass einige Gruppen innerhalb der jüdischen Gesellschaft im ersten Jahrhundert darüber stritten, wie rituelle Reinheit eingehalten werden sollte. Es ist auch wahr, dass Jesus an diesen Debatten teilnahm, aber das ist kein Grund dafür anzunehmen, dass Jesus rituelle Reinheit dermaßen radikal neu interpretierte, dass er seinen Mitjuden einen Platz innerhalb des Judentums absprach.
Fern von dem Gedanken, seinen Mitjuden einen Platz innerhalb des Judentums zu verweigern, sah es Jesus vielmehr als seine Mission an, die Juden, die von der großen Masse der jüdischen Gesellschaft ausgegrenzt wurden, wieder zu integrieren, und das schloss Steuereinnehmer, Prostituierte und viele, die als „Sünder“ gebrandmarkt waren, mit ein. Jesus beschrieb seine Aktivität als eine Bewegung der Erneuerung, in der die verlorenen Schaffe Israels zu ihrer Herde zurück gebracht wurden. So stimmt die Standardinterpretation des Schüttelns des Staubes von den Füßen nicht mit dem Selbstverständnis Jesu von seiner Aktivität in der Öffentlichkeit überein. Außerdem basiert sie auf einem falschen Verständnis vom jüdischen Ritual der Reinigung.
Eine Sache der Gastfreundlichkeit
Wie sollen wir dann die Anweisung, den Staub von unseren Füßen zu schütteln, verstehen?
Zuerst ist es wesentlich, dass wir beachten, dass in jeder Version dieses Befehls eine Antwort auf Unwirtlichkeit zu sehen ist. Die Apostel sollten den Staub von ihren Füßen schütteln, wenn sie eine Stadt verließen, in der sie nicht freundlich aufgenommen worden waren. Da Aufnehmen so viel bedeutet wie Gastfreundlichkeit und nicht unbedingt die Akzeptanz ihrer Botschaft hatte die fehlende Aufnahme der Apostel weniger damit zu tun, wie die Stadt auf ihre Botschaft reagierte, sondern viel mehr damit, dass die Stadt den üblichen Normen der Gastfreundlichkeit gegenüber Fremden nicht folgte.
Zu den grundsätzlichen Aufgaben der Gastfreundschaft gegenüber reisenden Fremden, gehörte neben Essen und Unterkunft die Bereitstellung von Wasser, mit dem sich die Reisenden die Füße waschen konnten. Tatsächlich stand die Bereitstellung von Wasser vor der Bereitstellung von Essen. Das Wasser zur Verfügung zu stellen, falls man nicht selber dem Fremden die Füße wusch, war die erste Pflicht, die ein Gastgeber gegenüber seinen Gästen zu erfüllen hatte, damit diese sich wohl fühlten. Das Lukasevangelium erwähnt eine Gelegenheit, bei der Jesus seinen Gastgeber zur Rede stellte, weil dieser diese grundsätzlichste Aufgabe der Gastfreundschaft nicht erfüllt hatte (Lk 7,44).
Die fortlaufende Wichtigkeit der Fußwaschung im ersten Jahrhundert und darüber hinaus wird nicht nur in den Evangelien (Lk 7,44; Joh 13, 1-14) und in den Briefen des Neuen Testaments (1. Tim 5,10) belegt, sondern auch in der rabbinischen Literatur.
In einer Nacherzählung der Geschichte von Lot und den Engeln (Gen 19) in der Aggadah wird erwähnt, wie Lot es aus Angst vor den Einwohnern Sodoms vorsätzlich vermied, den Engeln die Füße zu waschen.
Nach der Aggadischen Legende überlegte Lot, dass wenn die Menschen der Stadt den Staub an den Füßen der Engel sahen, wenn sie nach einer Nacht in Lots Haus die Stadt verließen, die Einwohner annehmen würden, die Engel seien gerade erst von der staubigen Straße angekommen. So würde ihm niemand Fragen darüber stellen, wo diese am Vorabend genächtigt hatten. Die Aggadah basiert auf der Annahme, dass die Fußwaschung eine der grundsätzlichen Gastgeberpflichten war.
Die Aggadische Legende über Lot basiert auch auf der weitgehend bezeugten Überlieferung, dass Sodom für Unwirtlichkeit gegenüber Fremden berüchtigt war (Hes. 16:49; Wis. 19:14; Jos., Ant. 1:194; b. Sanh. 109a; Pirke de-Rabbi Eliezer, chpt. 25). Auch der Kommentar in m. Avot 5,10 besagt, dass ein Mensch, der behauptet “Was dein ist ist dein und was mein ist ist mein”, die Menschen in Sodom beschreibt, basierend auf Sodoms Ruf gegenüber Fremden geizig zu sein.
Wenn man diese kulturellen Annahmen zur Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Fußwaschung in der jüdischen Kultur betrachtet, ergibt sich eine neue und beruhigende Interpretation der Anweisung Jesu, dass die Jünger den Staub von ihren Füßen schütteln sollten, wenn sie eine unwirtliche Stadt verließen. Wenn die Apostel noch immer Staub von ihren Reisen an den Füßen hatten, wenn sie eine Stadt verließen, dann heißt das, dass sich niemand darum gekümmert hatte, ihnen Wasser zur Reinigung der Füße zu geben, als sie in die Stadt hinein gekommen waren. Den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie die Stadt verließen, war nur eine Art, den Menschen in dieser Stadt zu zeigen, wie unwirtlich sie sich verhalten hatten. Hätten diese Menschen ihre grundsätzlichen Gastgeberpflichten erfüllt, wäre kein Staub mehr an den Füßen der Apostel zu finden gewesen, den es nun galt, abzuschütteln.
Thematische Einheit
Wenn man den Befehl Jesu, den Staub von den Füßen zu schütteln, als Zeichen der Unwirtlichkeit einer Stadt versteht, dann ist klar, warum Jesus im Matthäus- und Lukasevangelium sagt: „Amen! Das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt“ (Mt 10,15 und Lk 10,12).
Jesus verglich den Glauben einer Stadt, die den Aposteln die Gastfreundschaft verweigert, mit dem Gericht von Sodom, dem biblischen Archetyp einer unwirtlichen Stadt. Wenn die Symbolik des Abschüttelns des Stauben von den Füßen als Zeichen der Unwirtlichkeit einer Stadt gegenüber der Apostel verstanden wird, dann passt sie in die Verse, in der diese Anweisung eingebettet ist. Die Standardinterpretation dieser Handlung als ein umgekehrtes Ritual der Selbstreinigung ist zudem dermaßen verworren, dass es schwer ist zu glauben, dass überhaupt Jemand im ersten Jahrhundert die Bedeutung einer solchen Interpretation verstanden hätte. Insbesondere, weil es keinen Beweis dafür gibt, dass ein Staubschüttel-Ritual für Pilger überhaupt existierte, ist die Behauptung, dass das Schütteln des Staubes von den Füßen vermittelt haben könnte, dass eine jüdische Stadt nicht mehr Teil Israels sein würde, sehr schwer verdaubar. Es ist Zeit, diese falsche Interpretation endlich ad acta zu legen.
Wenn das Schütteln des Staubes von den Füßen als ein Zeichen der Unwirtlichkeit einer Stadt verstanden wird, dann verbindet es die Bibelstelle, in der steht, wie die Apostel auf eine Stadt reagieren sollten, die sich weigerte, sie willkommen zu heißen, mit der Bibelstelle, in der Jesus davon spricht, dass das Schicksal einer unwirtlichen Stadt schlimmer sein wird, als das Schicksal von Sodom.


